Mittäter bei sechsfachem Mord

Mordanklage gegen Ex-Daesch-Mitglied Harry S.

Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen den Bremer Harry S. erhoben, sie wirft dem ehemaligen Daesch-Anhänger Beteiligung am Mord in sechs Fällen vor.
19.07.2017, 10:56
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Mordanklage gegen Ex-Daesch-Mitglied Harry S.

Harry S.

Frank Thomas Koch

Es wäre der erste Prozess, bei dem ein ehemaliges Mitglied der Terrororganisation Daesch in Deutschland wegen Mordes vor Gericht gestellt wird: Dem 28-jährigen Bremer Harry S. wird vorgeworfen, im Jahr 2015 auf einem Marktplatz im syrischen Palmyra an der Erschießung von fünf syrischen Armeeangehörigen und eines sunnitischen Predigers beteiligt gewesen zu sein. Das teilte der Hamburger Gerichtssprecher Kai Wantzen am Mittwoch mit.

Nach dem Willen der Bundesanwaltschaft soll Harry S. als Mittäter angeklagt werden. „Der Angeschuldigte ist hinreichend verdächtig, in sechs Fällen als Mitglied der ausländischen terroristischen Vereinigung Islamischer Staat (IS) aus niedrigen Beweggründen Menschen getötet und hierdurch gegen das Völkerstrafgesetzbuch verstoßen zu haben“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Der 28-Jährige hatte in einem vorherigen Prozess eine unmittelbare Beteiligung an der Tat bestritten. Ob es nun zu einem weiteren Verfahren kommt, ist offen. Nach der Stellungnahme der Verteidigung werde das Gericht entscheiden, ob ein hinreichender Tatverdacht gegeben ist, sagte Sprecher Wantzen. Der Generalbundesanwalt stütze seine weitere Anklage auf Videomaterial, das erst nach der Verurteilung des Angeklagten im Juli vergangenen Jahres bekannt geworden sei.

Felix Deutscher wird gegebenenfalls die Verteidigung von Harry S. in der Hauptverhandlung übernehmen. Gegenüber dem WESER-KURIER wollte sich der Anwalt aus der Bremer Kanzlei Würtz am Mittwoch nicht zu der Mordanklage äußern. Zunächst müsse er sich mit seinem Mandanten beraten, sagte Deutscher.

Video als Beweismittel

Zurzeit verbüßt Harry S. seine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Im Juli 2016 war er vom Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Harry S. hat sich nach dem Urteil des Staatsschutzsenats, der auch für Bremen zuständig ist, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation im Ausland schuldig gemacht und gegen Waffengesetze verstoßen. Nach Überzeugung des Gerichts hat er die Abkehr vom Terrorismus geschafft und bei der Aufklärung weiterer Taten im Zusammenhang mit dem Daesch geholfen. Harry S. war 2015 gut drei Monate in Syrien zur Kampfausbildung, Nach seiner Rückkehr im Juli 2015 wurde er am Flughafen Bremen festgenommen.

Als besonders schwerwiegend wertete der Bundesanwalt im Prozess die Mitwirkung des Angeklagten an einem Propagandavideo, in dem zu Anschlägen in Deutschland aufgerufen wurde und die Hinrichtung zweier syrischer Soldaten zu sehen ist. Er hielt in dem Video die Daesch-Flagge. Harry S. sagte aus, er habe sich geweigert, an einer Hinrichtung von Gefangenen teilzunehmen.

Im Bremer Gefängnis radikalisiert

Nach der neuen Anklage soll er eine aktivere Rolle gehabt haben als ursprünglich geschildert, wie Wantzen erläuterte. Der „Washington Post“ und später auch dem ZDF war nach dem Prozess aus dem Daesch-Umfeld ein Video zugespielt worden, das zeigt, wie der Deutsche seine Pistole zieht, durchlädt und auf die Opfer zielt. Dann wird die Sicht von einem anderen Daesch-Anhänger verdeckt. Laut aktueller Anklage soll Harry S. ein Hinrichtungsopfer geführt und die Todesschützen angefeuert haben.

Der Sohn ghanaischer Eltern wuchs mit zwei Geschwistern in Osterholz-Tenever auf. Sein Vater kehrte früh nach Ghana zurück. Die Mutter erzog ihre Kinder katholisch. Harry S. besuchte den katholischen Kindergarten St. Thomas in Osterholz, dort ging er auch zur Grundschule, danach kam er auf die Gesamtschule Ost und wechselte schließlich zur katholischen Privatschule St. Johannis. Nachdem seine Familie nach London übergesiedelt war, entdeckte Harry S. den Islam für sich und konvertierte.

Radikalisiert hat sich der Bremer im Gefängnis: Harry S. war wegen eines Überfalls auf einen Supermarkt verurteilt worden, den er mit Bekannten aus Tenever begangen hatte, als er für einen Besuch in seine Heimatstadt Bremen zurückgekehrt war.

Während der Haftzeit hatte Harry S. nach eigener Darstellung engen Kontakt zu dem Salafisten René Marc S., der wegen islamistischer Terrorwerbung im Gefängnis saß und zu den Gründern des mittlerweile verbotenen salafistischen Kultur- und Familienverein (KuF) in Gröpelingen gehörte. Dieser Verbindung schrieb Harry S. seine Radikalisierung zu.

Daesch: Der WESER-KURIER verwendet den Begriff „Islamischer Staat“ nicht, weil diese Terrorgruppe weder religiös motiviert noch ein Staat ist. Wir sprechen wie ihre Gegner von Daesch.

JVA Oldenburg Interview mit Harry S.

Harry S. sitzt in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg in Haft.

Foto: Frank Thomas Koch

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