Heinz Becker vom ASB erläutert neue Wege in der Arbeit mit behinderten Menschen Mitten rein ins Leben

Personenzentrierte sozialräumliche Arbeit, und das Ganze soll Wege ins Quartier öffnen. Was darf man sich darunter vorstellen?Heinz Becker: Im Prinzip lässt sich das gut an der Geschichte unseres Hauses darstellen. Es ist 1988 aus einer großen Anstalt entstanden.
12.10.2017, 00:00
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Von Kornelia Hattermann

Personenzentrierte sozialräumliche Arbeit, und das Ganze soll Wege ins Quartier öffnen. Was darf man sich darunter vorstellen?

Heinz Becker: Im Prinzip lässt sich das gut an der Geschichte unseres Hauses darstellen. Es ist 1988 aus einer großen Anstalt entstanden. Die Bewohner – oder Patienten damals noch – sind in eine kleine Einrichtung in die Stadt umgezogen. Das war ein Fortschritt, aber es waren immer noch Einrichtungen nur für behinderte Menschen. Heute sollen sie die Möglichkeit zur Teilhabe an der Gesellschaft bekommen, landläufig als Inklusion bezeichnet. Das meint Sozialraumorientierung, der soziale Raum in einer Stadt. Wir wollen raus aus dem goldenen Käfig der schicken Behindertenheime.

Und der goldene Käfig war auch bisher wenig personenzentriert?

Genau, bisher galt die Devise: Wir haben diese und jene Angebote für so und so viele Personen, meinetwegen hier Seidenmalerei, da Werken und da noch was anderes. Und der behinderte Mensch sollte sich davon eben etwas aussuchen. Das ist sehr institutionszentriert, also von der Organisation her gedacht: Wir haben die Angebote, such‘ aus oder lass‘ es. Personenzentrierung ist ein Mittel der Dienstleister. Wir möchten schauen, was die Menschen mit Behinderung möchten, und versuchen, dies gezielt umzusetzen.

Das hört sich fast zu schön an, wie eine Art Buffet.

Ja, das hat natürlich Grenzen, so wie wir Menschen ohne Behinderung auch von bestimmten Faktoren eingegrenzt werden. Wir möchten aber den Bedürfnissen und Wünschen der Behinderten näherkommen und ihnen beispielsweise die Möglichkeit bieten, eine eigene kleine Wohnung zu haben. Eben nicht nur: Hier ist ein Heim mit 16 Plätzen und Punkt.

Erstreckt sich dieses Denken auch auf Bereiche wie das Arbeiten?

Ja, es ist ganzheitlich gedacht, eben im Sinne eines Sozialraums, der sich aus vielen einzelnen Facetten zusammensetzt. Hierfür haben wir zum Beispiel sehr viele Kontakte nach außerhalb gewonnen, um die Menschen auch außerhalb des Hauses zu beschäftigen. Und zwar in sinnvollen Tätigkeiten, die auch der Gesellschaft nützen.

In welchen Feldern findet diese Teilhabe denn bereits statt?

Zum Beispiel in einer Gärtnerei oder in einem hiesigen Fahrradgeschäft, wo die festen Angestellten und Eigentümer Hand in Hand mit den Menschen mit Behinderung zusammenarbeiten. Hinzu kommen noch Dinge wie das Verteilen von Gemeindebriefen oder von Flyern für den Quartiersmanager. Dadurch werden sie in der Öffentlichkeit in anderen Rollen sichtbar. Es sind eben nicht nur die Behinderten, die mit ihrem Betreuer spazieren gehen, sondern die mir den Gemeindebrief nach Hause bringen. Das verändert etwas.

Besteht eine klare Anzahl von Möglichkeiten, oder können auch hier neue Wünsche geäußert werden?

Auch hier gilt die Personenzentrierung. Es können Wünsche geäußert werden, sodass wir auch schon schauen, wo liegen die Stärken und Interessen der Person. Und in den Grenzen unserer Möglichkeiten versuchen wir dann, entsprechend möglich zu machen, was geht. Aber das ist natürlich auch nicht nach oben hin offen. Generell findet hier ein Wandel zurück zu den Ursprüngen statt. Früher hat man offener gedacht, bis zuletzt war es sehr „versäult“. Es wurde also in getrennten Sparten gedacht: Kinder, Erwachsene und so weiter. Hiervon geht man zurzeit wieder weg.

Inwiefern?

Wir möchten wieder mehr in Zusammenhängen denken, so dass auch verstärkt geschaut wird, wo liegen die Tätigkeitsfelder, in denen wir uns engagieren müssen. So gibt es ja auch erste Impulse dahin, dass sich Behinderte um alte Menschen kümmern, wovon beide profitieren.

Welche Rollen spielen Organisationen als Ganzes eigentlich dabei?

Organisationen, wie auch wir, sind sehr starre, seit langem gewachsene Gebilde, die erst einmal das Interesse haben, dass Dinge so bleiben wie sie sind. Es leben also so viele Menschen in Heimen, weil es die Heime gibt. Denn die Heime und Tagesstätten müssen voll sein, damit wir unser Personal bezahlen können. Hier müssen wir ran. Wir müssen die Haltung der Mitarbeiter und die Organisationen an sich verändern. Wir bekommen nun ja auch neue Klienten.

Was heißt das? Sind es nicht immer wieder neue Klienten?

Ja, aber die jetzt Kommenden sind neu in der Hinsicht, dass sie zu Recht neuartige Erwartungen haben. Sie waren dank der Inklusion nie in Sonderkindergärten, Sonderschulen oder ähnlichem, sondern sie wollen mehr. Eine eigene Wohnung, und sie wollen am Arbeitsleben teilhaben. Die Nachfrage nach den neuen Konzepten ist hoch und zwingt Organisationen, sich zu ändern, und das ist gut so.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

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