Meeresbiologe Bevis Fedder wirbt bei „Wissen um 11“ für bürgernahe Forschung Mit einer App Tiere und Pflanzen bestimmen

Altstadt. In der Reihe „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft in der Sandstraße erläuterte der Meeresbiologe Bevis Fedder mit seinem Vortrag „Raus aus dem Elfenbeinturm! Die gesellschaftliche Verantwortung der Forschung“ die Kriterien für eine „Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung“. Fedder ist Leiter des Büros für Wissenschaftsaustausch am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) und setzt sich dafür ein, Forschungsergebnisse gesellschaftlich anschlussfähig zu machen.
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Von Matthias Holthaus

Altstadt. In der Reihe „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft in der Sandstraße erläuterte der Meeresbiologe Bevis Fedder mit seinem Vortrag „Raus aus dem Elfenbeinturm! Die gesellschaftliche Verantwortung der Forschung“ die Kriterien für eine „Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung“. Fedder ist Leiter des Büros für Wissenschaftsaustausch am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) und setzt sich dafür ein, Forschungsergebnisse gesellschaftlich anschlussfähig zu machen.

„Wo steht die Wissenschaft in Deutschland: Sind wir noch im Elfenbeinturm drin oder haben wir den Elfenbeinturm bereits verlassen?“ So lautete die Eingangsfrage Fedders, um sich dann der Begriffsklärung „Elfenbeinturm“ zu widmen: Aus der christlichen Tradition folgend ist das Wort zunächst positiv besetzt: Die Jungfrau Maria wird dort als elfenbeinener Turm beschrieben und stellt die geistige und geistliche Einheit dar.

Die neue Zeit hat jedoch ein kritischeres Bild gezeichnet: Der Elfenbeinturm der Neuzeit ist laut Fedder ein immaterieller, unberührter und abgeschiedener Ort. „Dort wird es den Wissenschaftlern und Künstlern möglich gemacht, mit Reinheit und Hingabe Ideale herzudenken und zu entwickeln“, führt der Wissenschaftler aus, „und dabei wird in Kauf genommen, dass Künstler, Wissenschaftler und Philosophen weltfremd werden, realitätsfern arbeiten und sich abschotten“.

Aus dieser Tradition heraus ist die heutige Sicht auf den Elfenbeinturm durchweg negativ besetzt: Die wissenschaftliche Fachsprache verhindert einen Dialog, Wissen wird nicht oder nur mangelhaft vermittelt und die Wissenschaftler orientieren sich eher an sich selber als an der Gesellschaft. Die möglichen Gründe hierfür liegen dabei oftmals im Zeitmangel begründet, aber auch in der Angst vor Daten- und Ideenklau. „Doch ist das heutige Verständnis von der Wissenschaft im Elfenbeinturm in Deutschland noch zeitgemäß?“, fragt Bevis Fedder, „und stimmt es, dass die Wissenschaft ihr Wissen schlecht oder gar nicht vermittelt?“

Diese Frage verneint der Wissenschaftler: „Ich möchte behaupten, dass sich die Wissenschaft an der Gesellschaft orientiert und sich die Forschung an gesellschaftliche Probleme anpasst“, so Fedder, „die Wissenschaft bindet die Gesellschaft in den Forschungsprozess ein“. Man könne dies als „Bürgerwissenschaft“ bezeichnen.

Zur Unterstreichung seiner These sollen drei Beispiele dienen. Da ist einmal die Forschungsförderung, die als forschungspolitisches Steuerungsinstrument der Forschung bezeichnet werden könne. Drei Prozent des Bruttoinlandproduktes oder rund 90 Milliarden Euro werden jährlich für die Forschung ausgegeben, zwei Drittel davon für die Wirtschaft, ein Drittel für Universitäten und außeruniversitäre Institute. Das Bundesministerium für Bildung ist dabei eine Institution zur Vergabe von Fördermitteln: 16,4 Milliarden Euro wurden 2016 dafür veranschlagt. Die Europäische Union vergibt zwischen 2014 bis 2020 rund 77 Milliarden, um verschiedene Förderthemen, wie zum Beispiel die Themen Gesundheit, Biowirtschaft und Energie, aber auch den Bereich „Wissenschaft mit und für die Gesellschaft“ zu unterstützen.

Als Beispiel der Arbeit von außeruniversitären Instituten geht Bevis Fedder dann näher auf die „Leibniz-Gemeinschaft“ ein. Mit 88 Instituten und 18 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern standen der Leibniz-Gemeinschaft im Jahr 2015 rund 1,6 Milliarden Euro zur Verfügung. Laut Fedder widmet sich die Leibniz-Gemeinschaft Fragestellungen mit gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Relevanz. Es gebe aber auch Forschungsverbünde zwischen den einzelnen Instituten wie der „Fraunhofer-Gesellschaft“, der „Helmholtz-Gemeinschaft“ und eben der „Leibniz-Gemeinschaft“. Dann entstünden Forschungsfelder wie zum Beispiel „Krisen einer globalisierten Welt“ oder „Gesundes Altern“.

Die Einbindung der Gesellschaft in die Forschung ist für Bevis Fedder ein sehr interessantes Feld: Bürger sammeln und kreieren Daten oder werden an der Forschung, beispielsweise durch Smartphone-Apps, beteiligt. So ist es möglich, die App „Animals and Plants“ zur Bestimmung der Tier- und Pflanzenarten zu Hause oder im Urlaub zu nutzen. Eine andere App namens „Verlust der Nacht“ misst die Lichtverschmutzung in deutschen Städten, Sichtungen von Tieren in Großstädten können mittels der Website „Wildschweine in der Stadt“ dokumentiert werden.

Die Vermittlung von Wissen ist laut Fedder ebenfalls ein Tätigkeitsfeld der Forschungsorganisationen: Mittel hierzu könnten soziale Medien oder Mediatheken sein, aber auch Informationsveranstaltungen wie ein Tag der offenen Tür oder Girls Days. Komplettiert werde diese Aufgabe mit speziellen Angeboten für Schülerinnen und Schüler, Ausstellungen oder Wissenschaftsmagazinen.

„Die Wissenschaft bindet die Gesellschaft in den Forschungsprozess ein.“ Meeresbiologe Bevis Fedder
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