Gröpelinger Kinder und Eltern kämpfen um ihren Stadtteilzoo / Demo vor dem Haus der Bürgerschaf gibt die Stimmung wieder

„Möhrchen und Erbsen kann man nicht streicheln“

Gröpelingen·Altstadt. Die Gröpelinger kämpfen um ihren Streichelzoo – auch wenn der Eilantrag der Linken zum Erhalt des Angebots von der Bürgerschaft abgelehnt worden ist. Stattdessen hat das Parlament auf Antrag von SPD und Grünen beschlossen, im „Wilden Westen“ ein neues Angebot in Richtung Gemüseanbau zu entwickeln und an einem Runden Tisch nach Wegen zu suchen, um Suppenküche, pädagogischen Mittagstisch und Spielhaus abzusichern.
21.03.2016, 00:00
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„Möhrchen und Erbsen kann man nicht streicheln“

Sahize Kaval sprach bei der Demo vor dem Haus der Bürgerschaft.

Roland Scheitz

Die Gröpelinger kämpfen um ihren Streichelzoo – auch wenn der Eilantrag der Linken zum Erhalt des Angebots von der Bürgerschaft abgelehnt worden ist. Stattdessen hat das Parlament auf Antrag von SPD und Grünen beschlossen, im „Wilden Westen“ ein neues Angebot in Richtung Gemüseanbau zu entwickeln und an einem Runden Tisch nach Wegen zu suchen, um Suppenküche, pädagogischen Mittagstisch und Spielhaus abzusichern.

Die Absage an ihren Streichelzoo wollen die Gröpelinger und Gröpelingerinnen keinesfalls widerspruchslos hinnehmen. Hunderte von Handzetteln haben sie im Bremer Westen verteilt und mittlerweile schon 1300 Unterschriften gesammelt. Bei der Bremischen Bürgerschaft läuft bis Mitte April eine Online-Petition, und viele Nachbarn und Anwohner sind ins Nachbarschaftshaus Helene Kaisen gekommen, um bei der öffentlichen Beiratssitzung noch einmal die große Bedeutung des Streichelzoos für den Stadtteil deutlich zu machen.

Regina Glück leitet die Schulgarten-AG an der Grundschule am Halmerweg und hat dort 90 bestürzte und entsetzte Kinder erlebt, als die Nachricht von der Schließung des Streichelzoos die Runde machte: „Die Wut und der Tatendrang waren aber auch groß – die Kinder sind Feuer und Flamme für ihre Tiere. Es ist ein großer Unterschied, ob da Tiere oder Pflanzen sind“, betont sie.

Das Kollegium hat mit einem Brief an die Politiker appelliert, den Streichelzoo unbedingt zu erhalten. „Tiere sind für Kinder ein Magnet. Sie erleben diese auf einer sehr unmittelbaren emotionalen Kontakt- und Beziehungsebene. Solcher Kontakt ist schon bald auch eine Gelegenheit für neue Erfahrungen: die Kinder können Unsicherheiten und Ängste abbauen, können in Versorgung und Pflege tätig werden und unter Anleitung und Information viel über die Tiere, ihre Lebensbedingungen und den Umgang mit ihnen und der Umwelt lernen“, heißt es darin. Dies fördere die emotionale Beziehungsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Selbstbewusstsein und Emanzipation. Gerade die Tiere seien doch das Tolle, betont auch die 15-jährige Melanie, deren Mutter im Streichelzoo gearbeitet hat. „Ich habe da dann angefangen, reiten zu lernen. Das ist wie ein zweites Zuhause, und die Leute dort sind wie Onkel und Tanten, die einen unterstützen. Ich hatte da meine schönste Zeit im Leben. Man reißt nicht nur den Zoo ab – man reißt auch von ganz vielen Leuten ein Stück Herz weg.“

