Lernen mit den sozialen Medien

Mit Instagram zum Einserschüler

Benjamin Hadrigans Lehrerin gab den damals elfjährigen Fünferschüler auf. Doch der Österreicher brachte sich das Lernen mit den für ihn passenden Methoden selbst bei. Heute hilft er Schülern das Lernen zu erlernen.
04.04.2019, 06:30
Lesedauer: 5 Min
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Mit Instagram zum Einserschüler
Von Ina Bullwinkel

Benjamin Hadrigan war kein guter Lerner. Der Österreicher schrieb Fünfen, hasste die Schule. Eines Tages beschloss er, nur noch Einsen zu schreiben. Seine Lehrerin lachte ihn aus, glaubte nicht an ihn. „Jetzt zeig' ich's ihr“, dachte sich der damals Elfjährige. Er las Bücher zu verschiedenen Lernmethoden, fand heraus, welcher Lerntyp er ist und begann, mit Karteikarten zu lernen.

„Da ist mir aufgefallen, dass man in der Schule nicht beigebracht bekommt, wie man richtig lernt.“ Nach etwa einem halben Jahr schrieb er Einsen und Zweien, gehörte plötzlich zu den Besten in seiner Klasse. Er fing an, Nachhilfe zu geben und andere das Lernen zu lehren.

Wenn er selbst gelernt hat, neigte Hadrigan allerdings dazu, seine Karteikarten zu verlegen. „Das ist natürlich fatal, wenn man den Inhalt dieser Karten dann nicht für den Test gelernt hat“, sagt Hadrigan. Deshalb ging er dazu über, die Karten mit seinem Smartphone zu fotografieren, um sie zu sichern.

Als er die Fotos einem Freund per Whatsapp schickte, der ebenfalls mit Karteikarten lernte, kam ihm eine Idee. Wieso nicht mit den Medien lernen, die er sowieso jeden Tag in seiner Freizeit nutzt? Das war für Hadrigan der Startschuss, sich mit den sozialen Medien Instagram, Snapchat und Whatsapp auf Prüfungen vorzubereiten. „Lernen hat auch viel mit Psychologie zu tun„, sagt der heute 17-Jährige. “Wenn man etwas gerne macht, lernt man es automatisch.“

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Für ihn sei es nicht nachvollziehbar, warum sich Schulen nicht mehr an die Bedürfnisse der Schüler anpassen und soziale Medien in das Lernen integrieren. „Die Schüler werden in das große Meer des Lernens geworfen, ohne zu wissen, wie man schwimmt. Natürlich werden dann viele untergehen, die Schule abbrechen und sagen, sie hassen das Lernen“, sagt Hadrigan.

Schülern beizubringen, wie man richtig lernt, sei kein großer Aufwand. Damit es anderen besser ergeht als ihm, hat Hadrigan nun ein Buch über das Lernen mit sozialen Medien geschrieben. In „#Lernsieg“ hat er festgehalten, wie er lernt.

Die wichtigsten Fakten zählen

Hadrigan macht sich eine wichtige Eigenheit sozialer Medien zunutze: Inhalte verkürzt wiedergeben. Es gibt dort keine langen Texte, sondern meist nur zwei bis drei Sätze mit einem dazugehörigen Foto. Wörter werden abgekürzt, Stichworte als Hashtags gekennzeichnet. Und darum geht es auch beim Lernen: Die wichtigsten Fakten kurz zusammenzufassen und anschaulich darzustellen, damit die Informationen im Gedächtnis bleiben.

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Hadrigan verspricht den Lernern den größten Erfolg, die Instagram, Snapchat und Whatsapp kombiniert nutzen. Dabei eignet sich ein Medium jeweils am besten für einen bestimmten Schritt im Lernprozess.

Die Foto-Plattform Instagram steht am Anfang des Lernens. Hier wird der Stoff aufgeteilt, vereinfacht und strukturiert. Instagram-Nutzer haben ein Profil, mit dem sie Fotos oder Videos teilen, die dann ihre Follower und Freunde sehen können. Meistens geht es darum, Urlaubsfotos, Selfies oder Storys – kurze Videosequenzen – zu teilen.

Die Follower kommentieren diese Bilder und Filme dann oder liken sie. Beim Lernen mit Instagram geht es allerdings nicht darum, möglichst viel Aufmerksamkeit und Likes zu bekommen. Deshalb soll sich der Schüler einen neuen Account erstellen, der privat ist und keine anderen Nutzer zulässt. So können die Freunde nicht mit Kommentaren und Nachrichten ablenken. Außerdem mischen sich private Bilder nicht mit dem Lernstoff.

