Studierende denken über Unternehmensgründungen mit sozialem Hintergrund nach

Mit Firmen die Welt verbessern

Horn-Lehe·Neustadt. „Lass uns eine Limonade machen und damit die Welt verändern.“ Diese Idee stand am Anfang einer Erfolgsgeschichte.
06.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von JOSCHKA SCHMITT
Mit Firmen die Welt verbessern

Jakob Berndt stellt sein Produkt Limonaid vor – mit jedem Kauf wird gespendet.

Joschka Schmitt

„Lass uns eine Limonade machen und damit die Welt verändern.“ Diese Idee stand am Anfang einer Erfolgsgeschichte. Etwas blauäugig sei das gewesen, gibt Jakob Berndt von Lemonaid aus Hamburg zu. Er steht im Rahmen des Social Entrepreneurship Camps vor gut 30 Studenten an der Uni Bremen und berichtet vom Werdegang dieses Vorzeigeprojekts sozialen Unternehmertums. Es ist der erste etlicher Vorträge des dreitägigen Blockseminars, später sollen dann eigene Ideen entwickelt werden. Stets geht es dabei um den Anspruch, gesellschaftliche Probleme unternehmerisch anzugehen und so die Zukunft mitzugestalten.

Die Themenfelder sind vielfältig, umfassen etwa Gesundheit, Umweltschutz, Armut, Bildung, Inklusion oder Integration. Insgesamt 17 solcher globalen nachhaltigen Entwicklungsziele hat die UN definiert. „Wir wollen klären, was dahinter steckt“, sagt Carsten Lessmann von der Hilfswerft mit Sitz in der Neustadt, die soziale Gründung fördert. Gemeinsam mit drei Kollegen und dem Lehrstuhl für Mittelstand, Existenzgründung und Entrepreneurship ist er Veranstalter. Hauptsächlich BWL-Studenten sind es, die die Chancen zur kritischen Auseinandersetzung und Erprobung des Phänomens wahrnehmen wollen. Die Prüfungsleistung bildet mit einem sogenannten Elevator-Pitch die Kurzpräsentation eigener Geschäftsmodelle.

Nachhaltig und mit Spaß

„Das gesellschaftliche Gewicht nimmt zu, Unternehmen können Verantwortung übernehmen und an der Lösung globaler Probleme teilhaben.“ Viele gute Beispiele gebe es bereits, die besten müssten allerdings erst noch erfunden werden, sagt Carsten Lessmann. Von den Studenten zum Beispiel. Sein Kollege Nils Dreyer begann früh, Onlineangebote zu entwickeln. „Noch zu Zeiten, als das Internet so schnell war wie heute bei einem Smartphone mit schlechtem Empfang.“ Inzwischen investiert er selbst als Business Angel in Start-ups. „Wenn hier etwas entsteht, das professionalisiert werden soll, können wir uns gerne unterhalten“, stellt er in Aussicht.

Nach Ansicht des Pioniers Muhammad Yunus, sollen Sozialunternehmen unter anderem Probleme lösen, ökonomisch nachhaltig, umweltbewusst und zu guten Bedingungen arbeiten sowie Spaß machen. Richtlinien auch für die Studenten. „Die Probleme der Welt sind Marktchancen, Investition von Schaffenskraft kann etwas bewirken“, sagt Nils Dreyer. Ein Großteil gemeinnütziger Arbeit entfalle noch auf Wohlfahrt und Kirchen, die weniger dynamisch agierten. Daneben etabliere sich nun eine Start-up-Szene, die zum Umdenken bewege. Wichtig ist dabei die Vermarktung – Soziales ist ein beliebtes Zugpferd für Mitarbeiter und Kunden.

Ein Pferd, auf das auch Lemonaid gesetzt hat, wobei die Limonade laut Jakob Berndt eher das Mittel zum Zweck war. Während der Entwicklungshilfe nach einem Tsunami in Sri Lanka sei die Erkenntnis gereift, dass Hilfsorganisationen den Bezug zum Geld verlieren, wenn sie es nicht selbst verdienen, sondern aus staatlichen Töpfen erhalten. Die Gründer wählten also den unternehmerischen Ansatz, wollten ein Konsumgut als soziales Profitgut einsetzen. Mit einer WG-Küchen-Rezeptur sei das organisatorische Dickicht bezwungen und schließlich eine Vision entwickelt worden. „Wir wollten die Idee des fairen und biologischen Handels aus dem Reformhaus befreien und mit ihr tanzen gehen, sie entstauben“, sagt Berndt.

Kein Wunder, dass die Limo mittlerweile sehr präsent auf Festivals wie etwa der Breminale ist. Durch die attraktive und zeitgemäße Kommunikation hat Lemonaid dazu beigetragen, auch Zielgruppen zu erreichen, die vorher weniger sensibel schienen. Mit fünf Cent pro verkaufter Flasche wird Hilfe zur Selbsthilfe in weltweiten Anbaugebieten geleistet. „Wir nennen es das ,Trinken-hilft-Prinzip’“, so Jakob Berndt. Dafür müsse dem Konsumenten eine Haltung vermittelt werden und die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Teilhabe im Supermarkt anfangen kann, jedoch nicht aufhören darf.

Wie wichtig solch kreative Ansätze sind, verdeutlicht anschließend Jens Groth. Er ist Unternehmensberater für Innovation, lehrt an der Hochschule Bremen und vermittelt pointiert Tipps und Mut, der Fantasie freien Lauf zu lassen. „Kreativität ist nicht auf Kommando abrufbar, lässt sich aber mit Methoden wie dem Design Thinking trainieren“, sagt der Fachmann. Es gelte quer zu denken sowie früh und oft Fehler zu machen, um daraus zu lernen.

Carsten Lessmann betont auch, wie wichtig Herzblut fürs Gelingen sei, das habe Lemonaid gezeigt. Der Erfolg gibt den Limoproduzenten recht, mittlerweile wird expandiert; das Team zählt 50 Mitarbeiter, und 2015 konnten knapp 10 Millionen Flaschen abgesetzt werden. Erst kürzlich wurde der Meilenstein von einer Million Euro für soziale Zwecke überschritten. Bereits 45 000 Euro reichen, um eine Hochschule für Sozialunternehmer in Mexiko für ein Jahr zu finanzieren.

Die Ergebnisse des Workshops sollen in Kürze unter www.hilfswerft.de/uni-bremen dokumentiert werden.

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