Ausflug nach Bremerhaven

Mitten im Getümmel der Luneplate

Die Luneplate bei Bremerhaven ist Naturschutzgebiet, Naherholungsgebiet und Rastplatz für Zugvögel zugleich. Ein spannendes Gebiet.
19.07.2019, 09:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Helmut Stapel

Sie ist das größte Naturschutzgebiet im Land Bremen und bietet nicht nur der Natur einen einzigartigen Rückzugsraum: die Luneplate bei Bremerhaven. Besonders für Besucher ist das mehr als 1400 Hektar große Areal ein einzigartiges Ziel mit atemberaubenden Eindrücken. Direkt hinter dem Deich auf dem Weg zur Außenweser gelegen, ist die weitläufige Wiesenlandschaft ein Rastgebiet für Tausende von Zugvögeln. Der weite Blick und die frische Seeluft machen schon beim ersten Atemzug den Kopf frei.

Um so viele Naturschauspiele auf einmal zu sehen, braucht man normalerweise Kabelfernsehen und mindestens zwei Fernbedienungen. Die Luneplate hat sich im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte zu einem Tummelplatz für Tiere und Pflanzen entwickelt, wie man ihn an der Küste nur selten findet. Entstanden ist das Gebiet über die Jahre als Ausgleichsmaßnahme für verschiedene Wirtschaftsbauten – unter anderem den Bremerhavener Containerterminal 3 und 4. Die Gesamtkosten für die Renaturierung belaufen sich nach Angaben von Bremenports auf rund 50 Millionen Euro.

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Das ehemalige Landwirtschaftsgebiet gehört heute vollständig der Natur und wurde im Jahr 2015 offiziell zum Schutzgebiet erklärt. Die Wiedervernässung durch das Sturmflutsperrwerk hat einen wesentlichen Teil dazu beigetragen. „Wir haben die Anlage Ende 2012 in Betrieb genommen. Seitdem haben Ebbe und Flut aus der Weser freien Zugang zu einem Teil der Luneplate – es sei denn, das Wasser läuft durch Sturm zu hoch auf. Dann machen wir natürlich zu“, erzählt Thomas Wieland, Mitarbeiter der Hafengesellschaft Bremenports.

Er hat die Renaturierung der Luneplate maßgeblich geplant und geleitet. Über das Sperrwerk und die angeschlossenen Gräben werden rund 220 Hektar Fläche der Luneplate regelmäßig unter Wasser gesetzt und fallen auch wieder trocken. Ganz, wie es der Natur in den Sinn kommt. Die Pflanzen könnten gut mit dem salzhaltigen Wasser umgehen. Ein wildes Paradies – vor allem für Zugvögel und heimische Vogelarten.

„An manchen Tagen haben wir hier bis zu 20 000 Vögel, die auf der Luneplate einen Zwischenstopp einlegen. Darunter sind Nonnengänse, Pfeifenten oder auch Säbelschnäbler“, zählt Wieland auf. „Es gibt aber auch rund 130 Brutpaare von heimischen Kibitzen. Da diese Art bundesweit rückläufig ist, ist das ein toller Erfolg.“ Zu Fressen gibt es reichlich auf der Luneplate und auch einen sicheren Platz zum Schlafen, vor allem für die größeren Zugvögel. „Im Tidepolder – das ist die vernässte Fläche in den Wiesen – fühlen sich die Vögel besonders wohl. Da kommt kein Fuchs hin“, lacht der Landschaftsplaner.

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Der 53-Jährige ist ein großer Natur-Liebhaber. Deshalb war ihm die Umgestaltung der ehemaligen Nutzlandschaft eine Herzensangelegenheit. Beachtliche 18 Jahre hat er daran gearbeitet und geplant. Wann immer er nun mit dem Fernglas oben auf dem Deich steht und in der Morgensonne über die Weite der Luneplate blickt, geht ihm das Herz auf. „Einfach herrlich“, sagt er auch an diesem Morgen.Im goldenen Dunst steigt ein großer Vogelschwarm auf. Die sattgrüne Landschaft mit Gräben, Büschen, einigen Bäumen und schmalen Wegen liegt friedlich da und genügt sich selbst. Die Landwirtschaft und der Mensch haben sich zurückgezogen. Doch was sind das dann für dicke, dunkle Punkte, die in der Entfernung gemächlich als Herde über die Wiese ziehen?