Als Benutzernamen schlägt Hadrigan eine Kombination aus Fachnamen und Prüfungsdatum vor. In dem kurzen Profiltext steht nicht wie sonst ein kurzer Text zur Person, sondern ein paar Stichworte zum Lernstoff. Jetzt beginnt das Zusammenfassen. Weil es ihm selbst geholfen hat, legt Hadrigan seinen Lesern ans Herz, das entsprechend dem eigenen Lerntyp zu tun.

Auditive Lerntypen sollen etwa den Stoff in einem Video aufsprechen, visuelle Lerntypen lieber Bilder verwenden. In beiden Fällen schreibt der Lerner selbst Fragen zum Video oder zum Bild in die Kommentarspalte und beantwortet diese korrekt. Mit einer Instagram-Story lässt sich außerdem eine Art Quiz simulieren. Da sich in einer Story mehrere Bilder oder Videos abspeichern lassen, die mehrere Sekunden lang abgespielt werden, können Nutzer zuerst eine Frage stellen und diese dann selbst beantworten.

Von Instagram zu Snapchat

Ist die Story als Highlight gespeichert, kann sie immer wieder angesehen werden. Der Lerner kann die Fragen also mehrmals durchspielen und seine Antworten anschließend mit der richtigen Lösung vergleichen.

Ist der gesamte Lernstoff bei Instagram sortiert, eignet sich nach Hadrigan der Kurznachrichtendienst Snapchat zum Abfragen. Die Besonderheit der Plattform ist, dass Fotos und Videos nach dem Ansehen gelöscht werden. Außerdem lässt sich einstellen, wie lange ein Bild angezeigt wird. So lässt sich sehr einfach eine Prüfungssituation simulieren. Hat man einen Lernpartner, kann man ihm also Fragen schicken, die er in einer bestimmten Zeit beantworten muss.

So gehen Fragen und Antworten hin und her. Auch hier bestimmen laut Hadrigan die Lerntypen über den Lernerfolg und deshalb darüber, ob die Frage als Video, Bild oder Sprachnachricht gestellt und beantwortet werden sollte. Mangels wissenschaftlicher Beweise hält Lehr-Lern-Forscher Florian Schmidt-Borcherding von der Uni Bremen jedoch nicht viel von Lerntypen. Vielmehr sei die gleichzeitige Nutzung von Sprache und Bildern sinnvoll: „Je reichhaltiger die Darstellung der Information, umso besser kann ich mich an den Inhalt erinnern.“

Die richtige Whatsapp-Nutzung

Whatsapp empfiehlt Hadrigan vor allem zum Lernen in der Gruppe. Per Videotelefonie lassen sich etwa Lerntreffen von jedem Ort abhalten, sodass die Schüler sich die Fahrzeit zu ihren Lernpartnern sparen. Es besteht allerdings die Gefahr, über etwas anderes als den Prüfungsstoff zu sprechen.

Mit Whatsapp lässt es sich aber auch alleine lernen. Dazu muss man zunächst eine Gruppe mit sich selbst als einzigem Mitglied erstellen und Fragen eingeben, ganz so wie beim Verschicken einer Nachricht. Diese trennt man mit Punkten, wieder als Nachricht, um weiter unten im Chatverlauf die Antwort einzufügen.

Die Schüler lesen also die Frage, ohne dass sie gleichzeitig die Lösung sehen können. Von der Art wie Schüler in Österreich auf Prüfungen vorbereitet werden, hält Hadrigan nicht viel: „Die Methoden, mit denen wir heute lernen, stammen aus dem 18. Jahrhundert. Die Zeiten haben sich geändert, aber wir lernen trotzdem noch so wie damals.“ Das spürten die Schüler und hätten deshalb keine Freude am Lernen.

„Der Standardunterricht an Schulen ist nicht danach ausgerichtet, Lernstrategien zu vermitteln“, sagt auch Schmidt-Borcherding. Die meisten Schüler wüssten, dass sie das Wichtigste unterstreichen müssen, aber sie lernten keine Fragetechniken oder dass sie einen Text nach dem Lesen in eigenen Worten zusammenfassen sollten.

Zielstrebigkeit brachte ihn zum Erfolg

„Die Lehrer geben häufig das Argument, dass sie keine Zeit hätten, solche Lernstrategien noch zusätzlich zum Unterrichtsstoff zu vermitteln“, sagt Schmidt-Borcherding. Dabei werde übersehen, dass Lernstrategien sinnvollerweise am Unterrichtsstoff entwickelt und eingeübt werden müssten.

Hadrigan ist seinen eigenen Weg gegangen. Der Erfolg gibt ihm recht: Seit er 15 Jahre alt ist, studiert er Wirtschaftsrecht – parallel zur Schule. Im kommenden Jahr wird er die Schule mit dem Abitur abschließen. Und das wahrscheinlich als einer der besten seines Jahrgangs.

Weitere Informationen

Benjamin Hadrigan: „#Lernsieg“. Edition a, Wien. 224 Seiten, 20 €.

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