Projekt North Sea Wrecks

Mit Muscheln auf Sprengstoffsuche

Internationales Forschungsprojekt mit Zentrale in Bremerhaven will systematisch Schiffs- und Flugzeugwracks, verlorene Ladung und verklappte Kriegsmunition aufspüren.
27.03.2020, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Mit Muscheln auf Sprengstoffsuche
Von Justus Randt
Mit Muscheln auf Sprengstoffsuche

Der Unterwasserarchäologe Philipp Grassel vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven mit einer Geschosshülse.

CARMEN JASPERSEN/DPA

Im europäischen Projekt North Sea Wrecks begeben sich Taucher in Tiefen, in denen Schiffsruinen und Flugzeugwracks aus den zwei Weltkriegen vor sich hin rosten, wo verloren gegangene Fracht, verklappte chemische Abfälle und vor allem alte Munition liegt. Die wird mit der Zeit immer gefährlicher – wie die sogenannten Blindgänger an Land, zu deren Entschärfung immer wieder ganze Stadtviertel geräumt werden müssen. Die Fäden des internationalen Projektes laufen in Bremerhaven zusammen.

Die Nordseeanrainer Belgien, Niederlande, Deutschland, Dänemark und Norwegen wollen in dem Gemeinschaftsprojekt erstmals systematisch Erkenntnisse über die gefährlichen Altlasten zusammentragen: Wo liegen Wracks, mit welchen Waffen sind sie bestückt, wie ist die Beschaffenheit der Wracks und wie lange könnte es noch dauern, bis ihre Treibstofftanks durchgerostet sind oder Bomben und Granaten doch noch hochgehen?

Strategie entwickeln

Mehr als viereinhalb Millionen Euro stehen dem Vorhaben zur Verfügung, vier Jahre, bis Ende 2022 haben die beteiligten Forschungseinrichtungen Zeit, eine Strategie zu entwickeln, wie sich “wirtschaftliche, ökologische und sicherheitsrelevante Herausforderungen“ durch den gefährlichen Müll im Meer bewältigen lassen.

„Bis vor Kurzem war das Meer noch eine Müllkippe“, sagt Philipp Grassel, noch in den 60er-Jahren seien giftige Stoffe verklappt worden. „Immer wenn ich Vorträge darüber halte, sind die Leute sehr überrascht. Das Problem ist eher verdrängt worden, wie vieles nach dem Krieg, auch wenn Fischer immer wieder Munition mit ihren Netzen hochgeholt haben. Die Natur schlägt zurück. Inzwischen ist klar, was man ins Meer kippt, kommt irgendwann wieder raus.“

Grassels „Hauptziel“ ist es, die Ergebnisse der Untersuchungen „in einer Wanderausstellung „museal zu präsentieren und zugänglich zu machen“. Ende 2021 soll sie bereits auf Tour durch die Projekt-Partnerländer gehen, danach fester Bestandteil des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) werden.

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Bei der grenzübergreifenden und interdisziplinären „wissenschaftlichen Erforschung sowie der politischen und historischen Aufarbeitung der Problematik“ ist das DSM eine „Schnittstelle“. So nennt es Philipp Grassel. Der promovierte Fachmann für maritime Unterwasserarchäologie beim Museum bereitet die erste Ausfahrt mit den Kollegen des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) auf dessen Forschungsschiff „Heincke“ vor.

Westlich von Helgoland liegt ein untergegangenes Schiff, das Grassel ideal fände, ein zweites, das ebenfalls gut geeignet sei, um erste Proben zu nehmen. „Jeder Partner betreut drei bis sechs Wracks“ , sagt er. „Ich habe eine Kartierung erstellt, später können wir uns noch näher gelegene Wracks ansehen. Es gibt wirklich eine große Auswahl.“ Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie hat in einer Wrackdatenbank alles in allem „etwa 2500 Objekte in deutschen Hoheitsgebieten“ erfasst. In der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone lägen mindestens 120 Militärwracks aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. „1,3 bis 1,6 Millionen Tonnen Munition dürften an der Nord- und der Ostseeküste liegen. Die Nordsee ist überfüllt.”

