Vom Wegsperren zum Behandeln: Historiker Jannik Sachweh führte durch Psychiatriegeschichte Mit Schocktherapien gegen Alkoholismus

Osterholz. Anti-Alkoholismus, Lebensreform und Psychiatrie – von den Anfängen des St. Jürgen-Asyls in Osterholz-Ellen erzählte der Historiker Jannik Sachweh bei einer Führung durch die gegenwärtige Ausstellung im Krankenhaus-Museum auf dem Gelände des Klinikums Ost.
19.05.2016, 00:00
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Von Edwin Platt

Anti-Alkoholismus, Lebensreform und Psychiatrie – von den Anfängen des St. Jürgen-Asyls in Osterholz-Ellen erzählte der Historiker Jannik Sachweh bei einer Führung durch die gegenwärtige Ausstellung im Krankenhaus-Museum auf dem Gelände des Klinikums Ost.

Es war kurz nach 1900, als die Klinik in dem parkähnlichen Gelände angelegt wurde. Einzelne Gebäude mit schmuckem Fachwerk, am Haus ein Garten, geschwungene Wege, Handwerks- und Landwirtschaftsmöglichkeiten auf dem Gelände und ein eigenes Krematorium, so sah das St. Jürgen-Asyl aus. Mit Personal, das dem Alkohol abgeschworen hatte.

Gesellschaftliche Angst

Vom Wegsperren zum Behandeln, hieß es in der Psychiatrie, und daneben stand die Lebensreform-Bewegung, der die Architekten entsprechen wollten. Lebensreform hieß weg von großstädtischer Enge, weg von Industrie, hin zu selbstbestimmtem Leben, zu gesundem Leben. Heute gründet jedes Reformhaus begrifflich noch auf dieser Reformbewegung.

Die Übersichtskarte der Klinik mit ihrem Gelände, auf die Jannik Sachweh eingeht, datiert von 1927 und weist insgesamt Plätze für 500 Patienten, psychisch Kranke und Alkoholkranke aus. Vor 1900 hatte es im Zusammenhang mit der Industrialisierung einen enormen Anstieg des Alkoholkonsums gegeben. Bier und häufig selbst gebrannter Schnaps waren billig und führten zu gesellschaftlichen Problemen. Gemäßigte und strenge Vertreter der Anti-Alkoholbewegung waren sich einig: Alkoholsucht führt in der deutschen Gesellschaft zur Degeneration, und Alkoholsüchtige vermehren sich stärker als gesunde Deutsche. Angst ging um, denn man hielt die Alkoholsucht mit ihren negativen Folgen und Nebenkrankheiten für vererbbar.

Egal, ob ein bekennender Nationalsozialist oder ein Sozialist die Klinikleitung inne hatte – die gesellschaftliche Angst war der Motor für viele Behandlungen. Dabei handelte es sich in erster Linie um Schocktherapien und Krampfbehandlungen. Eiskalte, ausnehmend lang anhaltende Bäder waren noch die geringeren Zumutungen für Patienten, die häufig zwangskastriert wurden, wenn ihnen Alkoholkrankheit attestiert worden war. Dabei starben regelmäßig mehr Frauen als Männer, ein Umstand, der von Nazi oder Sozialist billigend in Kauf genommen wurde. Unterschrieb der Süchtige, dass er in die Kastration einwilligte, konnte er als „sozial wieder brauchbar“ eingestuft werden, was mit der Chance verbunden war, später die Klinik zu verlassen. Das erklärt Jannik Sachweh seinem Publikum, als alle Augen auf ein Bett gerichtet sind, das mit breiten martialisch wirkenden Riemen versehen einst dazu diente, unruhige Patienten zu fixieren und in einem gemeinsamen Saal zur Beruhigung unterzubringen.

1874 war der erste Lehrstuhl zur Alkoholkrankheit in Berlin eingerichtet worden, auch als eine Initiative, um das öffentliche Ansehen der Psychiatrie zu heben, denn die Psychiatrie konnte bis dahin keine breit wirkenden Erfolge aufweisen. 1903 fand im Bremer Rathaus erstmalig ein Kongress gegen Alkoholismus statt, der mit einem Disput zwischen gemäßigten Gegnern, die beim Kongress Wein konsumierten, und den strengeren Gegnern endete.

Die Untersuchungen der Patienten richteten sich bald im Wesentlichen nach schulischer Bildung, kulturellen Fähigkeiten und Orientierungsfähigkeit aus. Daraus ergab sich die Trennung in „Erbgesunde“ und „Erbkranke“. Dem Erbkranken wurde zugeschrieben, dass er eine Gefahr für den Erbgesunden darstellte, und damit seine „nutzlose Existenz“ belegt. 1951 umfasste die Bremer Erbkartei 183 000 Personen.

Jannik Sachweh bietet nach dem Rückblick in die Geschichte der Psychiatrie nun einen Gang über das Gelände des Klinikums Ost zu den erhaltenen Gebäuden des St. Jürgen-Asyls an, die heute unter Denkmalschutz stehen.

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