Zwei Waller Galerien stellen sich im Kulturausschuss des Stadtteilbeirats vor

Mittler zwischen Kunst und Mensch

Walle. Um den Kunststandort Walle ging es kürzlich in der Sitzung des Fachausschusses „Kultur, Sport und Migration“ des Waller Stadtteilbeirats. Walle – ein Kunststandort? Jawohl, und dies nicht erst, seit zum Wintersemester 2003/2004 die Hochschule für Künste in den Speicher XI eingezogen ist.
07.03.2016, 00:00
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Von Anne Gerling
Mittler zwischen Kunst und Mensch

In die Wallerie, der Galerie im Walle-Center, lässt Künstlerin und Galeristin Delia Nordhaus Kunstinteressierte auch mit einem Einkaufswagen.

Roland Scheitz

Um den Kunststandort Walle ging es kürzlich in der Sitzung des Fachausschusses „Kultur, Sport und Migration“ des Waller Stadtteilbeirats. Walle – ein Kunststandort? Jawohl, und dies nicht erst, seit zum Wintersemester 2003/2004 die Hochschule für Künste in den Speicher XI eingezogen ist.

Schon im Jahr 1985 hatten die Maler Tom Gefken und Heiko Motschiedler in einem kleinen Ladenlokal an der Osterfeuerbergstraße 134 die Galerie des Westens, kurz: Gadewe, gegründet. „Walle war damals für die Kultur ein ‚schwarzes Loch’. Niemand hätte gedacht, dass hier jemand eine Galerie aufmachen würde“, schilderte Michael Wendt nun den Ortspolitikern, die die Gadewe besuchten.

Der Fotograf ist eines der acht aktiven Vereinsmitglieder, die sich an der Reuterstraße 9 – 17 ehrenamtlich um den Galeriebetrieb kümmern.

Dorthin war die Gadewe nach einem kurzen Intermezzo in der Niederdeutschen Bühne umgezogen. Bis heute befinden sich hinter den Galeriewänden Fliesen; Abläufe und der schräg abfallende Fußboden zeugen noch davon, dass in den Räumlichkeiten früher einmal Lebensmittel verarbeitet wurden. Wendt zufolge wurden hier Bremer Kluten hergestellt, zuvor war in dem Gebäude eine Käserei ansässig.

Gegründet hatten die jungen Künstler die Gadewe, um unabhängig vom etablierten Kunstbetrieb frischen künstlerischen Positionen einen öffentlichen Raum zu geben. Dabei fand neben Konzerten, Lesungen oder Modenschauen auch das „Kabarett der literarischen Gewalttätigkeiten“ des Journalisten und Satirikers Ulrich Reineking (Urdrü) hier einen festen Ort.

Über die Jahre erlangte die Galerie eine hohe Professionalität. Der Verkauf sei jedoch bis heute nicht Hauptzweck der Gadewe, sagt Vereinsmitglied Angela Piplak, die sich auch als Sachkundige Bürgerin für Die Linke im Waller Beirat engagiert: „Es geht in der Hauptsache darum, Strömungen der zeitgenössischen Kunst nachzuspüren und diese zu präsentieren.“ Bis heute will die Galerie dabei insbesondere auch jungen Künstlern die Möglichkeit bieten, ihre Arbeiten zu präsentieren.

Über 20 Jahre hat sich die Einrichtung frei finanziert, mittlerweile bekommt sie eine minimale Förderung aus dem Kulturetat. Dem Trägerverein gehören aktuell rund 90 Fördermitglieder an; die acht Aktiven kuratieren die monatlich wechselnden Ausstellungen, bauen die Arbeiten auf, betreuen die Galerie und führen durch die Ausstellungen. So zum Beispiel am Mittwoch, 9. März. Dann lädt Mechtild Böger ab 18.30 Uhr Interessierte zu einer Führung durch die aktuelle Ausstellung mit Arbeiten des 2010 verstorbenen Künstlers Heiner Preißing ein. Der Eintritt ist frei.

Zu Gast im Kulturausschuss war auch die freischaffende Künstlerin Delia Nordhaus, die seit 1998 in Walle lebt und arbeitet. Viele Jahre lang arbeitete sie in ihrem Atelier an der Vegesacker Straße, von wo aus sie im Sommer 2011 in das „UTB43“ an der Utbremer Straße 43/Ecke Norderneystraße umzog. 2013 schließlich kam ihre Galerie „Wallerie“ hinzu, die Nordhaus damals gemeinsam mit Künstlerin Ruth Degenhardt in einem leeren Ladenlokal im Walle-Center eröffnete. Mittlerweile wuppe sie das Ding alleine, schilderte Nordhaus nun den Ortspolitikern – dreimal musste die Galerie dabei schon innerhalb des Einkaufszentrums umziehen.

Nordhaus verweist auf eine Studie, der zufolge im Jahr 2014 lediglich rund 6,88 Millionen Personen in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre angaben, ein besonderes Interesse an der Kunst- und Kulturszene zu haben. „Mein Ansatz ist: Das sollen mehr werden!“ so die Künstlerin, die seit Jahren etwa mit „Kunstmarkt Bremen“ im Schlachthof oder mit dem „Kaufhaus Kunst“ im Steintor immer wieder neue Wege beschreitet, um der Kunst einen Weg zu den Menschen zu bahnen und diesen die Schwellenangst zu nehmen.

So dürfen Besucher ihren Einkaufswagen in die Galerie mitnehmen und auch Hunde sind in der Wallerie willkommen. „Ich merke schon, dass die Leute, die im Walle-Center einkaufen, sich immer mehr angesprochen fühlen“, sagt Nordhaus, die insbesondere auch angesichts der digitalen Bilderflut, der wir täglich ausgesetzt sind, unterstreicht: „Viele Menschen müssen Originale und den Wert von Originalen neu schätzen lernen.“

Wegen der mehrfachen Umzüge, bedauert sie, hätten neu gewonnene Kunstinteressierte die Einrichtung leider auch wieder schnell aus dem Blick verloren und es habe kaum Planungssicherheit gegeben. Das soll sich in diesem Jahr ändern: Der aktuelle Standort der Wallerie gegenüber von Rossmann und direkt neben Woolworth ist Nordhaus bis zum Jahresende zugesichert worden. So könne sie dieses Jahr nun unter anderem „Die Moorsoldaten“ des Bildhauers Stefan Hempen zeigen, deren Aufbau einiges an Aufwand mit sich bringt, freut sich die Künstlerin. Die Wallerie ist montags und donnerstags von 9 bis 13 Uhr, freitags von 16 bis 18 Uhr und sonnabends von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Ob es demnächst einen „Tag der offenen Galerien in Walle“ geben könnte? Den Ortspolitikern im Stadtteil jedenfalls gefällt diese Idee, die nun vom Ortsamt aus weiter verfolgt werden soll.

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