Historische Versatzstücke

Mittelalter und Moderne in der Bremer Innenstadt

Längst nicht jedes Gebäude in der Bremer Innenstadt, das an die Zeit der Weserrenaissance erinnert, ist ein originaler Altbau. Viele Gebäude sind in den letzten Jahrhunderten ersetzt oder stark verändert worden.
12.09.2018, 21:15
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Mittelalter und Moderne in der Bremer Innenstadt
Von Sara Sundermann
Mittelalter und Moderne in der Bremer Innenstadt

Das Roseliushaus (links) stammt aus dem Mittelalter, das angrenzende Haus des Glockenspiels aus den Zwanzigern.

Christina Kuhaupt

Vielerorts in der Bremer Innenstadt sind mittelalterliche Fassaden und Fragmente eine enge Fusion mit neueren Bauten und Architekturstilen aus dem 20. Jahrhundert eingegangen. Längst nicht jedes Gebäude im Herzen Bremens, das auf den ersten Blick jahrhundertealt aussieht und Laien in seinem Stil an die Zeit der Weserrenaissance erinnert, ist ein originaler Altbau. Ähnlich wie in anderen deutschen Städten sind auch in Bremen die Gebäude vergangener Jahrhunderte im Zuge von Stadtumbau abgerissen, durch Neues ersetzt oder stark verändert worden.

In Bremen, dessen Innenstadt bei den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg in großen Teilen zerstört wurde, sind aber sogar besonders viel Altbauten in Bewegung geraten. Fragmente und Trümmer des alten Bremen gingen im Neuen oft wieder auf – die Bremerinnen und Bremer betrieben Baustoff-Recycling und bauten ihre Stadt aus den Bruchstücken der alten in anderer Form wieder auf. Das Spiel mit historischen Versatzstücken wurde in Bremen sogar besonders intensiv betrieben und sei typisch für die Hansestadt, so beschrieb es der Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki vor einigen Jahren und sprach von einer Art „Lego-System“.

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Oft verfuhren Architekten und Bauherren in Bremen bei der Rekonstruktion relativ frei und fühlten sich auch nicht an den Ort gebunden: Hübsche alte Hausfragmente wurden immer wieder verpflanzt. Manches mittelalterliche Haus wechselte sogar kurzerhand den Stadtteil. Das Amtsfischerhaus zum Beispiel, das heute im Schnoor steht, wurde ursprünglich im Stephaniviertel gebaut, das einst ähnlich eng und kleinteilig bebaut war wie der Schnoor noch heute. Auch manches schmucke Haus-Portal im Schnoorviertel stammt aus dem Stephaniquartier.

Andere Fragmente des alten Bremen sind an noch ungewöhnlicheren Orten zu sehen: Fünf Sandsteinreliefs vom Portal des prachtvollen Verwaltungsgebäude des Norddeutschen Lloyds, das einst in der Bremer Innenstadt stand, finden sich zum Beispiel heute als dekorative Elemente in den Innenräumen des China-Restaurant „Phoenix“ in Oslebshausen wieder.

Böttcherstraße

Wer mit auswärtigen Gästen durch die Böttcherstraße läuft, hat vielleicht das Gefühl, sich in einem Stück mittelalterlichen Bremen zu befinden: Kleinteilige Backsteinbauten mit Vorsprüngen und Verzierungen säumen die enge Gasse. Doch auch wenn es die Böttcherstraße als Weg zum damaligen Weserhafen an der Schlachte schon im Mittelalter gab – die meisten Häuser, die heute dort stehen, stammen aus den 20er-Jahren. Sie stellen eine idealisierte mittelalterliche Stadt dar und verbinden dies mit Elementen des Expressionismus. Touristisch waren die Bauten schon in den Zwanzigern ein großer Erfolg, sagt Syring. Das älteste Haus der Straße, das tatsächlich aus dem Mittelalter stammt, ist das Roseliushaus. Es grenzt an neuere Bauten aus den Zwanzigern, die den historischen Stil aufgreifen, aber auch weiter entwickeln. Ein Beispiel dafür ist das benachbarte Haus des Glockenspiels.

Haus der Stadtsparkasse

Sparkasse am Markt - Thema: Jacobs-Höfe - Essighausfassade

Beim Haus der Sparkasse schließt die barocke Fassade an einen Seitenteil aus den Fünfzigern an.

Foto: Christina Kuhaupt

Die Giebelhäuser an der Nordwestseite des Marktplatzes wirken historisch, sind aber Werke des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich gab es hier im 16. und 17. Jahrhundert Häuser im Renaissancestil – sie sind aber nicht erhalten. In die heutigen Fassaden sind zwar mittelalterliche Fragmente eingebaut, diese stammen aber selten vom Marktplatz. Das Deutsche Haus zum Beispiel entstand aus Ausluchten, Erkern und Giebelteilen von Häusern verschiedener Innenstadtstraßen. Ein gutes Beispiel für die Verbindung mittelalterlicher und neuer Elemente bietet die Stadtsparkasse: Die Barock-Fassade stammt von einem Haus an der Schlachte, die Seitenteile sind vom Stil derFünfziger geprägt, nehmen aber die Proportionen der Fassade auf. Kurios: Das einzige mittelalterliche Haus auf der Westseite des Platzes, das Umbau und Bomben überlebte, wurde in den Fünfzigern abgerissen, sagt Historiker Syring.

Haus der Dampfschifffahrt

HKK-Gebäude - Thema: Jacobs-Höfe - Essighausfassade

Zwei mittelalterliche Hausgiebel werden durch moderne Mauern zu einem Gebäude verbunden.

Foto: Christina Kuhaupt

Heute hat die Krankenkasse HKK ihren Sitz im Haus derDeutschen Dampfschifffahrtsgesellschaft an der Martinistraße. Das rote Backsteingebäude besteht aus zwei mittelalterlichen Giebeln von 1600, die von Backsteingebäuden aus dem 20. Jahrhundert getragen werden. Die Bebauung dieser Stelle war im Mittelalter deutlich kleinteiliger, sagt Syring. Beide Giebelbauten sind heute durch einen modernen Zwischenteil zu einem großen Gebäude verbunden. Ebenfalls interessant: Auch die Wegeführung in derStadt war im Mittelalter deutlich anders – die Martinistraße, die heute als wichtige Verkehrsader von Ost nach West das Zentrum kreuzt, lag laut Syring einst näher an der Weser und verlief direkt vor dem Gebäude der Dampfschifffahrtsgesellschaft. Zudem war sie damals eine Sackgasse: Sie endete dort, wo heute Schünemann-Verlag und Wirtschaftsressort ihren Sitz haben.

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