Viel Literatur und viele Karten

Nach ausführlicher Archivarbeit haben Philipp Grassel und seine Kollegen vom Schifffahrtsmuseum die „exemplarische Auswahl“ getroffen. „Die Literatur gibt viel her, wir haben eine große Bibliothek im Haus und eine umfangreiche Sammlung von Karten aus mehreren Jahrhunderten”, sagt der Forscher. “Außerdem militärische Karten aus beiden Weltkriegen. Darin sind Untergänge verzeichnet und zum Beispiel Minengürtel, und es gibt Aufzeichnungen von Kapitänen.“ Für die Projektteilnehmer ist es ein wichtiges Kriterium, ob es möglich ist, dass Taucher ein Wrack erkunden können.

Externe Experten steuerten beispielsweise bei, was sie im militärhistorischen Archiv in Freiburg finden konnten. Das Bundesarchiv hält Informationen über Schlachtpläne bereit und Details über die Bestückung der Schiffe mit Waffen und Munition und wie viel davon verschossen wurde. „Das ermöglicht Rückschlüsse darauf, welche Mengen noch an Bord versenkter Schiffe zu vermuten sind“, sagt Grassel. Dabei geht es längst nicht nur um Fregatten und Zerstörer, sondern um Kriegsschiffe jeder Art. “Das ist ein breites Spektrum von Schiffstypen.“ Dazu gehörten auch viele Kutter, die zum Beispiel als Vorpostenboote eingesetzt worden seien. „Es war Gang und Gäbe, in den Kriegshäfen alles zu requirieren.“

Wissenschaftler des Vlaams Instituut voor de Zee brachten dieses Wrackfoto vom Tauchgang vor der belgischen Küste mit. Es zeigt an Deck aufgestapelte 120-Millimeter-Granaten.

Wissenschaftler des Vlaams Instituut voor de Zee brachten dieses Wrackfoto vom Tauchgang vor der belgischen Küste mit. Es zeigt an Deck aufgestapelte 120-Millimeter-Granaten.

Foto: Vlaams Instituut voor de Zee (VLIZ)

Belgische Wissenschaftler sind bereits vor der heimischen Küste unter Wasser gewesen, haben Wracks erkundet und Proben genommen. Sie haben Fotos von aufgestapelten 120-Millimeter-Granaten eines Geschützes an Deck eines gesunkenen Schiffs mitgebracht. Ähnliches vermuten auch die Bremerhavener zu entdecken, wenn sie Ende Mai erstmals rausfahren. Die Experten vom Vlaams Instituut voor de Zee (VLIZ) begleiten die AWI- und die DSM-Forscher und übernehmen die Tauchgänge. Philipp Grassel geht davon aus, dass sie „20, eher 30 Meter“ in die Tiefe vordringen müssen.

An den Küsten aller beteiligten Länder werden nach den gleichen Standards Untersuchungen vorgenommen. Die Fachleute sprechen von abiotischer und von biotischer Beprobung. Erstere dreht sich um Wasser und Sediment, bei der zweiten geht es um Fische, Seesterne, Algen am Wrack. Außerdem bringt das Team dort für einen gewissen Zeitraum Muscheln aus, um zu überprüfen, ob sich in ihrem Muskelfleisch TNT oder Abbauprodukte des Sprengstoffs anreichern.

Verfallsprozess kann prognostiziert werden

Falls möglich, soll auch eine Stärkemessung am Stahlrumpf vorgenommen werden, um so den Abriebgrad zu ermitteln. „Der Vorteil der neueren Wracks ist ja, dass man über sehr genaue Baupläne verfügt“, sagt Philipp Grassel. Das lasse eine ungefähre Prognose über den Verfallsprozess zu. Sämtliche Ergebnisse werden in ein sogenanntes „Gefährdungsbewertungswerkzeug“ eingepflegt, und anhand der Fallbeispiele werden Hochrechnungen gemacht, wie es sich in größeren Seegebieten verhält.

„Es kann natürlich sein, dass alles zugesandet ist, wenn wir da sind“, sagt der Unterwasserarchäologe. „Die Nordsee ist sehr dynamisch.” Man werde sehen, ob die erste Ausfahrt erfolgreich ist. „Letztendlich ist es die Natur, die sagt ja oder nein.“

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