Rallye für Autos der Zukunft Mit Wasserstoff durch Europa

2000 Kilometer, das ist das Ziel dieses Wettkampfs: Verschiedene Teams fahren mit Wasserstoff-Autos quer durch Europa. Die Rallye-Teams machten auch auch in Bremen Station.
07.04.2018, 20:17
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Wessel

Der Fahrer tritt aufs Gas, die freigesetzte Kraft drückt die Passagiere prompt in den bequemen Sitz. Der Tank ist frisch befüllt, das Fahrzeug fährt von der Tankstelle in Bremen-Osterholz auf die Straße und zieht Minuten später an etlichen Wagen auf der Autobahn vorbei. Mit dieser Beschleunigung können nur wenige mithalten. „Da erntet man so manchen neidischen Blick von Porsche-Fahrern“, stellt Paul Karzel fest und grinst. Er muss es wissen, schließlich ist er mit seinem Team alleine seit dem Vortag bereits mehr als 1000 Kilometer gefahren.

Im Tank des Wagens ist kein Benzin, sondern Wasserstoff. Der Wagen fährt mit Brennstoffzellen, und aus dem Auspuff kommt reines Wasser. Paul Karzel und seine Mannschaft sind eines von 20 Teams, dass an der 24-Stunden-Wasserstoff-Rallye teilnimmt. Ziel ist es, möglichst viel in Europa herumzukommen und dabei so viele Kilometer wie möglich zurückzulegen. Dahinter steht, zu zeigen, dass Autofahren mit reinem Wasserstoff bereits jetzt grenzenlos möglich ist.

Paul Karzel, 32 Jahre alt, kommt aus Bremen-Blockdiek. Er ist Leiter des vierköpfigen Shell-Teams bei der nachhaltigen Rallye. Karzel ging als Kind zur St.-Antonius-Schule in Osterholz, und nicht weit von der Tankstelle, die er just verlässt, einst zum Schwimmen. Heute ist er bei Shell in Hamburg Projektmanager für alternative Energien mit Fokus auf Wasserstoff-Projekte in der EU. Zuvor hat er in London Maschinenbau studiert.

Zusammen mit seinem Kollegen Niklas Nittinger aus Hamburg und zwei weiteren Mitreisenden begann die Reise am Vortag in Waddinxveen in den Niederlanden. Dort wird die Reise auch enden. Alle Teams müssen bis dahin wieder in der Stadt in der Nähe von Rotterdam eingetroffen sein. Bis dahin sollen rund 2000 Kilometer mehr auf dem Tacho stehen als vor 24 Stunden.

150 Punkte pro Hauptstadt

Für jeden gefahrenen Kilometer gibt es einen Punkt, jede angefahrene Tankstelle bringt 25 und jedes Land 100 Punkte. 150 gibt es für besuchte Hauptstädte und unterschiedliche Sonderpunkte für angefahrene Sehenswürdigkeiten – in Bremen zum Beispiel für das Universum. Deshalb hält Paul Karzel dort auch kurz und schießt ein Foto. Sekunden später geht es schon weiter, denn die Zeit drängt. Ehe das Team in Bremen ankam, fuhr es am Vortag bereits durch das Ruhrgebiet und erreichte in der Nacht noch Aarhus in Dänemark.

Davor gab es einen Schichtwechsel in Hamburg. Andere Teams seien noch weiter rumgekommen, mitunter bis nach Slowenien und Schweden, erzählen Karzel und Nittinger auf dem Weg durch Bremen. „Von Holland ging es in alle Richtungen“, sagt Nittinger, manche düsten auch nach London und Paris.

Vom Sinn der Brennstoffzelle sind beide Fahrer überzeugt: „Wir müssen alternative Wege gehen, und da ist die Brennstoffzelle eine gute Variante“, betont Karzel. Der Klimawandel sei eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. „Und Wasserstoff ist ein großes Puzzlestück zur Lösung des Problems. Wasserstoff ist einfach ein Stoff, mit dem man anders umgehen muss, als mit Benzin“, betont er. Beim Tanken sei Wasserstoff heute aber sogar sicherer als der gewohnte Kraftstoff.

