Unbarmherzige Diagnose

Mitgliederschwund bei der Bremer CDU

Alle Parteien legen in Bremen zu, nur die CDU verliert kontinuierlich Mitglieder. Die Partei sieht darin eine allgemeine Entwicklung - der Parteienforscher Lothar Probst nicht.
10.01.2018, 18:38
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Hethey
Mitgliederschwund bei der Bremer CDU

Lothar Probst.

Frank Thomas Koch

Wirklich gefallen können der CDU die neuen Zahlen zur Mitgliederentwicklung nicht. Abermals ist ein Rückgang zu verzeichnen. Zählten die Christdemokraten 2016 noch 2263 Mitglieder, so waren es 2017 nur 2207 – 56 Mitglieder weniger, ein Minus von 2,5 Prozentpunkten. Doch die Partei gibt sich gelassen, sie verbucht den kontinuierlichen Mitgliederschwund als allgemeines Phänomen.

„Sinkende Mitgliederzahlen sind nicht nur ein Trend der Volksparteien, sondern ziehen sich auch durch andere gesellschaftliche Bereiche wie Vereine oder Verbände“, sagt Landesgeschäftsführer Heiko Strohmann. Dem widerspricht allerdings der Aufwärtstrend bei der gesamten politischen Konkurrenz. Die kleineren Parteien legten 2017 teils kräftig zu. Aber auch die zuletzt so arg gebeutelte SPD, die ein Plus von 108 Mitgliedern verzeichnen kann.

Eine andere Erklärung für das Dilemma der CDU hat denn auch Parteienforscher Lothar Probst. Zwar räumt er ein, dass Bremen ein „schwieriges Terrain“ für die Christdemokraten sei – als traditionelle SPD-Hochburg ohne starkes katholisches Milieu, ohne eine nennenswerte Zahl von Landwirten als zuverlässige Wählerschicht. Hinzu komme ein „gewisses Maß“ an Verunsicherung innerhalb der CDU seit der Flüchtlingszuwanderung. Seine Vermutung: „Der Bundestrend zieht die CDU in Bremen nach unten.“

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Doch das ist Probst zufolge nicht alles. „In Bremen kommt die CDU nicht aus dem Quark“, lautet seine unbarmherzige Diagnose. Die Partei schaffe es nicht wirklich, aus der Schwäche der rot-grünen Regierungskoalition Kapital zu schlagen. Als Paradebeispiel nennt er den Vorstoß zur Bebauung des Neustädter Hafens. „Sogar die Handelskammer ist dagegen gewesen. Der Neustädter Hafen war für die CDU ein Rohrkrepierer.“

Nach wie vor fehle der Partei eine inhaltliche wie auch personelle Alternative zum derzeitigen Senatsbündnis. „Es gelingt ihr nicht, als Oppositionspartei das notwendige Profil zu entwickeln.“ Die „hausgemachten Probleme innerhalb der CDU“ seien neben strukturellen Problemen und Abgängen zur Alternative für Deutschland (AfD) ein gewichtiger Grund für den anhaltenden Mitgliederverlust.

Noch drastischer fällt das Urteil von Politikwissenschaftler Frank Nullmeier aus, Sprecher des Forschungszentrums Ungleichheit und Sozialpolitik (Socium) an der Uni Bremen. Nullmeier macht eine regionale „Sonderentwicklung der CDU“ aus, sein Befund: „Die CDU in Bremen ist einfach eine niedergehende Partei und das schon sehr, sehr lange.“

Zentrale Aufgabe muss Mitgliederoffensive sein

Das hohe Durchschnittsalter und damit den stetigen Mitgliederschwund durch Todesfälle will er genauso wenig wie Probst als Entschuldigung gelten lassen. „Natürlich ist die Mortalitätsrate ein Faktor“, sagt Probst. „Aber gerade große Parteien sollten das kompensieren können.“ Eine Chance auf eine Regierungsbeteiligung nach den Bürgerschaftswahlen im kommenden Jahr will Nullmeier der CDU dennoch nicht absprechen.

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„Vielleicht kann die Partei die Wahlen trotzdem noch gewinnen“, sagt der 60-Jährige. Zumal die Bedingungen derzeit günstig seien. „Es gibt jetzt einen Bürgermeister, den man leichter angreifen kann.“ Um allerdings einen schlagkräftigen Wahlkampf zu führen, darf sich in seinen Augen die Personaldecke nicht weiter ausdünnen.

„Zentrale Aufgabe für die Partei muss eine Mitgliederoffensive sein.“ Und zwar nicht irgendwann im Jahresverlauf, sondern sofort. Denn: „Um einen Wahlkampf erfolgreich zu führen, braucht man Parteimitglieder.“ Eine Trendwende also als Gebot der Stunde. Zwar verlangsamt sich der Mitgliederschwund der CDU, bleibt aber auf lange Sicht ungebrochen.

Niedrigschwelliger Zugang zu Informationen

Noch vor zehn Jahren hatte die Partei in Bremen über 1000 Mitglieder mehr, ist also seither um ein gutes Drittel geschrumpft. Noch ernüchternder fällt der Vergleich mit dem Stand von 1991 aus. Ein Jahr nach der Wiedervereinigung unter Bundeskanzler Helmut Kohl erreichte die Partei einen Spitzenwert von 3900 Mitgliedern. In den Jahren der Großen Koalition (1995 bis 2007) war der Mitgliederverlust noch überschaubar, er sank von 3614 auf 3340.

Doch danach ging es permanent bergab. Völlig tatenlos hat die Partei dem Mitgliederschwund laut Strohmann keineswegs zugesehen. „Diese Entwicklung beklagen wir nicht, wir müssen uns den Bedürfnissen anpassen.“ Bereits vor zwei Jahren habe die Bremer CDU begonnen, die Mitarbeit in der Partei zu modernisieren.

Befragungen unter den Mitgliedern hätten ein größeres Interesse für zeitlich begrenzte Projektarbeit als für dauerhafte Kommissionen ergeben. Auch die digitale Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. „Über Facebook, Mails oder Whats-App-Gruppen bieten wir heute schon einen niedrigschwelligen Zugang zu Informationen an.“ Außerdem sei eine eigene CDU-App in Arbeit, die nicht nur informiere, sondern auch die Kommunikation und Abstimmung erleichtere.

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