Der Höhepunkt der Hexenverfolgung in Europa lag zwischen 1550 und 1650 – in dieser Zeit gab es auch in Bremen Prozesse Mit Streckbett und Daumenschrauben

Bremen. Eine raffinierte Giftmordstory in der Stadtgeschichte sorgt für den nötigen Gruselfaktor. Er muss nur weit genug von der Gegenwart entfernt sein.
02.07.2017, 00:00
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Bremen. Eine raffinierte Giftmordstory in der Stadtgeschichte sorgt für den nötigen Gruselfaktor. Er muss nur weit genug von der Gegenwart entfernt sein. So bleibt Gesche Gottfried mit ihrer durch Arsen veredelten „Mäusebutter“ und einem staatlichen Mordregister Teil bremischer Geschichte. Anders sieht die Sache aus, wenn man die Geschichte noch weiter zurückverfolgt. Da geht es um hochnotpeinliche Hexenprozesse. In Bremen sind solche Prozesse seit 1503 nachgewiesen. Von 65 der Zauberei Angeklagten wurden 14 verbrannt, fünf geköpft, einer gehenkt, vier waren in der Haft gestorben und neun wurden anderweitig bestraft. Immerhin wurden 32 der angeblichen Hexen nicht verurteilt. Soweit die nüchternen Fakten, die der Bremer Historiker Herbert Schwarzwälder auflistet.

Sie werfen schwerwiegend Fragen auf. Vor welchem Hintergrund entwickelte sich der Hexenwahn im 16. und 17. Jahrhundert? Nach welchen Kriterien wurde etwas derart Abstraktes gerichtsfest ermittelt? Schwere Krisen im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wie Pest, Cholera und der Dreißigjährige Krieg verbreiteten große Unsicherheit. 1577 starben in Bremen 1500 Personen an der Pest. In den Jahren 1581 bis 1584 zogen noch einmal drei Wellen der Epidemie über die Stadt. Als Maßstab für derartige Katastrophen „biblischen Ausmaßes“ orientierte man sich an ähnlichen Phänomene aus dem Alten Testament. Dort wurden sie nach dem schlichten Schema „Schuld und Strafe“ verortet. Also suchte man Schuldige. Diese konnten nur auf der Seite des Teufels zu finden sein, den man sich in leibhaftiger Gestalt vorstellte.

Der Reformator Jean Calvin glaubte 1545, dass Männer und Frauen die drei Jahre andauernde Pestepidemie der Stadt Genf durch Hexerei und Zauberkünste bewirkt hätten. Innerhalb weniger Monate ließ er 34 Hexen verbrennen. Selbst Luther, bei allem Respekt vor seiner mutigen Reformation, glaubte noch 1526 an Hexen und Zauberer: Diese könnten Milch, Butter und alles aus dem Haus verschwinden lassen, geheimnisvolle Krankheiten erzeugen, Verwüstungen im Haus, im Stall und auf dem Acker anrichten. 1671 wurde einigen Frauen im norwegischen Dorf Vorgö vorgeworfen, sie hätten durch Zauberei ein solches Unwetter hervorgerufen, dass 40 Fischer an einem Tag ertranken. Die Beschuldigten wurden ausnahmslos auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Häufig genügte ein Gerücht, Missgunst, Neid oder Nachbarschaftsstreit, um Frauen der Hexerei zu beschuldigen. Ihnen wurde vorgeworfen, nachts mit dem Teufel sexuellen Kontakt zu haben und dadurch im Besitz schadenstiftender Kräfte zu sein. Verhängnisvoll wirkte sich aus, dass den Denunzianten ein Teil des Vermögens der Gerichteten zustand. Die Beschuldigten, überwiegend Frauen, wurden einem Verhör unterzogen mit der Aufforderung, die Buhlschaft mit dem Teufel zu bekennen. Im verschärften Verhör wurden ihnen die Folterwerkzeuge gezeigt. Führte auch dies nicht zum Geständnis, setzten die Richter das Verhör unter grausamer Folterung mit Daumenschrauben und Streckbett fort. War auf diese Weise ein Bekenntnis erzwungen, wurde nach weiteren Mittätern gefragt. Man ging grundsätzlich von Gruppenorgien aus, wie sie in der Walpurgisnacht folkloristisch nachgebildet werden. Unter der Folter gestanden die ohnehin bereits dem Tod Geweihten, um weiterer Pein zu entgehen, meist jeden gewünschten Namen. So erklärt sich, dass häufig von einer ganzen Reihe von Hexenverbrennungen berichtet wird. Als besondere „Gnade“ galt es, wenn die Verurteilten vor dem Anzünden des Scheiterhaufens mit dem Schwert geköpft wurden.

Es fehlte nicht an Gegenstimmen. Der reformierte Pfarrer Anton Praetorius setzte sich 1597 in Birstein als fürstlicher Hofprediger erfolgreich vehement für die Beendigung der Hexenprozesse und Freilassung aller Beschuldigten ein. Der Bremer Mediziner Johann Ewich, Dozent an der Lateinschule, schrieb wichtige Abhandlungen über die Pest und gegen die Hexenprozesse. Der bekannte Astronom und Mathematiker Johannes Kepler setzte sich entschieden gegen die Hexenprozesse ein. Seine eigene Mutter war als Hexe angeklagt worden und wurde ein Jahr lang gefangen gehalten. Kepler befreite sie schließlich aus der Haft – mit einem juristisch ausgefeilten Gutachten. 1714 ließ der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. alle Hexenpfähle abreißen. Jedes weitere Urteil musste ihm zur Entscheidung vorgelegt werden.

Experten schätzen, dass in der Hauptzeit der Hexenverfolgung in den Jahren von von 1550 bis 1650 zwischen 40 000 und 60 000 Personen, weit überwiegend Frauen, hingerichtet wurden. Die letzte Hexenverbrennung in Europa wurde erst 1782 im Schweizer Kanton Glarus vollzogen.

Für die Ausgabe DIE WOCHE – MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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