Chris Steinbrecher spricht über Industriegeschichte Mit Weinbrand fing in Hastedt alles an

Hastedt. Mit der Industriegeschichte Hastedts hat sich Chris Steinbrecher eingehend befasst. Der Kunsthistoriker hält am Sonntag, 20.
17.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Edwin Platt

Mit der Industriegeschichte Hastedts hat sich Chris Steinbrecher eingehend befasst. Der Kunsthistoriker hält am Sonntag, 20. März, um 15 Uhr im Seminarraum des Ogohauses, Föhrenstraße 76/78, einen Vortrag darüber.

Steinbrecher lebt im Ogohaus mit der Bremer Künstlerin Dagmar Calais zusammen. Das Paar hat mit der Ausstellung „Bremen-Theresienstadt-Riga: 3000 Schicksale“ in der Unteren Rathaushalle und in Riga Tausende von Menschen erreicht. Chris Steinbrecher war der Kurator.

Seit das Ogohaus zur „Künstlerkolonie“ von Hastedt geworden ist, interessiert sich der Geschichtswissenschaftler für den Bremer Industriestandort und seine Historie. „Es gibt kein eigenes Archiv dazu“, war Steinbrechers erste Feststellung, als er Näheres über sein Wohnumfeld aus Industriegrundstücken wissen wollte und zu forschen begann. „Letztes Jahr war allerdings Pause“, sagt Steinbrecher, denn da habe er mit der Ausstellung Bremen-Riga viel zu tun gehabt.

Alte Karten, Grundrisse und Folianten in dicken braunen Einbänden stapeln sich auf seinem Tisch. Alles zu Hastedt. „Hier schauen Sie!“, sagt er und zeigt auf eine Kopie, auf der es nur einen Landsitz im Bereich des heutigen Industriegebiets gibt. „Damals war Hastedt eine Dünenlandschaft, und der Dünensand wehte zu Nachbarn, die sich über den Sand ärgerten“, interpretiert Chris Steinbrecher die Karte.

Viele hundert Föhren (Kiefern) sollten dem Dünenboden Festigkeit verschaffen. Als erste Industrie siedelte sich eine Weinbrandbrennerei in Hastedt an. Dazu kam eine Papiermühle, die mit Pferdeantrieb begann und erst später zur windgetriebenen Mühle in der Mühlenstraße wurde, der heutigen Drakenburger Straße.

Heinrich Wiegand, Direktor des Norddeutschen Lloyds, holte schließlich einen Ingenieur nach Hastedt, der Hallen und ein Stromkraftwerk bauen ließ, um industriell arbeiten zu können. Für Energie war dann gesorgt, die Weser als Transportweg vor der Tür, die Bahnanbindung im Werden, und Arbeiterunterkünfte entstanden an der heutigen Pfalzburger Straße. Die Entwicklung schritt voran. Durch die erste Weservertiefung für den Schiffsverkehr war der Wasserdurchfluss zu schnell geworden, und die erste Staumauer gegen Überschwemmungen des Industriegebietes wurde errichtet. Was dort alles damals industriell gefertigt wurde, verwundert manche Zeitgenossen heute. Sogar Fahrzeuge mit Elektroantrieb wurden produziert. Vorwiegend Frauen wickelten den Draht um die Spulen für die Transformatoren. Der Industriestandort machte von sich reden, doch es ging bald bergab mit den Auftragszahlen, denn für den Kriegseinsatz waren Elektroautos ungeeignet – schon weil es an einer flächendeckenden Stromversorgung fehlte.

Die Norddeutsche Automobil- und Motorenfabrik AG, kurz Namag, hatte ihren Hauptsitz in der Föhrenstraße, in einem Gebäude, in dem Bremerinnen und Bremer heute trainieren, um fit zu bleiben. Karosserien mit vielen Holzelementen wurden genau dort gefertigt, wo Chris Steinbrecher wohnt, im Ogohaus.

Und etwas weiter, dort, wo heute Autos verkauft werden, wurden die ersten elektrischen Bahnen Bremens produziert, allerdings für Bremerhaven, denn die Seestadt hatte früher deutlich mehr Bedarf an innerstädtischem Schienenverkehr als Bremen. Die Hallen der Waggonwerke wurden später vom Flugzeugbauer Focke-Wulf genutzt. Ab 1928 wurden unter Borgward in Hastedt die ersten Goliath-Autos, dreirädrige Nutzfahrzeuge, gebaut.

Wer sich für die Industriegeschichte Hastedts interessiert, hat zwei Möglichkeiten: Man kann sich den Vortrag am Sonntag, 20. März, im Ogohaus anhören oder auf Steinbrechers Buch zum Thema warten, das fertig geschrieben ist und derzeit lektoriert wird.

Chris Steinbrecher: Die Industriegeschichte von Hastedt, Vortrag am Sonntag, 20. März, um 15 Uhr, Seminarraum des Ogohauses, Föhrenstraße 76/78. Anmeldung werden erbeten unter Telefon 70 33 53 oder per E- Mail an die Adresse calais.steinbrecher@t-online.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+