Ein Tagebuch erzählt

Mit Napoleon auf Tour

Für historisch Interessierte ist im Internet ein absoluter Leckerbissen abruftbar. Dort erzählt ein Tagebuch, was ein Bremer Gildemeister als Ehrengardist erlebte.
01.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Erika Thies
Mit Napoleon auf Tour

Marc Jarzebowski mit dem handgeschriebenen Text von Gildemeisters Tour mit der Ehrengarde. Ob es sich bei diesem Exemplar um die Urschrift handelt oder eine spätere Abschrift, ist unklar.

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Für historisch Interessierte ist im Internet ein absoluter Leckerbissen abruftbar. Dort erzählt ein Tagebuch, was ein Bremer Gildemeister als Ehrengardist erlebte.

Bei Klassentreffen ist immer viel von früher die Rede. Zwei „Ehemalige“ vom Gymnasium Kurt-Schumacher-Allee schweiften da vor einiger Zeit besonders weit zurück. Der eine erwähnte ein Tagebuch aus napoleonischer Zeit; sein Großvater hatte es nach 1945 im Tauschhandel erwerben können. Der andere – Marc Jarzebowski – stellte mit Zustimmung seines einstigen Klassenkameraden, diesen 1813/14 begonnenen und 1815 fortgesetzten Text inzwischen schon größtenteils ins Netz. Für historisch Interessierte ist damit ein absoluter Leckerbissen abrufbar.

Der Verfasser des Tagebuches, August Wilhelm Gildemeister (1791–1866), sollte später als Kaufmann und Reeder sehr erfolgreich sein. Im September 1813 aber saß er mit fast 80 anderen jungen Männern aus Bremen und umzu ziemlich in der Klemme. Sie alle sollten nämlich, während man hierzulande heimlich schon zum Kampf gegen Napoleon rüstete, befehlsgemäß noch für ihn kämpfen.

Und zwar als Franzosen. Denn das waren zu diesem Zeitpunkt auch die Bremer nominell. Um die Handelssperre gegen England wirksamer durchzusetzen, hatte Napoleon im Dezember 1810 weite Teile Norddeutschlands direkt in sein Reich einbezogen – als die drei neuen französischen Départements des Bouches du Weser, de l’ Elbe und de l’Ems supérieure. Treue Untertanen gewann er dadurch kaum, und nachdem sich seit dem Winter 1812/1813 die Nachricht vom Untergang seiner Grande Armee in Russland verbreitet hatte, wurde auch in unserer Gegend der Freiheitswille immer stärker. Es kam zu Aufständen, zu Erschießungen, zum Brand von Lilienthal . . .

„Tour mit der Ehrengarde“

Aber Napoleon war nach seiner Heimkehr aus Russland durchaus noch nicht chancenlos. Er sammelte frische Kräfte um sich und griff dabei auch auf ein bislang noch unausgeschöpftes Potenzial zurück: Anders als bisher, sollten sich die Söhne wohlhabender Eltern nun vom Militärdienst nicht mehr freikaufen können. In allen der rund 130 französischen Departements – und damit auch an Weser, Ems und Elbe – wurden insgesamt 10 000 Mann einberufen zu den vier Regimentern einer neu zu schaffenden Ehrengarde (Garde d’Honneur). So ritt denn mit seinen Kameraden am 4. September 1813 widerwillig auch der junge Gildemeister ab nach Lyon, wo sich das 4. Regiment der Garde d’Honneur zu sammeln hatte.

Marc Jarzebowski hat dafür gesorgt, dass Gildemeisters Weg nach Lyon und ein Teil des Rückwegs nach Bremen inzwischen im Internet zu verfolgen sind. Für die Zeit vom 4. September 1813 bis zum 9. Februar 1814. Fast Tag um Tag tippte er ab, was ein anderer Bremer vor 202 Jahren über seine „Tour mit der Ehrengarde“ niederschrieb und stellte diese Texte dann ins Netz. Und weil Gildemeister im Frühjahr 1815 erneut gen Frankreich zog, diesmal aber freiwillig und gegen Napoleon, gehen die Veröffentlichungen jetzt noch weiter.

Der gebürtige Bremer Marc Jarzebowski hat Geschichte studiert. Im selben Jahr 2004, als er in Berlin über „Die Residenzen der preußischen Bischöfe bis 1525“ promoviert, wurde er erstmals auch Vater. Das ließ ihn, erzählt er, verstärkt auch über genealogische Zusammenhänge nachdenken. Nicht zuletzt dadurch kam es dann zur Gründung von Taxodium, einem Unternehmen, mit dem er inzwischen weltweit Klienten bei ihren familiengeschichtlichen Recherchen hilft. Für solche Forschungsarbeiten erwies sich – bei aller Liebe zu Bremen – Berlin mit soviel mehr Bibliotheken und anderen Bildungseinrichtungen denn doch als der idealere Standort.