„Das sind unsere Wasserbüffel“, sagt Thomas Wieland. Insgesamt 40 Tiere gibt es inzwischen auf der Luneplate. Bremenports hat sie sozusagen als natürliche Rasenmäher angeschafft. Mit ihrem dicken Fell können die robusten Tiere das ganze Jahr über auf der Luneplate sein und grasen friedlich vor sich hin. Auch ein paar Radfahrer bleiben stehen und sehen sich die grasenden Wasserbüffel an. Die Luneplate ist als Naherholungsziel beliebt. Es gibt insgesamt zwölf Kilometer an glatten Asphaltwegen, die in einer Rundtour durch das Areal führen.

Natürlich gibt es auch zahlreiche Punkte für eine Pause bei Thermoskannen-Kaffee und Butterbrot. „Wir haben einen zentralen Aussichtsturm, der einen hervorragenden Blick über die Luneplate und den Tidepolder mit seinen Wasserflächen, den Vögeln und der Naturpracht ermöglicht. Außerdem gibt es eine Vogelbeobachtungsstation, von der aus man geschützt und unbemerkt die Vogelschwärme betraten kann, Sitzbänke und Schautafeln“, sagt Thomas Wieland.

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Neben den vielen verschiedenen Tieren gibt es selbstverständlich auch noch etwas anderes im Naturschutzgebiet Luneplate zu sehen: Pflanzen. Durch die ungestörte Weite haben sich hier Exemplare angesiedelt oder wieder ausgebreitet, die woanders nur selten vorkommen. Manche stehen auch auf der Liste der bedrohten Arten. „Dazu gehören zum Beispiel der Klappertopf oder die Laugenblume“, nennt Thomas Wieland seine Lieblingspflanzen.

Ganz besonders angetan aber hat es ihm der Bereich innendeichs am Sturmflutsperrwerk. Hier fließt ein kleiner Fluss durch die geöffneten Sperrwerktore in die Weser, dessen Ufer sich über die Jahre sehr verändert hat. Statt grüner Abbruchkanten lagert nun dunkler Schlick links und rechts. Die ehemals schmale Flussöffnung hat sich durch den Druck der Gezeiten erweitert. Es sieht fast aus wie ein Priel am nahen Wattenmeer.

„Ganz genau“, sagt Thomas Wieland. „Hier haben sich durch Ebbe und Flut Sedimente abgelagert und wir haben nun praktisch das Watt aus dem Meer auf der anderen Seite vom Deich. Ökologisch für den Polder eine tolle Entwicklung.“ Und damit auch gleichzeitig wahrscheinlich eine Weltpremiere mit Seltenheitscharakter: Das Watt hat seine bekanntesten Bewohner gleich mit hinter den Deich gebracht und sorgt für eine kleine Sensation: Wattwürmer im Binnenland.

Info

Zur Sache

Besuch auf der Luneplate

Die Luneplate ist mit knapp 1400 Hektar Grundfläche das größte Naturschutzgebiet im Land Bremen. Allein 220 Hektar des Tidepolder sind über ein Sperrwerk im Wechsel von Ebbe und Flut mit der Weser verbunden. Damit ist das Gebiet in der Nähe von Bremerhaven auch ein international bedeutendes Rastgebiet für Zugvögel. Die besten Beobachtungszeiten für Interessierte sind im Frühjahr die Monate März und April, im Herbst die Monate Oktober und November. Die Luneplate ist für Besucher zugänglich über markierte und befestige Asphaltwege. Geführte kostenlose Exkursionen mit Ornithologen gibt es sechs Mal im Jahr. Die Termine dafür finden Sie im Netz unter: www.bremenports.de

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