Wie risikoreich ist WLAN?

Mitten im Mobilfunkland

Die Risiken der Mobilfunkstrahlung werden von Wissenschaftlern sehr unterschiedlich eingeschätzt. Jörn Gutbier von "Diagnose: Funk" hat im Haus der Wissenschaft einen Überblick vermittelt.
14.03.2018, 15:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Christine Gräfing
Mitten im Mobilfunkland

In Bussen und Bahnen, in Cafés und vielen anderen Orten sind die Menschen heute drahtlos vernetzt. WLAN ist Standard geworden.

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Die Menschen umgibt heute fast überall Mobilfunk, und die Stärke der künstlichen, technischen Bestrahlung nimmt weiter zu. Neue Funkstandards wie „5G“, das „Internet der Dinge“ und „Smart homes“ erweitern das bisherige Spektrum. In seinem „Wissen um 11“-Vortrag „Divergierende Risikobewertung im Bereich Mobilfunk“ im Haus der Wissenschaft ging Jörn Gutbier der Frage nach, ob diese nicht-ionisierende Mikrowellenstrahlung gesundheitsschädlich ist oder nicht. Er zeigte, dass die umfangreiche Forschung zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommt, und formulierte Lösungsansätze und machbaren Schutz.

Der freie Architekt und Baubiologe ist Vorstandsvorsitzender von „Diagnose: Funk“ (DF), einer internationalen Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation, die sich für den Schutz vor elektromagnetischen Feldern und Strahlung einsetzt, und Mitglied im Arbeitskreis Immissionsschutz des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Zu Beginn seines Parforceritts durch ein „komplexes Thema“ verwies Gutbier auf das Buch „Späte Lehren aus frühen Warnungen“ der Europäischen Umweltagentur (EUA), die darin die Nicht-Anwendung des Vorsorgeprinzips beklagt. Es enthält Beispiele für erste Warnungen zu eingeführten Stoffen oder Techniken und für den Zeitpunkt, an dem die Politik dann adäquat reagiert hat. Etwa bei Asbest, von dem bereits Anfang 1900 bekannt war, dass es Lungenkrebs auslöst. Es hat dann aber noch etwa 100 Jahre gedauert, bis das Material verboten wurde.

In die neueste Auflage des Buches ist ein eigenes Kapitel zum Mobilfunk eingeflossen. In einer vom deutschen „Bundesamt für Strahlenschutz“ (BfS) in Auftrag gegebenen Studie wurde untersucht, welche relevanten Organisationen im deutschsprachigen Raum sich zu Auswirkungen von Mobilfunk äußern. Neben dem BfS und der Weltgesundheitsorganisation ist dabei auch „Diagnose: Funk“ vertreten. In der Studie von 2016 wurde dargestellt, wie die verschiedenen Organisationen Erkenntnisse bewerten und wie die Einschätzung möglicher Effekte des Mobilfunks und gesundheitliche Auswirkungen in Zell-, Tier- und Humanstudien auseinandergehen. „Ausreichend nachgewiesene Effekte“ hat das BfS nur im Bereich von „Wärme-Entwicklung“ und bei „Einfluss auf das EEG“ dokumentiert. Die Bioinitiative, ein Zusammenschluss von unabhängigen Wissenschaftlern hingegen, dagegen in fast allen bewerteten Bereichen, ähnlich wie „Diagnose: Funk“.Die „Internationale Kommission zum Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung“ – laut Gutbier ein privater Verein, der eng mit dem BfS verbandelt und keinerlei Kontrolle unterworfen sei – hat Empfehlungen für Grenzwerte aufgestellt. Für den Mobilfunkstandard UMTS beispielsweise gibt es einen amtlichen Anlagen-Grenzwert von 10 000 000 Mikrowatt pro Quadratmeter. Sicher sei, zitiert Gutbier, dass der Grenzwert vor „kurzfristigen, unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen (…) durch erhöhte Gewebetemperaturen“ schütze. Zum Vergleich zeigt er andere Grenzwerte für die Strahlungsintensität auf: Die Stadt Paris hat in öffentlichen Gebäuden einen Grenzwert von 10 000 Mikrowatt pro Quadratmeter festgelegt, verschiedene Wissenschaftler fordern 1000 Mikrowatt pro Quadratmeter, und der BUND hat einen Grenzwert von 100 Mikrowatt pro Quadratmeter als Gefahrenabwehrstandard gefordert. Eine Handyfunktion sei noch gewährleistet bei Werten unter Null Mikrowatt pro Quadratmeter.

