Freimarkt für Fortgeschrittene (2) Mit Suchtforscher Gerhard Meyer an der Losbude

Gerhard Meyer kennt sich von Berufswegen aus mit dem Glück. Und offensichtlich hat er auch welches. 30 Lose nimmt sich der renommierte Glücksspielforscher aus dem Kästchen von Budenbetreiber Lars Kellner, zahlt dafür fünf Euro.
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Mit Suchtforscher Gerhard Meyer an der Losbude
Von Milan Jaeger

Gerhard Meyer kennt sich von Berufswegen aus mit dem Glück. Und offensichtlich hat er auch welches. 30 Lose nimmt sich der renommierte Glücksspielforscher aus dem Kästchen von Budenbetreiber Lars Kellner, zahlt dafür fünf Euro.

Und an dieser Stelle sei betont, dass Gerhard Meyer die Lose selbst auswählt. Denn wie sich herausstellt, hat er 16 Gewinnerlose gezogen. „Das ist erstaunlich“, findet Meyer. Nach der Glücksspielordnung seien Losbudenbetreiber lediglich dazu verpflichtet, mindestens 20 Prozent der von ihnen verkauften Lose einem Gewinn zuzuordnen. Budenbetreiber Kellner verspricht, dass er diese Quote deutlich überbiete. Zumindest gegenüber Gerhard Meyer hält er sein Versprechen.

Wir sind mit dem Professor der Universität Bremen und Leiter der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht für unsere Serie auf den Freimarkt gegangen, um zu zocken. Lange überreden mussten wir ihn nicht. Anrüchig findet er unseren Vorschlag nämlich nicht. Darf er als Mann der Wissenschaft und als einer, der schon lange auf die Gefahren des Zockens hinweist, genau dies nun auf dem Freimarkt tun? „Lose haben keine Triggerfunktion“, beschwichtigt der 63-Jährige sogleich und meint damit, dass nicht jeder, der Lose auf dem Freimarkt kauft, schnurstracks ins nächste Casino läuft, um dort Haus und Hof zu verjubeln.

"Einen Pandabären für Gerhard"

Das Kaufen von Losen auf dem Freimarkt sei vielmehr, gerade mit Kindern, eine schöne Sache, sagt Meyer. Zum Beispiel an der Bude von Lars Kellner. Sie heißt „Silber Mine“ und ist eine von drei Buden im Besitz der Familie Kellner. Zu gewinnen gibt es kuschelige Pandabären, Einhörner und Huskies.

„Unabhängig vom Ausgang der Verlosung haben die Spieler ein positives Gefühl“, erklärt Meyer Obwohl sie wüssten, dass das Risiko, eine Niete zu erwischen, höher sei als die Chance auf einen Gewinn, hofften sie bis zum letzten Los auf einen Treffer. „Erst nach dem Spiel setzt, im Fall einer Niederlage, die Frustration ein.“

Zum Hauptgewinn führen bei Lars Kellner mehrere Lose. Oder besser: Loskombinationen. Auf den Gewinnerlosen sind Dollarzeichen in unterschiedlichen Farben zu sehen. Gelbe, braune, blaue, schwarze, violette, rote und grüne. Der Hauptgewinn ist einmal freie Auswahl aus Kellners Kuscheltiersortiment. Dorthin führen mehrere Wege: die Kombination aus einem violetten, braunen und schwarzen Los oder die aus grünem, braunem und schwarzem Los. Hierfür fehlt Gerhard Meyer allerdings ein grünes oder ein blaues Los.

Dafür hat der Wissenschaftler einen „Special Dollar“ gezogen. Noch besser wäre nur ein „Silber Dollar“ gewesen: Auch das wäre ein Hauptgewinn, also einmal freie Auswahl. „Ein Special Dollar ist ein kleiner Gewinn“, erklärt Kellner. Meyer darf sich ein mittelgroßes Stofftier aussuchen und wählt einen Pandabären. Also ruft Kellner von seiner Losbude per Mikro herab: „Einen Pandabären für Gerhard.“

Unsere Nachbarn haben unterdessen mit ihren 30 Losen die Kombination aus violettem, braunem und schwarzem Los geknackt, weshalb Kellner jetzt ruft: „Einmal freie Auswahl.“ Das Pärchen sucht sich ein Einhorn mit rosa Hufen und gelbem Horn aus. Auf der anderen Seite der Bude das Gegenbeispiel: Ein kleines Mädchen hatte Pech. „Ich habe 15 Lose gekauft und nur Nieten gezogen“, schluchzt es. „Willst du meinen Pandabären haben“, bietet Meyer kurzerhand an, und die traurige Miene des Mädchens hellt sich sofort auf.

Bedenkliches und unbedenkliches Zocken

Dass Eltern mit ihren Kindern zur Losbude gehen, hält Meyer grundsätzlich für problemlos. „Wichtig ist allerdings, dass Erwachsene helfen, das Geschehen zu reflektieren.“ Kindern müsse erklärt werden, dass es nicht in ihrer Macht stehe, ob sie gewinnen oder nicht. „Sie müssen den Mechanismus des Glücksspiels begreifen“, sagt Meyer.

Gefährlich wird es seiner Ansicht nach immer dann, wenn ein Spieler das täuschende Gefühl habe, sein Glück beeinflussen zu können. „Das gilt für alle Formen der Spielsucht“, weiß Meyer aus seiner Erfahrung als Wissenschaftler. 1982 legte der Suchtforscher seine Doktorarbeit vor mit dem Titel „Geldspielautomaten mit Gewinnmöglichkeit: Objekte pathologischen Glücksspiels?“ – und sorgte damit für eine Kontroverse. „Die Automatenindustrie hat damals gegen meine Kernaussage geklagt, dass sie die Vorgaben der Spielverordnung umgehe“, erzählt Meyer.

Heute warnt der Forscher vor Glücksspielen im Internet. „Onlinecasinos wie ,Slotomania’ sind vollkommen unreguliert“, sagt Meyer. Jeder könne dort mitspielen. Viele solcher Portale, auf denen zwar nicht um Geld gespielt wird, gehörten mittlerweile Spielautomatenherstellern. „Die schalten dort Werbung und animieren so Jugendliche, um echtes Geld zu spielen.“ Die Gefahr, über solche Onlinespiele süchtig zu werden und viel Geld zu verlieren, sei hoch. Das Zocken auf dem Freimarkt hingegen ist seiner Meinung zufolge unbedenklich.

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