Wissenschaftliche Errungenschaften

Mit einem Schritt nach 1979

Der erste funktionierende Hubschrauber wurde von Henrich Focke in Bremen erfunden. Das Labor des Aerodynamikers in der Nähe des Bahnhofes sieht dank eines Vereins noch heute so aus, wie damals.
12.07.2020, 07:37
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Von Louis Kellner (Fotos) und Rebecca Sawicki (Text)

Erwarten würde man nicht, dass sich in dem Gebäude, das aussieht wie ein Fahrradschuppen in einem Bremer Hinterhof, der Windkanal des Aerodynamikers Henrich Focke befindet. Noch weniger, dass dieses Labor, in dem der Flugpionier unter anderem Strömungsphänomene untersuchte, in den Jahren nach seinem Tod, 1979, zunächst dem Verfall überlassen war, ehe es aufwendig restauriert wurde. Doch wie so oft im Leben ist es genau so, wie man es eben nicht erwartet. Glücksbringer des Windkanals war und ist Ingenieur Kai Steffen.

„Ich habe 1997 zu Weihnachten von meiner Mutter die Memoiren Henrich Fockes geschenkt bekommen. Darin schrieb er von seinem Labor und von seinem Privathaus in Horn“, sagt Steffen. Er ist Vorsitzender des Focke-­Windkanal-Vereins und stammt selbst aus Horn. Durch die Schilderungen in den Memoiren sei ihm schnell klar geworden, dass das Privathaus des Wissenschaftlers bei ihm um die Ecke liegen müsse. „Ich wollte herausfinden, was aus dem Windkanal geworden ist. Also habe ich einen Zettel an die Tür gehängt und meine Nummer hinterlassen“, sagt er. Sein Plan ging auf, einer der Nachfahren, Ingo Focke, meldete sich bei ihm.

Wenige Monate später staunten Steffen und zwei seiner Kommilitonen nicht schlecht: „Der Zustand war katastrophal. Alles war nass, Holzwürmer und Schimmel überall“, erinnert er sich und zeigt Fotografien. Dennoch vergleicht er das Gefühl, dass ihn und seine Mitstudenten beim Betreten des Labors überkam, mit einer Privataudienz beim Papst – „uns war direkt klar, dass es dieses Labor zu erhalten gilt.“

Seit 2004 steht das Labor unter Denkmalschutz, ein Jahr später wurde es ausgezeichnet. Bevor es allerdings soweit kommen konnte, mussten Steffen und sein Team mehr als einmal um Sponsoren werben; um Geld betteln, wie er es nennt. Erst als die Medien 2002 über das Projekt berichteten, kam die Sache schließlich ins Rollen. „Ich musste mich damals entscheiden: eine eigene Karriere oder der Windkanal. Finanziell war das der größte Fehler meines Lebens“, sagt Steffen.

Noch heute wird der Windkanal auch als Labor genutzt. Die Nutzung ist für Forscher kostenlos, das ist laut Steffen sehr ungewöhnlich: „Normalbürger müssen woanders locker tausend Euro zahlen.“ Diese Chance nutzen sowohl Studenten als auch junge Forscher und künftige Nobelpreisträger – prämiert wurden Letztere allerdings nicht, da die ambitionierten Wissenschaftler, laut Steffen, so manches physikalisches Gesetz ignoriert hätten.

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