Bremer Studenten entwickeln App für Laos

Mit Piktogrammen vor Hochwasser warnen

Per Smartphone-Anwendung wollen Bremer Studenten den Katastropenschutz in Laos voranbringen. Für ihr Praxisprojekt suchen die angehenden Informatiker ab sofort per Crowdfunding neue Sponsoren.
10.01.2018, 16:47
Lesedauer: 3 Min
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Mit Piktogrammen vor Hochwasser warnen
Von Timo Thalmann
Mit Piktogrammen vor Hochwasser warnen

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UNIVERSITÄT BREMEN, FR

Rund zwölf Stunden reine Flugdauer beträgt die Entfernung zwischen Deutschland und Laos. Mit den unvermeidlichen Zwischenstopps kann die Reisezeit von Frankfurt bis zu laotischen Hauptstadt Vientinae aber auch 24 Stunden betragen. Diese weite Reise wollen noch in diesem Jahr die angehenden Informatiker Tabea Eggers, Florian Vögtle, Cedric Michael und Tim Soller von der Uni Bremen antreten.

Dafür suchen die vier Studierenden aktuell noch Sponsoren, denn natürlich geht es nicht um einen Vergnügungsurlaub. Dafür ist die Situation in dem zwischen Vietnam, Thailand, Kambodscha, China und Myanmar liegenden einzigen Land der südostasiatischen Halbinsel ohne Zugang zum Meer auch kaum geeignet. „Fast 80 Prozent der Laoten arbeiten als Kleinbauern in der Landwirtschaft und wirtschaften hauptsächlich für den eigenen Bedarf“, weiß Thomas Barkowsky zu berichten. „Und viele Bauern können kaum lesen und schreiben.“ Die Alphabetisierungsquote liege teilweise unter 50 Prozent. Im Wohlstandindex der Vereinten Nationen liegt Laos fast gleichauf mit Bangladesch auf Platz 138, Deutschland im Vergleich auf Platz vier.

Der Informatikprofessor betreut die vier Studierenden und mit ihnen auch das Projekt „Mobile4D“. Denn das ist der Anlass der Reise: Bereits seit 2012 entwickelt und optimiert der Studiengang Informatik in einem rein studentischen Projekt ein mobiles Katastrophenwarnsystem in Form einer Smartphone-App. Noch rund 20 weitere Studierende sind daran beteiligt, und sie alle schätzen den hohen Praxisbezug, den das Vorhaben mit sich bringt. „Projekt- und Teamarbeit ist Teil des Studiums, aber hier arbeiten wir an einer der wenigen tatsächlich genutzten Anwendungen“, beschreibt Tabea Eggers ihre Motivation.

„In Laos hat man bei der Telekommunikation im Grunde das Festnetz und auch das klassische Mobiltelefon übersprungen“, erläutert der in der Neustadt lebende Tim Soller den scheinbaren Widerspruch zwischen einer Agrargesellschaft mit vielen Analphabeten auf der einen Seite und der Einführung einer Smartphone-App als Warnsystem auf der anderen Seite.

Aber auch wenn man mit Mobile4D an die vorhandene technische Infrastruktur in Laos andockt und Smartphones dort inzwischen gut verbreitet sind, ist die Entwicklung einer Software für die dortigen Nutzer von Bremen aus immer noch eine besondere Herausforderung. Die Idee der App ist ein Warnsystem, das den Nutzer sowohl als Nachrichtenempfänger wie auch als Nachrichtengeber in die Pflicht nimmt.

Dabei stehen nicht landesweite Katastrophen – wie etwa ein Erdbeben – im Mittelpunkt, sondern kleinere Ereignisse, die aber regional bedeutsam ausfallen können. Buschbrände oder Heuschreckenschwärme haben zum Beispiel schnell verheerende Auswirkungen auf die Ernteeinnahmen der Bauern. Auch Tierseuchen und örtliche Überschwemmungen im Mekong-Delta können schnell die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstören. Wer immer entsprechende Beobachtungen in seinem Umfeld macht, kann diese darum mit der App dokumentieren und weiter geben.

Das laotische Land- und Forstwirtschaftsministerium ist als Projektpartner mit im Boot und soll die Meldungen auswerten, um zum Beispiel örtliche Häufungen zu registrieren. Geht es nicht nur um Einzelereignisse, können mit der App im Katastrophenfall Informationen über die genauen Ausmaße und mögliche Schutzmaßnahmen schnell und unkompliziert unter der Bevölkerung verbreitet werden, auch wenn diese in sonst nur schwer zu erreichenden Bergregionen lebt.

„Allerdings ist es fast unmöglich, in Bremen eine praxistaugliche Anwendung für Laos zu entwerfen“, erzählt Florian Vögtle. Nur ein Beispiel: Die Ortung der jeweils zu erfassenden Ereignisse geschieht automatisch, durch die in den Smartphones eingebaute Satellitennavigation. „Das funktioniert am besten, wenn man sich dabei einige Meter bewegt“, weiß der 21-jährige Huchtinger. In den dichten Bambuswäldern von Laos mit ihrem oftmals matschigen Untergrund ist das aber häufig gar nicht möglich. Also musste die Software so angepasst werden, dass sie auch mit weniger genauen Satellitensignalen auskommt.

Eine weitere Herausforderung sind die fehlenden Lesekünste vieler Laoten. „Darum haben wir viel Wert auf selbsterklärende Piktogramme und eine Nutzerführung durch Bilder gelegt“, berichtet Soller. Warnungen vor Hochwasser sind beispielsweise durch ein Bild illustriert, auf dem der Pegel wahlweise ein Huhn, ein Kind, einen Erwachsenen oder ein Haus übersteigt. So wird das Ausmaß der Gefährdung sofort deutlich.

Um solche Lösungen zu erreichen, werden in Laos Praxistests und Schulungen mit Menschen in den Dörfern durchgeführt. Und genau das ist auch Ziel, der für dieses Frühjahr geplanten Reise von insgesamt fünf Studierenden nach Laos.

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