Bremer Leselust Mit persönlicher Note

Vorleserin Christine Bongartz stellt regelmäßig literarische Texte im Café Blocksberg vor - und spielt Kalimba.
05.08.2018, 17:05
Lesedauer: 3 Min
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Von EDWIN PLATT

Im Café Blocksberg in Blockdiek, wo sich 20 Frauen eingefunden haben, erklingen harmonische Kalimba-Klänge. An den Lamellen zupft Christine Bongartz. „Meine Lieben, es geht jetzt los“, ruft sie und beginnt mit ihrem Vorleseprogramm. Bongartz hat Texte ausgesucht, für ihre Hörerinnen im Café Blocksberg, die vom Lesen handeln. Da ist der Felicitas-Hoppe-Text „Gesammeltes Unglück“, sind Zeilen von Eugen Roth, ist die „Amnesie in litteres“ von Patrick Süskind und sind Zeilen von Kurt Tucholsky, auch im Pseudonym des Peter Panter. Die Vorleserin beginnt jedoch mit zwei der 44 Fragen an die geneigten Leser von Michael Ende: „Sind eigentlich die Leser verpflichtet, einen Dichter zu verstehen, oder ist ein Dichter verpflichtet sich dem Leser verständlich zu machen?“ Oder: „Wenn mehrere Menschen das gleiche Buch lesen, lesen sie dann wirklich dasselbe?“

Sinne angeregt

Die Sinne sind bereits angeregt als Christine Bongartz einen Schnipsel, ausgerissen aus dem WESER-KURIER, hochhält und Walter Jens zitiert: „Wer lesen kann, ist nie allein.“ Im Text von Felicitas Hoppe geht es um ihre Mutter, die viel gelesen hat, auch „Anna Karenina“ und andere literarische Klassiker. Alle Schicksale jeder Figur in einem Buch, nicht nur das Kareninas, auch die jedes russischen Grafen oder Idioten, teilte sie emotional von morgens bis abends. Und teilte sie allen mit, am liebsten und ausgiebigsten beim gemeinsamen Mittagessen, und egal ob man wollte oder nicht. Jedes fette Essen, jeden stinkenden Atem, jede Entbehrung und jeden Zahnschmerz im Roman musste die Familie mit erleiden. Wobei die Mutter am liebsten jeder Romanfigur ein gutes Ende beschert hätte und Verbesserungen vorschlug und diese diskutieren wollte. Die Autorin Hoppe hat das geprägt. Sie hat angeblich nie einen klassischen Roman selbst gelesen, konnte aber zu allen Literaturdiskussionen beträchtlich beitragen.

Reif fürs Aufreumen

Eugen Roth reimt davon, Bücher endlich stapelweise auszusortieren. Endlich reif zu sein fürs Aufräumen, nachdem von allen Wänden der Wohnung Bücher auf ihn wirken, geradezu auf ihn stürzen, ihn gefangen nehmen. Endlich Luft schaffen, loslassen, durchatmen. Ein großer Stapel schon am ersten Tag, mitten im Zimmer. Ein Großer am zweiten, daneben, wo noch Platz ist. Am dritten Tag ist ein Blick erlaubt in den Schopenhauer obenauf. Der Blick schweift, über mehrere Seiten und das Buch, es gehört nun wieder ins Regal. Und wie ist es mit der 23-bändigen Ausgabe der Werke E.T.A. Hoffmanns? Den Rest dürfen die Leser ahnen.

Patrick Süskind empfindet literarischen Gedächtnisschwund. Wer hatte noch das Buch geschrieben über den Geist? Das gut war, sehr gut! Aber, was stand da noch genau? Etwas vom guten Geist, der auch einen guten Körper bewirken könne. Gesundheit, oder war auch von Apoll die Rede gewesen? Auch um Gedichte ging es und Schöngeistiges. Der Text war so geschliffen und das Geschriebene so unauslöschlich, dass man sein Leben ändern musste. „Ich war so tief in den Text versunken gewesen, hatte Ausrufezeichen an den Rand gesetzt, meine Begeisterung notiert. Unvergesslich dieses Leseerlebnis. Aber wer…? Hier ist es ja, das Buch. Ich will noch mal meine Begeisterung notieren. Hier, da war die unvergessliche Stelle. Was steht denn da, in Bleistift, und ja in meiner Schrift.“

Seit zehn Jahren dabei

Christine Bongartz liest seit zehn Jahren vor Publikum. Vor Kindern und für Erwachsene. Sie ist Urgestein der Bremer Leselust, auch wenn man auf deren Onlineseiten unter „Unser Team“ Schriftführer, Schatzmeister oder Vertreter findet, aber nicht die Aktiven wie Christine Bongartz, die für Bremen und das Vorlesen stehen. Die sich in Jahren ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit Professionalität angeeignet haben.

Dazu gehört Christine Bongartz ganz eindeutig, die immer von Papier liest, weil sie darauf in Vorbereitung Betonungen in den Text schreiben kann. Notieren kann, wo Pausen wirken, wo vielleicht eine Erklärung angebracht scheint. Ihre Mimik lebt mit dem Gelesenen, zeigt Genuss wie auch Ekel. Ihre Gestik, ihr Zeigen mit den Fingern, ihre Schwenks mit den Armen, ihre Ansprache an die Zuhörer, das ist gekonnt, ist Ergebnis aus zehn Jahren Erfahrung. Und ist Ergebnis der Beschäftigung mit dem Thema „Vorlesen“. Trotzdem bleibt Bongartz persönlich und sie selbst. Und so endet sie auch, mit einer kleinen Melodie, gespielt auf ihrer Kalimba.

Die Kalimba ist ein kleines Instrument, das Lamellen in harmonischer Stimmung hat, die mit den Fingern angeschlagen werden können, auf ein Holz wirken, das wiederum auf einem Fell klebt, das über einen Holzkranz gespannt ist. Der Ton der kleinen Kalimba klingt warm und laut und erinnert an Kalypso-Klänge.

Weitere Informationen

Das nächste Lesevergnügen im Café Blocksberg, Max-Säume-Straße 38, ist für Dienstag, 28. August, um 15 Uhr angekündigt. Kontakt: Telefon: 350 97 58.

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