Zudem sei das Tanken sehr einfach: Es dauere nur etwa drei Minuten, um fünf Kilo Wasserstoff zu transferieren. Die Kosten seien ähnlich wie bei einer normale Benzin-Tankfüllung – und damit kommt man etwa 450 bis 500 Kilometer weit. Und auch die Autos sollen hohen Sicherheitsstandards genügen. „Selbst beim Unfall mit 300 Stundenkilometern wäre der Tank dank der zentimeterdicken Kohlefaser wahrscheinlich das einzige Fahrzeugteil, das noch intakt ist“.

Brennstoff mit Aussicht

Die erste internationale „Hydrogen Rallye“ fand im Herbst 2017 statt. Sechs Teams legten insgesamt 11 000 Kilometer zurück und machten 54 Tank-Stopps an verschiedenen Wasserstoff-Stationen. 2018 wird die Rallye aber auch von dem Konsortium H2 Mobility Deutschland unterstützt, das ein Fahrzeug stellt und mit einem Team teilnimmt.

Holland hinke bei der Abdeckung mit Wasserstofftankstellen noch sehr hinterher, beklagt der Organisator der Rallye, Bastiaan du Pre. Deutschland sei bei diesem Thema – auch dank H2 Mobility – weiter als viele europäische Nachbarn. Das Joint-Venture wird von Shell, Daimler, Linde, Air Liquide, Total und OMV gebildet und hat sich zum Ziel gesetzt, ein deutschlandweites Netzwerk von Wasserstoff-Tankstellen aufzubauen.

Bis 2018 soll es in Deutschland bereits 100 H2-Stationen geben. Damit wäre die Grundversorgung gesichert. Doch auch schon heute sei es kein großes Problem, ohne Reichweitenangst unterwegs zu sein, sagt Paul Karzel. Selbst bei aktuell nur knapp 45 öffentlichen Tankstellen hätten sie auf ihrer Tour längst nicht jede Tankstelle gebraucht. Bis Ende 2023 soll die Zahl der Tankstellen zudem auf mehr als 400 ansteigen.

Die Zukunft gehöre auch der Brennstoffzelle, davon sind Karzel und Nittinger überzeugt. Auch die Preise von über 50 000 Euro für ein Wasserstoff-Auto würden voraussichtlich in Zukunft sinken: „Toyota will die Preise halbieren“, sagt Karzel. Doch auch jetzt sollten Interessierte sich beraten lassen, denn dank Förderungen und Leasing müsse kaum jemand den Listenpreis zahlen. Die deutschen Hersteller hätten sich viel Zeit gelassen, sagt Karzel: „Sie wollen ein voll ausgereiftes Produkt auf den Markt bringen“. Die Modellvielfalt werde auf jeden Fall bald wachsen. Bald soll bei Mercedes in Bremen das erste Brennstoffzellenauto, der GLC F-Cell, vom Band laufen.

Info

Zur Sache

Auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) hat Mercedes die nächste Generation seines Brennstoffzellenfahrzeugs gezeigt. Der GLC F-CELL, ein SUV für die Mittelklasse, soll in diesem Jahr in kleineren Stückzahlen auf den Markt kommen. Mercedes forscht seit Jahrzehnten zur Brennstoffzelle. Das Mercedes-Modell hat zusätzlich zur Brennstoffzelle für Wasserstoff auch noch eine Batterie, die über eine externe Steckdose geladen werden kann. Ein Grund für die zweite Energieoption ist die bisher geringe Zahl von Tankstellen für Wasserstoff. Im vergangenen Jahr entstand in Bremen die erste Wasserstoff-Tankstelle. Seit Oktober können Bremer bei der Shell-Tankstelle an der Osterholzer Heerstraße in der Nähe des Weserpark den neuen Brennstoff tanken.

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