Zweifel an Verhandlungsfähigkeit

Landgericht Bremen: Mordprozess gegen 86-Jährige vertagt

Eine 86-Jährige soll ihren Lebensgefährten mit einer Überdosis Medikamente umgebracht haben. Dafür wurde sie wegen Mordes angeklagt. Doch ein Antrag ihres Anwalts stoppte den Prozess in letzter Minute.
10.09.2020, 08:25
Lesedauer: 2 Min
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Landgericht Bremen: Mordprozess gegen 86-Jährige vertagt
Von Ralf Michel
Landgericht Bremen: Mordprozess gegen 86-Jährige vertagt

Eigentlich sollte am Mittwoch der Mordprozess gegen eine 86-Jährige beginnen.

Carmen Jaspersen / dpa

Dieser Prozess hätte für Aufsehen gesorgt. Nicht wegen des Verbrechens, um das es am Mittwochmorgen in Saal 218 des Landgerichts gehen sollte. Denn dass eine Frau ihren Lebensgefährten umgebracht haben soll und deshalb angeklagt wird, kommt schon mal vor in Bremen. Ungewöhnlich war jedoch das Alter der Angeklagten – sie hätte mit 86 Jahren wegen Mordes auf der Anklagebank gesessen. Doch dazu ist es nicht gekommen. Ihr Anwalt hatte einen Tag vor Verhandlungsbeginn, die Verhandlungsfähigkeit seiner Mandantin infrage gestellt. Das Gericht folgte dem und hob den Prozess vorerst auf.

Überdosis Medikamente

Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau vor, am 8. September 2017 im Rotes Kreuz Krankenhaus in Bremen eine größere Menge des Bluthochdruck-Medikamentes Bisoprolol in das Mittagessen ihres Lebensgefährten gemischt zu haben, um diesen zu töten. Der Mann befand sich in der Klinik in stationärer Behandlung. Er soll aufgrund der Überdosis des Medikamentes am Tag darauf gestorben sein. Beim Motiv geht die Anklagebehörde unter anderem von Habgier aus. Die Angeklagte habe 6600 Euro, die ihrem Lebensgefährten gehörten, für sich behalten wollen. Die 86-Jährige bestreitet dies. Um den Fall aufzuklären, hatte das Landgericht ein gutes Dutzend Verhandlungstermine bis weit in den Dezember hinein angesetzt.

Nun allerdings muss zunächst ein medizinischer Sachverständiger den Gesundheitszustand der Frau untersuchen, erklärt Gunnar Isenberg, Sprecher des Landgerichts, das weitere Verfahren. Entscheidet der, dass sie verhandlungsfähig ist, dann findet die Verhandlung wie geplant statt. Ist sie, nicht wegen einer Erkrankung, sondern wegen ihres hohen Alters nicht verhandlungsfähig, könnte es sein, dass der Prozess komplett platzt.

Kein Problem für JVA

Keine Probleme hätte es bei einer eventuellen Verurteilung der Frau in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen gegeben. Die medizinische Versorgung aller Insassen, egal welchen Alters, ist dort über den Anstaltsarzt und die eigene Krankenstation sichergestellt, sagt Matthias Koch, Sprecher der Justizbehörde. Bei schwerwiegenderen Erkrankungen werden die Insassen nötigenfalls in ein Krankenhaus außerhalb der Gefängnismauern verlegt, nötige Facharztbesuche sind zudem in Begleitung von Wachpersonal möglich. „Es gab auch schon einmal eine 82-jährige, pflegebedürftige Gefangene, für die ein externer Pflegedienst beauftragt wurde.“

Der derzeit älteste Gefangene in Oslebshausen ist Ende 70. Über 60 Jahre alt waren in den vergangenen Jahren in der Regel nie mehr als ein bis zwei Dutzend der Insassen. Von den aktuell 563 Insassen sind mit 331 mehr als die Hälfte zwischen 26 und 40 Jahre alt, und etwa ein weiteres Viertel zwischen 41 und 60. Älter als 61 Jahre sind im Moment elf der Häftlinge.

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