„Möhrchen kann man nicht streicheln und Erbsen nicht in die Augen gucken – es ist wichtig, den Streichelzoo zu erhalten“, sagt auch Conny Barth, Betriebsratsvorsitzende des Streichelzoo-Trägers Comeback GmbH und Mitglied der Linksfraktion im Waller Beirat. Nachdem die „jahrelange Gemeinwesenarbeit auf Beschäftigungsticket“ nun an Grenzen stoße, müsse nach anderen Modellen Ausschau gehalten werden, fordert sie und bringt zum Beispiel die Bürgerstiftung Bremen ins Spiel, deren Förderschwerpunkt in diesem Jahr lautet: Zusammenleben im Quartier. So eine Förderung allein dürfte jedoch kaum ausreichen, wie auch Barth weiß. Denn wegen immer größerer arbeitsmarktpolitischer Einschnitte ist die Lage beim Träger nun offenbar ernst: „Es ist das Ziel, die Suppenküche und das Spielhaus zu erhalten. Das kann man nur erreichen, wenn es auch finanziert wird“, machte Comeback-Geschäftsführer Alfred Liebig deutlich, der vergeblich mit dem Jobcenter nach Wegen zur Rettung des Streichelzoos gesucht hatte.

Um einer Insolvenz zu entgehen, werde aktuell über einen Teil-Betriebsübergang des arbeitsmarktpolitischen Bereichs von Comeback zur Initiative zur sozialen Rehabilitation nachgedacht, ergänzte dazu die Initiativen-Vorsitzende Heidi Mergner. Die Initiative ist 100-prozentige Gesellschafterin von Comeback.

Am 11. Februar hatten Träger und Sozialbehörde das Ortsamt und die Ortspolitiker darüber informiert, dass es beim Streichelzoo Probleme gibt – wie ernst die Lage tatsächlich war, das musste der Beirat knapp zwei Wochen später aus der Zeitung erfahren.

Wieso Träger und Sozialressort nicht schon viel früher Hilferufe abgesetzt hätten, darüber wundert sich Dieter Steinfeld (Grüne). Helga Ebbers (Linke) kritisiert: „Ohne dass die Öffentlichkeit beteiligt wird, werden in einer Nacht- und Nebelaktion die Tiere abgeholt – das ist unerhört!“ Martin Reinekehr (SPD) meint, es seien womöglich zum Erhalt notwendige Veränderungen ganz einfach verschlafen worden.

„Schade, dass es so lange gedauert hat, bis man an die Öffentlichkeit gegangen ist, um zu sagen: Hier geht gar nichts mehr“, meldete sich der freischaffende Künstler Ronald Philipps in der Sitzung zu Wort. „Ich glaube, wir müssen es selber machen!“ So sei er bereits im Gespräch mit einer Holzhandlung. „Ich habe auch schon eine Gartenarchitektin, die bereit ist, das Aufmaß zu machen.“ „Wir wissen, dass ganz viele bereit sind, bei der Sanierung mit anzufassen“, ergänzte die Gröpelinger Künstlerin Sonia Schadwinkel. Innerhalb der Elternschaft gibt es außerdem die Idee, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, wie die Mutter einer Schülerin vom Halmerweg berichtete. „Viele wären bereit, kleine Summen zu spenden.“

Und die offizielle Marschrichtung? Erwin Böhm, der Leiter des Sozialzentrums West, hat den Auftrag, Akteure aller beteiligten Stellen an einen Runden Tisch zu holen, um gemeinsam eine Lösung für den Wilden Westen zu finden. „Da müssen Bildung, Soziales und Arbeit ins Gespräch kommen“, betonte Alfred Liebig.

Und Erwin Böhm machte deutlich: „Die erste Runde wäre, die Ressorts zu fragen, wer welche Ressourcen an Bord hat. Sonst hat so ein Gespräch eigentlich keinen Sinn, wenn am Ende dann doch kein Geld da ist.“ Er schätzt, dass jährlich ein „ordentlicher sechsstelliger Betrag“ benötigt würde.

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