Gefängnis in Bremen-Oslebshausen Mitarbeiter kritisiert JVA-Leitung

Nach dem Suizid eines 26-Jährigen in der JVA Bremen erhebt ein Angestellter schwere Vorwürfe gegen die Gefängnisleitung: Die Zustände in dem Gefängnis seien unhaltbar.
20.12.2017, 17:08
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Mitarbeiter kritisiert JVA-Leitung
Von Jan Oppel

Nach dem Suizid eines Untersuchungshäftlings in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Oslebshausen erhebt ein Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen die Gefängnisleitung: Bei der Einlieferung in die JVA sei der 26-Jährige völlig falsch eingeschätzt worden. Nach dem Todesfall würden die Angestellten nun mit ihren traumatischen Erlebnissen allein gelassen. Der Häftling hatte sich vor anderthalb Wochen in seiner Zelle stranguliert.

Der Mann will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, er hat Angst, seinen Job zu verlieren. Am Telefon gibt er sich als Bediensteter der JVA aus. Überprüfen lässt sich das nicht. Er wirkt aufgewühlt, aber gut informiert: Der Mann kennt die Abläufe in der Haftanstalt und die Dienstzeiten seiner Kollegen. Die Verantwortung für den Tod eines Untersuchungshäftlings vor anderthalb Wochen sieht er vor allem bei der Anstaltsleitung.

Lesen Sie auch

Dienstag, 5. Dezember: Der 26-Jährige wird wegen eines Messerangriffs auf seine Ex-Freundin festgenommen. Nach der Tat hat greift ihn die Besatzung eines Rettungswagens „in einem hilflosen Zustand“ auf, so steht es im Bericht. Der Mann hatte nach seiner Tat erst Alkohol und dann Rohrreiniger getrunken, vermutlich, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Er kam ins Diako-Krankenhaus. Zwei Tage später wurde er entlassen, in das Gefängnis überführt und dort wegen seines instabilen Zustands in einer videoüberwachten Suizidpräventionszelle untergebracht.

Falsche Einschätzung des Häftlings

Besteht die akute Gefahr eines Suizids, werden die Betroffenen in einem besonders gesicherten Haftraum ohne Möbel untergebracht. Statt der Anstaltskleidung tragen die Häftlinge dort nur ein Hemd und eine Hose aus Papier. Von dieser Maßnahme hatte eine Psychotherapeutin bei der Erstuntersuchung des Mannes aber abgesehen. Die konkrete Gefahr einer Selbsttötung habe demnach nicht bestanden, sagt JVA-Leiter Carsten Bauer. Die Verständigung mit dem aus Indien stammenden Mann gestaltete sich schwierig. Eine Mitarbeiterin musste übersetzen. Dann habe der Häftling der Psychologin aber glaubhaft versichert, dass er sich nicht umbringen wolle, berichtet Bauer. Zum Rohrreiniger habe der Mann nur gegriffen, weil er bereits völlig betrunken gewesen sei. Daher entschied sich die Expertin offenbar für die Suizidpräventionszelle – und gegen den besonders gesicherten Haftraum.

Lesen Sie auch

Der JVA-Mitarbeiter bezweifelt hingegen, dass es überhaupt ein ausführliches Gespräch mit der Psychotherapeutin gegeben hat: „Wie kann es sonst sein, dass jemand, der Rohrreiniger trinkt, nicht in den besonders gesicherten Haftraum kommt?“ Eine umfassende Expertenbefragung bei Haftantritt gebe es in Oslebshausen ohnehin so gut wie nie. JVA-Leiter Bauer widerspricht: „Im aktuellen Fall ist alles nach Vorschrift abgelaufen. Es gab ein umfassendes Screening mit der Abteilungsleiterin und der Psychologin.“ Gleichwohl gebe es vor allem abends und an den Wochenenden Situationen, in denen bei der Einlieferung eines Häftlings tatsächlich keine Experten im Haus seien, die eine solche Untersuchung vornehmen könnten. In diesen Fällen müssten die Mitarbeiter des Vollzugsdienstes die Gefahr eines Suizids tatsächlich selbst abschätzen. Dabei seien sie angewiesen, sich im Zweifelsfall immer für die sicherere Unterbringung zu entscheiden, sagt Bauer.

Überforderte Mitarbeiter

Für den JVA-Mitarbeiter sind das unhaltbare Zustände. Dazu seien die zwei Mitarbeiter in der Sicherheitszentrale mit der Überwachung der Bilder der 63 Kameras auf dem Gelände heillos überfordert, kritisiert er. Im Fall des 26-Jährigen war dessen Suizidversuch laut Bauer aufgrund eines Rettungswageneinsatzes in der Haftanstalt zu spät bemerkt worden. Drei Tage später starb der Mann im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Er hatte vermutlich ein Band aus seiner Jogginghose am Griff des Zellenfensters befestigt und sich damit stranguliert.

Carsten Bauer räumt ein, dass es bei der Videoüberwachung Verbesserungsbedarf gibt. „Wir schauen uns gerade an, wie wir unsere Anlage optimieren können“, sagt der JVA-Chef. Mittlerweile gebe es Software, die unnatürliche Bewegungen in den Zellen registriere oder beispielsweise Alarm auslöse, wenn ein Häftling der Zellendecke näher als 30 Zentimeter komme. Die Fenstergriffe aus den Suizidpräventionszellen seien bereits entfernt worden. Zudem habe die Gefängnisleitung die Jogginghosen gegen Modelle ohne Schnüre getauscht.

Der Mitarbeiter beklagt, dass JVA-Bedienstete nach diesem tragischen Ereignis mit ihren Problemen allein gelassen würden. „Das stimmt nicht“, entgegnet Bauer. Es gebe ein zehnköpfiges Kriseninterventionsteam, das sich der Betroffenen annehme. „Wir tun alles, was in unserer Macht steht.“

Die Staatsanwaltschaft prüft nach dem Suizid des Häftlings weiterhin, ob es Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden gibt. Das ist stets der der Fall, wenn es um eine nicht natürliche Todesursache geht. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, sagte Sprecher Frank Passade auf Anfrage.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+