Fadenscheinige Ausreden

Wohl besonders mit dem nun im Netz schon verfügbaren ersten Teil der Gildemeisterschen Berichte hob Jarzebowski einen Schatz. Die Befreiungskriege gegen Napoleon waren ja kaum zu Ende, da erschien darüber schon Buch um Buch. Auch später stürzte sich hierzulande die historische Forschung gern darauf und ließ ein Thema wie die Deutschen in der französischen Garde d’Honneur lieber links liegen.

Selbst die diesbezügliche Akte im Bremer Staatsarchiv enthält nur wenige Blätter. Sie beziehen sich überwiegend auch noch auf eine andere Ehrengarde, und wer es noch nicht wusste, erfährt es nun: Der große Napoleon wäre, als sein Stern schon sank, im März 1813 fast auch noch mal in Bremen gewesen. Der Besuch fiel dann aber aus. Die Honoratioren seiner „bonne ville de Brême“, die ihn feierlich hatten empfangen sollen, hatten sich größtenteils sowieso schon entschuldigen lassen, mit fadenscheinigen Ausreden wie „bin kränklich“, „bin abwesend“, „habe kein Pferd“ oder sogar „kann gar nicht reiten“.

In deutscher Schrift über ein französisches Abenteuer: die Anfangszeilen des Tagebuches.

In deutscher Schrift über ein französisches Abenteuer: die Anfangszeilen des Tagebuches.

Foto: Privat

Zur eigentlichen Garde d’Honneur enthält die selbe Akte – in den damaligen Amtssprachen Französisch und Deutsch – lediglich den Aufruf des französischen Präfekten Graf Arberg vom 4. Juni 1813, wonach sich nun auch im Departement der Wesermündungen die 19- bis 30-jährigen, unverheirateten Söhne oder auch Neffen der am höchsten besteuerten Bürger zu „freiwilligen Eintragungen“ einzufinden hatten. Allzu lange schon, heißt es da tadelnd, hätten die „Familien-Häupter“ nämlich versäumt, ihnen „die glänzende Laufbahn der Waffen anzuweisen“, die gerade in dieser Zeit „mehr als jede andere zum Avancement und zum Glücke“ führe. Das 1. Regiment der Garde d’Honneur habe sich in Versailles, das zweite in Metz, das dritte in Tours und das 4. Regiment, zu dem die Bremer gehören würden, in Lyon zu sammeln. Einkleiden und ausrüsten mussten sich alle auf eigene Kosten.

Obgleich kaum einer der jungen Leute militärisch vorgebildet war, kämpfte das 4. Regiment vom 16. bis 19. Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig schon tapfer mit. Es bestand zu diesem Zeitpunkt allerdings wohl fast nur aus „echten“ Franzosen. Das Bremer Kontingent jedenfalls war damals erst noch nach Lyon unterwegs. Es wurde später zu keinerlei militärischen Einsätzen mehr herangezogen. Napoleon mag gewusst haben, wie wenig solchen Zwangs-Untertanen zu trauen war.

„Geiseln in der Gefangenschaft“

Qualitätsvoll eingekleidet und mit Geld ausreichend versorgt, erlebten viele der jungen Bremer diese „Tour“ wohl mehr als ein Abenteuer. Wie Gildemeister wollten vermutlich fast alle nur möglichst bald desertieren. Der Historiker Wilhelm von Bippen, der die Truppe in seiner mehrbändigen „Geschichte der Stadt Bremen“ (1904) kurz erwähnt, spricht von ihnen allerdings als den „Geiseln in der Gefangenschaft“.

Wer bei der „Maus“, den im Bremer Staatsarchiv ansässigen Familienforschern, nach den Gildemeisters fragt, bekommt einen besonders dicken Band vorgelegt. Sie sind eine unserer großen, alten Familien voller Ratsherren, Senatoren, Juristen, Architekten und anderen Honoratioren. Und „unser“ August Wilhelm hätte, als er im Januar 1814 endlich erfolgreich desertiert war, irgendwo zwischen Dijon und Basel sogar noch einem Verwandten begegnen können.

Der Jurist Johann Carl Friedrich Gildemeister begleitete als Sekretär den Senator und späteren Bürgermeister Johann Smidt. Beide folgten, Stadt um Stadt und oft unter äußerst widrigen Umständen, dem gegen Paris vorrückenden alliierten Hauptquartier. Smidt war auf der Jagd nach drei Unterschriften. Kaiser Franz I., Zar Alexander I. und Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. sollten garantieren, dass Hamburg, Lübeck und Bremen wieder freie Reichsstädte werden und weiterhin bleiben sollten. Hätte der geniale Taktiker Smidt damals dieses Ziel nicht erreicht, wären Hamburg und Bremen jetzt sicherlich auch Städte, aber wohl keine Bundesländer.

Die Aufzeichnungen von August Wilhelm Gildemeister sind abrufbar unter http://taxodium.eu/de/gildemeister/

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