In der Ausstellung „Fantasy“ in der Galerie des Westens spielen Berliner mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit Mit Knetmasse und viel Humor

Walle. Lebensgroß ist die Abbildung einer Kneipentheke, die man gleich beim Eintreten in die Galerie sieht. Tresen, Kühlschrank und Röhrenfernseher stehen reell im Raum, Kippen stapeln sich im Aschenbecher, voller nostalgischem Charme dreht sich eine Langspielplatte.
10.09.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Christiane Tietjen

Lebensgroß ist die Abbildung einer Kneipentheke, die man gleich beim Eintreten in die Galerie sieht. Tresen, Kühlschrank und Röhrenfernseher stehen reell im Raum, Kippen stapeln sich im Aschenbecher, voller nostalgischem Charme dreht sich eine Langspielplatte. Doch irgendetwas stimmt nicht – beim näheren Hinsehen gerät der Betrachter ins Staunen. Die Etiketten der Flaschen in den Regalen sind so minutiös mit Knetmasse in Grautönen überarbeitet, dass alles wie eine leicht verwackelte schwarz-weiße Fotografie vergangener Tage wirkt. „Ich mag dieses Dokumentarische“, sagt Henrik Jacob, der wie Manfred Kirschner als Künstler und Kurator eine Galerie in Berlin betreibt. Beide haben in Bremen an der Hochschule für Künste studiert, seit 15 Jahren sind sie mit ihren Kunsträumen „Crystal Ball“ und „Kulturpalast Wedding“ in der Berliner Szene aktiv.

Auch für Manfred Kirschner sind Humor und Ironie in der Kunst wichtig. „Bei mir wabert alles durcheinander“, sagt er lachend. Am augenfälligsten wird das bei seiner Installation „Urine“, die wie auch das „Café Deutschland“ von Henrik Jacob sehr präsent im Raum steht. An hölzernen Armen sind Zwiebelknollen aufgereiht oder baumeln schwergewichtig in Netzbeuteln. Dekoriert ist das Ganze mit Hula-Hoop-Reifen und orangefarbigen Plastikeimern, die Zwiebelschalen sammeln sich in einer Einkaufstasche. „Am Anfang dieser Installation stand ein Gedicht“, erzählt Kirschner. Am späteren Abend trägt er es während der Vernissage vor. Er singt von „Urine, der Grande Dame, die niemals altert, sondern schwebt, und irgendwann im Lapi, Lapi, Lapidarium vergeht“. Ein kleines Unterhaltungsprogramm folgt, die Besucher und Freunde hören amüsiert seiner angenehmen Singstimme zu, die Begleitung dazu kommt vom Akkordeon.

Kirschner lässt sich nicht auf ein künstlerisches Genre festlegen. Videoinstallationen, große Porträts in einer Mischtechnik aus Ölkreide und Aquarell sind genauso zu sehen wie kleinformatige Collagen und Assemblagen. Geschmückt mit Federboas sind seine Bilder oder mit schnörkeliger Goldschrift versehen. Da liest man Sprüche wie „Meine Schwester malt auch“ oder „Was macht die Kunst?“, gemalt auf einen Wolkenhintergrund auf Himmelblau, ironische Zitate, die die Welt des Kunstbetriebs lustvoll in Frage stellen. Als Kirschner Bildmaterial für seine Collagen suchte, fand er eine reiche Auswahl bei den alten Burda-Modeheften seiner Mutter. Bei der Zusammenstellung der einzelnen Elemente ist ein Feuerwerk an Ideen entstanden, mit einer Fülle von Entdeckungen und einer immer hintergründigen Komik.

Während Manfred Kirschner mit vielen Farben und Accessoires die Welt verändert, tut es Henrik Jacob mit Knetmasse in Weiß und verschiedenen Grauabstufungen, die er von einem Trickfilmstudio in der Schweiz bezieht, wie er sagt. Vermutlich braucht er viel davon, um so große Objekte wie seine „Bar on Tour“ damit zu überziehen. Seine Ironie ist anders als die Kirchners: Die Dinge bekommen eine subtil veränderte Realität. Der Schokokuss, der sich im Spiegel betrachtet beispielsweise oder die Porträts seiner Serie „Junge Diktatoren“. Der pubertäre Putin im Unterhemd, Hitler mit unschuldigem Kindergesicht, Chiang Kai-shek, der kleine Saddam – geradezu harmlos in der Zeitversetztheit. Meisterhaft setzt Jacob die Verläufe der Grautöne auf das Acrylglas, das ihm als Unterlage dient. Die Bilder haben etwas von der Qualität einer Fotografie, ihre Wirkung ist aber eine völlig andere. Weich sehen sie aus, ihre Oberfläche geht ins Dreidimensionale, und sie laden zum Berühren ein. „Das ist das Interessante an der Knete“, sagt Jacob, „tausende Fingerabdrücke sind auf ihr archiviert – und es können immer neue dazu kommen.“

Die Ausstellung „Fantasy“ ist noch bis zum 16. November in der Galerie des Westens, Reuterstraße 9-17, zu sehen. Telefon 3 80 79 90, www.gadewe.de.

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