Bremer Landgericht Mordversuch an der Universität Bremen: 64-Jähriger vor Gericht

Er soll seinen ehemaligen Chef in einem Uni-Technikraum mit einer Metallstange angegriffen und versucht haben, ihn umzubringen: Wegen dieser Vorwürfe muss sich ein 64-Jähriger vor dem Landgericht verantworten.
02.02.2021, 05:00
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Mordversuch an der Universität Bremen: 64-Jähriger vor Gericht
Von Nina Willborn

Vor dem Landgericht hat am Montag der Prozess gegen einen 64-jährigen Bremer begonnen, der Ende Juli einen mehrstündigen Großeinsatz am NW2-Gebäude der Universität ausgelöst hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft dem damaligen Mitarbeiter der Haustechnik einen Mordversuch an seinem ehemaligen Chef vor. Er habe ihn mit einer knapp zwei Meter langen Metallstange angegriffen, auf den Hinterkopf und den Rücken geschlagen, las die Staatsanwältin am ersten Verhandlungstag aus der Anklageschrift vor. Der Angeklagte habe sich zum Zeitpunkt der Tat allerdings in einem Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit befunden. Er war im Juli 2020 seit rund zwei Jahren krankgeschrieben.

Was die Zuschauer im Gerichtssaal zu hören bekommen haben, der wegen der Corona-Maßnahmen in der Messehalle 4 eingerichtet worden war, ist zum einen die Geschichte eines Mannes mit schwerwiegenden psychischen Problemen, der sich am Ende von Kollegen gemobbt, von der Familie fallengelassen fühlte und der maximal verzweifelt war. Der sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als aus dem Leben zu scheiden. Dies aber nicht, wie sein Anwalt für ihn aus einer Erklärung vorlas, ohne dabei auf seine Situation aufmerksam machen zu wollen.

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„Es ist eine lange Geschichte. Mein Mandant hatte schon früh in seinem Leben Schwierigkeiten, sich zu integrieren“, sagte der Anwalt. An besagtem Freitag im Juli habe er seinen Chef nicht töten, sondern ihn fesseln und zur Rede stellen wollen, um sich dann, nachdem er das Wort „Mobbing“ ans Gebäude gesprüht hatte, mit einer Überdosis Medikamente und einem Sprung vom Dach des Gebäudes das Leben zu nehmen. Auf dem Dach war der Mann von den Einsatzkräften schließlich festgenommen worden. Zuvor hatte er, so die Anklage, eine Lüftungsanlage manipuliert in der Annahme, dass sein Chef dann dort auftauchen würde.

Den Tattag schilderte vor Gericht auch der ehemalige Chef des 64-Jährigen. Was er erzählte – ruhig und detailreich – erinnerte an einigen Stellen an den Stanley-Kubrick-Klassiker „Shining“. Er habe morgens fehlgeleitete Post an die richtige Stelle bringen wollen, als er ein Pfeifen aus einem der Funktionsräume gehört habe, sagte er. „Ich habe dann schon von Weitem gesehen, dass eine der Lüftungsanlagen ausgeschaltet war, was normalerweise nie der Fall ist.“ Als er sich, direkt vor dem Schaltschrank stehend, per Handy bei einem Kollegen versichern wollte, dass kein technisches Problem vorlag, habe er ein metallisches Geräusch vernommen. „Als ich mich halb umdrehte, sah ich den Angeklagten direkt hinter mir und das Rohr schon auf mich zukommen“, schilderte der Funktionsmeister. „Ich bin dann zu Boden gegangen, war kurz weg.“

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An Hinterkopf und Schulter habe ihn der Angeklagte mit der Stange getroffen, sagte das Opfer, dann habe er einen weiteren Schlag mit dem linken Arm abwehren und in einen Aufenthaltsraum flüchten können. Der Angeklagte sei ihm allerdings gefolgt. „Ich hatte Todesangst“, sagte der 51-Jährige, der sich seit dem Angriff in psychologischer Behandlung befindet. „Ich habe aus dem Raum die Polizei angerufen und denen gesagt, dass er mit dem Rohr auf die Tür einschlägt. Aber dann sah ich, wie das Axtblatt durch die Tür kam.“ Die Axt soll der Angeklagte aus einem Rucksack gezogen haben. Über eine zweite Tür konnte sich das Opfer eigenen Angaben zufolge in den Flur und dann ins Freie retten. Das sei kurz nach ihm auch einer Kollegin gelungen, die sich in der Nähe befunden hatte.

Der ehemalige Chef beschrieb den Angeklagten als Einzelgänger, der schwierig im Umgang gewesen sei, nachdem ein von ihm geschätzter Chef 2005 in Rente gegangen sei. „Er wurde schnell aufbrausend. Einige Kollegen hatten Angst vor ihm.“ Bei einem Frühstück habe er einem Kollegen ein Nutellabrötchen ins Gesicht gedrückt, weil er sich gehänselt gefühlt habe, einem anderen habe er bei anderer Gelegenheit eine Tür vor den Kopf geschlagen. Als einmal ein Gespräch mit der Abteilungsleitung eskalierte, habe der Angeklagte öffentlich die Mobbingvorwürfe erhoben. „Ich habe dann an der Universität ein Mobbing-Verfahren gegen mich selbst eröffnet, um von den Vorwürfen entlastet zu werden.“ Der Angeklagte, der sich eigentlich erst zu einem späteren Termin äußern wollte, warf ihm dagegen Lügerei vor. „Es gab nie Konflikte mit Kollegen, das waren normale Kabbeleien.“

Der Prozess ist vorerst bis zum 11. März terminiert, der nächste Verhandlungstag beginnt an diesem Dienstag um 11 Uhr.

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