Für die Bundesregierung hat 2006 das ­Ecolog-Institut die wissenschaftliche Datenlage ausgewertet. Laut Gutbier gibt es Hinweise auf Effekte von Mobilfunkstrahlung unterschiedlichster Intensität, etwa im Bezug auf die Befindlichkeit, das Immunsystem, auf Krebsentstehung und schneller wachsenden Krebs – aber keinen Beweis. Ein Rückversicherer allerdings hat aufgrund dieser Ergebnisse seinen Versicherungen mitgeteilt, dass das Mobilfunkrisiko nicht kalkulierbar und also nicht versicherbar sei. „Diagnose: Funk“ hat diese Arbeit fortgeführt und unter anderen in der Auswertung von 130 Studien gezeigt, dass Schädigungen, auch unterhalb des Grenzwertes an Hoden, Spermien und Embryos auftreten, es zur Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke kommen kann und zur Auslösung von Elektrosensibilität bei einer kleinen Gruppe von Menschen.

Jörn Gutbier fragt dann, ob „die WLAN-isierung“ von Schulen – bei der Klassen mit Tablets ausgestattet werden, ein Router im Raum aufgehängt wird und eine Strahlungs-Dauerbelastung besteht – so gut sei, wenn es dadurch zu Befindlichkeits- und kognitiven Störungen kommen kann. Er kritisiert, dass der gegenwärtige Wissensstand komplett ignoriert werde „im Hype der WLAN-isierung von fast allem“.

Jüngste wissenschaftliche Arbeit ist eine Review von 2018 zu Wirkungen von WLAN-/2,45-Gigahertz-Strahlung auf Zellen, Fruchtbarkeit, Gehirn und Verhalten. Nach Analyse von mehr als 100 Studien wurde die beeinträchtigende bis schädigende Wirkung auf Fortpflanzung und Fruchtbarkeit, Gehirn und Gehirnentwicklung, Nervensystem und Verhalten, sowie DNA-Schädigungen und Tumorrisiko, oxidativer Zellstress und Wirkung auf Zellmembranen und Organe dokumentiert. Bei den meisten Studien wurde Schädigungen auch deutlich unter den Grenzwerten dokumentiert.

Gutbier kritisiert die Vorsorgevermeidung der Politik und zitiert die Europäische Umweltagentur: Das Säen von Zweifeln sei eine Strategie der Industrie, um vorsorgliche Entscheidungen zu verhindern. Es reiche, Dinge in Zweifel zu ziehen, um Politiker handlungsunfähig zu machen, sagt der Ingenieur, der in seiner Gemeinde als Stadtrat tätig ist. Niemand wolle zurück in die 90er-Jahre, betont er. Die Technologie habe sich durchgesetzt und werde von vielen Menschen geliebt. Jederzeit könne man miteinander kommunizieren, via Internet auf das Weltwissen zurückgreifen. „Diagnose: Funk“ aber fordere mehr Aufklärung über Risiken und Vorsorge durch die Politik, sagt Jörn Gutbier. Ziel müsse es sein, mehr Daten mit weniger Strahlung zu übertragen.

Mögliche Lösungen sind unter anderem der Ausbau alternativer Technik wie Optisches WLAN (VLC ), Kommunikation über Lichtfrequenzen oder aber Netsharing, also die Möglichkeit, nur ein Netz für alle Anbieter zuzulassen. Denkbar ist auch das Trennen des inneren Funkbereichs vom äußeren Funkbereich, um das Durchstrahlen von Wohnungen zu vermeiden, denkbar sind Kleinzellennetze mit geringerer Leistung und verkürzte Funkstrecken anstelle von riesigen Masten, automatische Abschaltung und Leistungsregelung. Oder Grenzwertabsenkung. „Die Lösung ist politisch“, betonte Gutbier, „und sie ist technisch umsetzbar.“

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