Krankenpfleger hat gestanden Mordversuch in Bremer Heim: Polizei weitet Ermittlungen aus

Der Bremer Krankenpfleger, der einer 75-Jährigen absichtlich unnötige Medikamente gegeben hat, hat seine Tat gestanden. Das teilte die Staatsanwaltschaft Bremen am Donnerstag mit.
11.04.2019, 10:16
Lesedauer: 3 Min
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Mordversuch in Bremer Heim: Polizei weitet Ermittlungen aus
Von Marc Hagedorn

Ein Krankenpfleger hat gestanden, einer pflegebedürftigen Frau in einem Bremer Heim in der Stadtmitte absichtlich unnötige Medikamente gegeben zu haben. Der Mann sitzt jetzt wegen des Verdachts auf versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung in Untersuchungshaft.

Die Polizei hat eine zehnköpfige Ermittlungsgruppe gegründet. Laut Staatsanwaltschaft soll sie untersuchen, ob es auch an anderen Einsatzorten des Pflegers Auffälligkeiten gegeben hat. „Es liegt nahe, auch in diese Richtung zu ermitteln“, sagt Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Denn der Pfleger, 39 Jahre alt und gut ausgebildet, hat nach eigenen Angaben in mehr als 30 Bremer Einrichtungen gearbeitet. Er war jedes Mal über eine Zeitarbeitsfirma vermittelt worden. Seit Januar war er in dem Pflegeheim in der Innenstadt fest angestellt.

Das Muster der Tat – das Herbeiführen einer Notfallsituation durch Medikamentengabe und das anschließende Einleiten von Rettungsmaßnahmen – erinnert an das Vorgehen des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel. Dieser ist am Landgericht Oldenburg wegen 100-fachen Mordes angeklagt. Högel hatte Patienten erst in einen lebensbedrohlichen Zustand versetzt und dann versucht, sie zu retten. Er hatte später erklärt, dass ihm diese Abfolge einen „Kick“ gegeben habe.

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Fall weckt Erinnerungen

Morde und versuchte Tötungen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen erregen immer wieder großes Aufsehen. Im pfälzischen Lambrecht waren im vergangenen Sommer drei Pflegemitarbeiter wegen zweifachen Mordes an Patienten zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Im März sprach das Landgericht Karlsruhe einen Pfleger aus Mangel an Beweisen frei. Ihm war vorgeworfen worden, in einem Heim Feuer gelegt zu haben, um sich später als Retter aufspielen zu können. Dabei war eine 82-jährige Bewohnerin gestorben und eine andere lebensgefährlich verletzt worden.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert seit Längerem ein Whistleblower-System, damit Kollegen, aber auch Angehörige von Patienten bei verdächtigen Beobachtungen Meldung machen können. „Jedes Heim sollte über eine unabhängige Anlaufstelle für anonyme Hinweisgeber verfügen“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Er verlangt eine „Kultur des Hinschauens“. „In vielen Heimen gibt es immer noch die Haltung, dass eine solche Tat im eigenen Haus nicht möglich ist“, sagt Brysch. Im aktuellen Bremer Fall hatten die Ärzte im behandelnden Krankenhaus die Polizei eingeschaltet, weil sie Verdacht geschöpft hatten.

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Das System Pflege gilt als besonders anfällig. „Morden ist nirgendwo so einfach wie in der Pflege“, sagt Brysch, „denn dort gehören Krankheit und Tod zum Alltag. So wird es Tätern leicht gemacht.“ Eine Folge davon ist, dass es keine gesicherten Zahlen darüber gibt, wie viele Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen getötet werden.

Jährlich bleiben laut einer Studie 1200 Tötungen unentdeckt

Karl-H. Beine, Professor an der Universität Witten-Herdecke und Chefarzt in Hamm, geht seit 1970 von rund 40 Tötungsserien weltweit aus, acht davon in Deutschland. In seinem Buch „Tatort Krankenhaus“ hatte er vor zwei Jahren von 21 000 getöteten Patienten pro Jahr in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen geschrieben. Diese Zahl und auch die Methode ihrer Ermittlung sind aber höchst umstritten. Wissenschaftler aus Münster hatten ein paar Jahre zuvor in einer Studie festgestellt, dass jährlich 1200 Tötungen unentdeckt bleiben. Um dies zu verhindern, gibt es seit 2017 in Bremen als erstem Bundesland eine sogenannte qualifizierte Leichenschau. Eine weitere Maßnahme in Niedersachsen: Dort wird ab 2022 die Einführung von Stationsapothekern Pflicht. Auf diese Weise soll besser nachverfolgt werden können, welchen Weg ein Medikament nimmt, wenn es die Apotheke verlässt und schließlich dem Patienten verabreicht wird.

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In München geht es zurzeit um mehrere Fälle, in denen Patienten notwendige Medizin nicht gegeben wurde. Ein polnischer Hilfspfleger ist angeklagt, sechs Menschen auf diese Weise getötet zu haben. Bemerkenswert ist an diesem Fall, dass der Mann an 69 Orten, darunter auch Privathaushalten, im Einsatz war. Nach einem Pflegekurs in Polen hatte er sich über mehrere polnische und eine slowakische Vermittlungsagentur auf Stellen beworben, so war er nach Deutschland gelangt. Der Mann soll auch in Hannover und im Landkreis Dithmarschen gemordet haben.

++ Dieser Artikel wurde um 17.29 Uhr aktualisiert. ++

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