24 Jahre alter Kriminalfall Mordanklage ohne Leiche

Am Landgericht Bremen hat ein Prozess begonnen, bei dem es um einen Mord geht, der sich vor 24 Jahren ereignet haben soll. Doch es fehlt an Beweisen. Und vor allem an der Leiche.
18.10.2017, 18:44
Lesedauer: 4 Min
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Mordanklage ohne Leiche
Von Ralf Michel

Seit Juni 1993 fehlt von Jutta Fuchs aus Farge jede Spur. Die Polizei verdächtigt zwar ihren Lebensgefährten, seine damals 29-jährige Partnerin umgebracht zu haben, doch für eine Verhaftung reichte die Beweislage nicht. 24 Jahre später wurde am Mittwochmorgen am Landgericht trotzdem der Prozess gegen den Mann eröffnet. Eine Mordanklage ohne Leiche. Aber auch ohne Angeklagten, wie sich nicht ganz unerwartet zeigen sollte.

„Wir stellen fest, dass der Angeklagte nicht anwesend ist“, verkündet der Vorsitzende Richter Helmut Kellermann in Saal 231 fürs Protokoll. Eine halbe Stunde lang hat das Gericht vergebens auf Herbert 0. gewartet. Überraschend kommt dies für keinen der Prozessbeteiligten. Der Angeklagte soll in London leben, es gibt eine Adresse. Doch ob er da tatsächlich wohnt, war für das Gericht nicht herauszufinden. Auch seine Anwälte haben seit Jahren keinen Kontakt mehr zu dem Mann.

Vorladung "in Zustellung" - für Wochen

Man habe ihm die Ladung zugeschickt, sogar zweifach, erklärt Kellermann. An besagte Wohnanschrift und zusätzlich auch an eine Firmenadresse, auf die man im Internet gestoßen sei. Ob ihn die Schreiben erreicht haben, könne man aber nicht sagen. Die Post habe auf einen Nachforschungsantrag des Gerichts lediglich mitgeteilt, dass sich die Sendung „in Zustellung“ befinde. Und ein öffentliches Einwohnermeldesystem gebe es für London nicht.

Verteidiger Horst Wesemann nimmt's erstaunt zur Kenntnis. „Ich wundere mich, dass der Staat nicht in der Lage ist, zumindest auf informellem Wege zu klären, ob er da wohnt.“ Zustimmung von der Anklagebehörde: „Absolut unbegreiflich“ sei das, und „geradezu sensationell, dass es nicht möglich ist, da mal einen Polizisten vorbeizuschicken“, findet auch Oberstaatsanwalt Ingo Rathke.

Mit anderem Mann durchgebrannt?

Die Bremer Staatsanwaltschaft war es, die diesen sogenannten Cold Case nun doch vor Gericht brachte. Rückblick, Juni 1993: Jutta Fuchs ist kurz davor, sich von ihrem Lebensgefährten Herbert O. zu trennen. Die neue Wohnung, in die sie mit ihrem zweijährigen Sohn ziehen will, ist bereits eingerichtet. Im Kalender der Frau ist der 26. Juni als Umzugstermin eingetragen. Doch am 25. Juni verschwindet sie spurlos. Zwei Tage später findet ein Autofahrer auf einem Parkplatz an der A 27 ihre Handtasche. Darin, völlig durchnässt, obwohl es tagelang nicht geregnet hatte, Ausweis, Führerschein und Bankkarte der 29-Jährigen.

Ihr Lebensgefährte vermutet, dass Jutta Fuchs mit einem anderen Mann durchgebrannt ist. Eine Version, der die Polizei jedoch keinen Glauben schenkt. Die Frau gilt als verantwortungsvolle Mutter, die niemals ihren Sohn zurückgelassen hätte.

Spur zu sieben Meter tiefen Sickergrube

An einem Firmenfahrzeug des Lebensgefährten schlagen Spürhunde an. Für die Polizei der Beweis, dass in diesem Fahrzeug eine menschliche Leiche transportiert wurde. Doch weitere Spuren finden die Ermittler nicht und der Mann beteuert weiter seine Unschuld. Auch als ein Jahr später aus dem Tietjensee nahe Schwanewede eine Tüte mit Schminkutensilien und dem Verlobungsring von Jutta Fuchs geborgen wird.

Über die Jahre hinweg sucht die Polizei immer wieder mit inzwischen moderner Ausrüstung nach der Frau. Ein Tauchroboter kommt zum Einsatz und mehrere Sonargeräte. Nach der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“, die den Fall 2008 aufnimmt, führt ein Hinweis zu einer sieben Meter tiefen zugeschütteten Sickergrube. Der Schacht wird komplett ausgespült, das Wasser nach Knochenfunden gesiebt – ohne Ergebnis, keine Spur von Jutta Fuchs.

Im Dezember 2013 erhebt die Bremer Staatsanwaltschaft dennoch Anklage. Um eine Verjährung zu verhindern. Mord verjährt nicht, wohl aber nach 20 Jahren Totschlag. Und auch um einen solchen könnte es sich nach Auffassung der Anklagebehörde handeln.

Tatverdacht ist "hinreichend" - nicht "dringend"

Doch dem Landgericht ist die Beweislage zu dünn. Reicht nicht, um zu einer Verurteilung zu kommen, lautet 2014 die Begründung für den Nichteröffnungsbeschluss der zuständigen Strafkammer. Dagegen legt die Staatsanwaltschaft mit Erfolg Beschwerde ein. Im August 2016 hebt das Oberlandesgericht (OLG) den Beschluss des Landgerichts auf und eröffnet das Verfahren.

Doch auch das OLG sieht nur einen „hinreichenden Tatverdacht“ und keinen „dringenden Tatverdacht“, der notwendig wäre, um einen internationalen Haftbefehl erwirken zu können, erklärt Kellermann. Dann würde die englische Polizei zugreifen. Aber ohne sei das eben alles nicht so einfach, merkt der Richter mit Hinweis auf die Souveränitätsrechte Großbritanniens an.

Haftbefehl gilt nur in Deutschland

Die Strafkammer spielt daher bereits mit dem Gedanken, über den „ganz großen Dienstweg“ zu gehen, soll heißen: Justiz- und Außenministerium einzuschalten. Niederschwelliger wäre es, einen Haftbefehl wegen unentschuldigtem Nichterscheinen gegen Herbert O. zu erlassen. Doch dazu muss zunächst eindeutig geklärt werden, ob der Beschuldigte die Ladung tatsächlich erhalten hat. In gut einem halben Jahr sollte dies zu schaffen sein, hofft das Gericht und setzt die Hauptverhandlung aus. Im Mai 2018 soll es weitergehen.

Selbst wenn ein Haftbefehl wegen Nichterscheinens erlassen wird, bleibt allerdings fraglich, ob dies den Cold Case befeuern würde. Ein solcher Haftbefehl gilt nur für Deutschland, er kann nicht in einen europäischen Haftbefehl umgewandelt werden. Anders ausgedrückt: Solange Herbert O. nicht nach Deutschland einreist, droht ihm in dieser Hinsicht keine Gefahr.

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