Neuer Haftbefehl Mordvorwurf gegen Harry S.

Der Bremer Harry S. muss sich wegen seiner Beteiligung an Verbrechen der Terrororganisation Daesch neuen Vorwürfen stellen.
03.01.2017, 14:24
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Mordvorwurf gegen Harry S.
Von Jürgen Hinrichs

Der Bremer Harry S. muss sich wegen seiner Beteiligung an Verbrechen der Terrororganisation Daesch neuen Vorwürfen stellen.

Er sitzt bereits in Haft, ist verurteilt worden, weil er sich in Syrien der Terrororganisation Daesch angeschlossen hatte – nun geht es im Fall des Bremers Harry S. aber um Vorwürfe, die deutlich schwerer wiegen. Er soll nicht nur Mitläufer gewesen sein, wie von ihm behauptet wird, sondern sich an der Hinrichtung von Gefangenen beteiligt haben. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat aus diesem Grund beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs einen neuen Haftbefehl erwirkt, wie die Behörde am Dienstag mitteilte.

S. soll in Syrien an der Ermordung von sechs Gefangenen des Daesch beteiligt gewesen sein. Konkret soll er im Juni 2015 einen der Männer unter Androhung von Waffengewalt zum Hinrichtungsort geführt und die anderen Gefangenen an der Flucht gehindert haben. S. hatte diese Form der Verwicklung in den Terror stets abgestritten. Ein spät aufgetauchtes Video vom Tathergang belastet ihn jetzt aber schwer.

Im Juli 2016 war der Bremer vom Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Verhandlung fand in Hamburg statt, weil es in Bremen keinen Staatsschutzsenat gibt, der für Prozesse gegen mutmaßliche Terroristen zuständig ist. Zurzeit sitzt S. in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg.

Video belastet Harry S.

Am Dienstag ist Harry S. nach Angaben der Bundesanwaltschaft dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt worden. Der Richter werde ihm den Haftbefehl eröffnen und über den Vollzug der Untersuchungshaft entscheiden, wie es in der Presseerklärung der Behörde heißt.

S. war im Juli 2015 nach seiner Rückkehr aus Syrien am Bremer Flughafen festgenommen worden. Zunächst schwieg er zu allen Vorwürfen, später fanden die Sicherheitsbehörden in ihm aber eine sprudelnde Quelle von Informationen über die Strukturen und die Anführer des Daesch in Syrien. In dem Verfahren vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht hatte der Angeklagte beteuert, nicht an Kämpfen teilgenommen und niemanden verletzt oder getötet zu haben. Diese Darstellung geriet ins Wanken, als nach dem Urteilsspruch das Video von der Hinrichtung von Gefangenen des Daesch in Umlauf kam. Über die Filmaufnahmen aus der syrischen Stadt Palmyra hatten im Oktober vergangenen Jahres das ZDF und die „Washington Post“ berichtet.

S. trägt in dem Video eine Pistole in der Hand. Möglicherweise feuert er auf die Gefangenen, die bereits am Boden liegen. Genau zu sehen ist das aber nicht. Die Bundesanwaltschaft geht deshalb mit ihren Vorwürfen nicht so weit, dass S. unmittelbar gemordet hat.

Verteidiger lehnt jeden Kommentar ab

Sollte der Bremer ein weiteres Mal angeklagt und verurteilt werden, droht ihm nach Auskunft der Bundesanwaltschaft eine lebenslange Freiheitsstrafe. Verhandelt würde wieder vor dem Staatsschutzsenat in Hamburg. Weil im ersten Verfahren bereits sämtliche Begleitumstände der Ausreise des Bremers nach Syrien und seiner Aktivitäten dort erörtert wurden, dürfte ein mögliches Gerichtsverfahren nicht lange dauern. Udo Würtz, der Verteidiger von S., lehnte am Dienstag auf Anfrage jeden Kommentar zur neuen Entwicklung ab.

Harry S. ist das Kind von Eltern aus Ghana, die nach Bremen ausgewandert waren. Er wuchs mit zwei Geschwistern im Stadtteil Osterholz-Tenever auf. Sein Vater kehrte früh nach Ghana zurück. Die Mutter erzog ihre Kinder streng katholisch und band sie in das Gemeindeleben der Kirche ein. Harry S. war im katholischen Kindergarten St. Thomas in Osterholz, er besuchte im selben Stadtteil die Grundschule, danach die Gesamtschule Ost und wechselte schließlich auf die katholische Privatschule St. Johannis.

Nachdem die Familie nach London übergesiedelt war, wandte sich der Sohn schnell dem Islam zu und konvertierte schließlich. „Ich hatte das Gefühl, noch näher an Gott zu sein. Mir hat es gefallen, fünfmal am Tag zu beten und die Fastenzeit einzuhalten. Ich mochte die Gemeinschaft in den Moscheen“, erzählte er im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Radikalisiert habe er sich damals aber noch nicht. Das sei erst im Gefängnis geschehen, in der Bremer Justizvollzugsanstalt in Oslebshausen.

Verbindung zu salafistischem Kultur- und Familienverein

S. war wegen eines Überfalls auf einen Supermarkt verurteilt worden, den er mit seinen Kumpanen aus Osterholz-Tenever begangen hatte, als er für einen Besuch von London in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Während der Haftzeit hatte S. nach eigener Darstellung engen Kontakt zu René Marc S., der wegen islamistischer Terrorwerbung im Gefängnis saß und zum mittlerweile verbotenen salafistischen Kultur- und Familienverein im Bremer Stadtteil Gröpelingen gehörte. Dieser Verbindung schreibt S. seine Radikalisierung zu.

Vor der Eröffnung des neuen Gerichtsverfahrens gegen S. wird eine Rolle spielen, welche der Vorwürfe mit dem ersten Urteil bereits abgegolten sind. „Natürlich haben wir im Blick gehabt, dass es bereits ein rechtskräftiges Urteil gibt“, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft. Das schließe aber nicht aus, ein Verfahren zu eröffnen, wenn die neuen Tatvorwürfe schwerer wögen als die alten.

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