Freimaurerloge lädt zum Vortrag über Herrenmode Mit Frack, Korsett und Querbinder

Vegesack. Seit vier Jahren öffnet die Freimaurerloge „Anker der Eintracht“ im Rahmen der „Vegesacker Gespräche“ ihre Tür regelmäßig für die Öffentlichkeit. Am Freitag lud der Meister vom Stuhl Klaus Fischer nun zu einem Vortrag, der in Verbindung zur traditionsbewussten Kleidervorschrift bei der Tempelarbeit der Freimaurer stand.
27.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Alexander Bösch

Vegesack. Seit vier Jahren öffnet die Freimaurerloge „Anker der Eintracht“ im Rahmen der „Vegesacker Gespräche“ ihre Tür regelmäßig für die Öffentlichkeit. Am Freitag lud der Meister vom Stuhl Klaus Fischer nun zu einem Vortrag, der in Verbindung zur traditionsbewussten Kleidervorschrift bei der Tempelarbeit der Freimaurer stand. Im Mittelpunkt stand ein reichlich bebilderter Streifzug durch die Geschichte der Abend- und Festkleidung der vergangenen drei Jahrhunderte. Die Referentin Gesa Bernges betreut als Diplomrestauratorin für Textilien und archäologische Fasern zahlreiche Kleidungsstücke und Accessoires eines historischen Museums in der Schweiz.

„Was trug man(n) von 1700 bis heute?“, fragte Gesa Bernges. Sie war durch eine mit dem Logenhaus zusammenhängende Erfahrung auf die Idee gekommen, sich der Thematik zu widmen. Drei Jahre zuvor hatte sie ihren Schwiegervater beobachtet, wie dieser mit Zylinder und in Abendkleidung das Haus verließ, um das Vegesacker Logenhaus zu besuchen. Als die Restaurierungsexpertin erfuhr, dass zum Dresscode der Freimaurer wahlweise Frack, Smoking oder dunkle Anzüge gehören, entschloss sie sich, das weitgehend unerforschte Gebiet abendlicher Herrenmode näher zu betrachten.

Grundsätzlich wirke sich ein geschmackvoller Kleidungsstil positiv auf Körperhaltung, Gestik, das eigene Empfinden und somit auf die Außenwirkung aus. Der Träger könne über verbale Kommunikation hinaus durch Kleidung eine Botschaft an seine Umwelt senden und ein Zugehörigkeitsgefühl oder das Gutheißen eines (politischen) Wertesystems ausdrücken. Umgekehrt drohe bei nachlässigem Stil ein Status- und Prestigeverlust. Ansonsten, wie es im Ratgeber „Der gute Ton in allen Lebenslagen“ von 1913 heißt, blühe dem Modemuffel nämlich, „dass jemand, der schlecht angezogen ist, immer erst einen Nachweis führen muss, dass er trotzdem zur guten Gesellschaft gehört“. Im „Kleinen Buch der Herrenmode“ von 1964 heißt es gar: „Korrekte Kleidung ist nur eine weitere Form von guten Manieren und gute Manieren sind eine weitere Form von mentalem Wohlbefinden.“

Abendliche Herrenkleidung signalisiere, dass das Tagwerk beendet sei oder dass der Mann nun Zeit für die Familie habe. Sie könne aber auch seine soziale Stellung bekräftigen. Dekorative, dem Stand angemessene Verzierungen, enge Schnitte, kostbare Materialien wie Edelsteine, Samt oder Pelze waren im 18. Jahrhundert keineswegs der Damenwelt vorbehalten. Was zunächst lange Zeit zur Tageskleidung gehörte, war im vom französischen Hof geprägten 18. Jahrhundert schon bald nur noch als Abendgarderobe verbreitet.

Kleidungsstücke wie der Herrenrock und aus heutiger Sicht exaltiert wirkende Accessoires wie Schuhe mit Schnallen, der Dreispitz mit seiner nach oben geklappten Krempe, gepuderte Perücken, Seidenstrümpfe und ein mitgeführter Degen gehörten ebenso zum guten Ton wie gestickte Blümchen, Spitzen und Edelsteine.

Um 1770 setzte sich die englische Mode gegen die französische durch, berichtete Gesa Bernges. Die am wirtschaftlichen Reichtum und am Handel orientierte Oberschicht setzte auch modische Akzente. Um 1740 lies der englische Landadel erstmals die später typischen Schöße in den Frack einschneiden. Seinen Ursprung hatte der Frack freilich als Militärrock, vorzugsweise getragen mit an den Seiten umgeklappten Kanten und vielen Knöpfen. Eine politische Botschaft habe der Zylinder transportiert: Sein Träger symbolisierte unverhohlene Sympathie für die amerikanischen Unabhängigkeitskriege. Der hohe Hut, mutmaßte Bernges, habe seinen Träger womöglich größer und stattlicher wirken lassen.

Im 19. Jahrhundert habe sich die Mode dann zunehmend vom Vorbild des Adels gelöst. Das Arbeits- und Geschäftsleben habe die einstige modische Exzentrik nach dem Motto „Der Pfau wird grau“ wieder zurückgeschraubt. Mehr und mehr setzte sich ein festes Regelwerk durch. „Der Frack verschwindet aus dem Alltag und wird zum reinen Abendanzug“, so Bernges.

Nuancen wie der Schnitt der Kleidung und die Frage, bei welchem Schneider man arbeiten lasse, bestimmten insbesondere den Alltag des nach Prestige gierenden Dandys, der sich „alle drei Wochen einen neuen Frack bestellt und 20 Hemden pro Woche verbraucht“. Für formelle Anlässe setzte sich Schwarz durch. Sogenannte Escarpins oder Pumps sind auf abendlichen Soireen Pflicht für den Herrn. „Das ist ja alles tailliert, gab‘s da keine Dicken?“, fragte ein Gast. Tatsächlich habe sich der Mann von Welt in ein Korsett einschnüren lassen.

In der Hutmode bestimmten der Zweispitz und Kalabreser das Geschehen und bargen durchaus politischen Sprengstoff. So sei Franz Liszt einst angefeindet worden, als er mit einem weichen Filzhut gesehen wurde, der eine vermeintlich antifeudale Gesinnung des Komponisten signalisiert habe.

Um 1889 feierte der Smoking in Großbritannien seine Geburt. Der Wunsch, im typischen Rauchsalon eine bequeme, aber auch offizielle Jacke zu tragen, führte zu der Mischung aus Frack und Jackett. Üblicherweise ab 19 Uhr getragen, sei der legere Smoking, oft eine dunkle Weste zu dunklem Querbinder, allerdings tabu gewesen, wenn nur eine einzige Dame anwesend war.

Im 20. Jahrhundert differenzierte sich die Herrenkleidung immer facettenreicher je nach Anlass und Tageszeit. „Es wurde eher am Essen gespart, als dass man am Sonntag in schlechter Kleidung auf die Straße ging“, zitierte Bernges aus einem Ratgeber. Wer zum Smoking einen Zylinder trug – ein gesellschaftliches „No Go“ – ruinierte sein soziales Ansehen. In den vergangenen Jahren sei ein unbekümmerter Kleidungsstil zu bebachten, der oft von Geschmacksunsicherheit und geringen historischen Kenntnissen zeuge. Zu beobachten sei eine Rückkehr zu einer „neuen Eleganz“ und zu bereits eingemottet geglaubten Trends wie der Stresemannhose oder der Messjacke. „Die alten Elemente werden wieder verwendet, aber das einstige Regelwerk dazu ist vielen nicht mehr vertraut“, umschrieb sie eine gewisse Beliebigkeit bei der Kleiderwahl.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+