„Aufsuchende Bildungsberatung“ im QBZ Motivation und Perspektiven

In Gröpelingen gibt es seit einem Jahr gezielte Unterstützung für Erwachsene, die sich beruflich weiterqualifizieren möchten: Die „Aufsuchende Bildungsberatung“ im Quartiersbildungszentrum (QBZ) Morgenland.
09.04.2018, 00:00
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Motivation und Perspektiven
Von Anne Gerling

Gröpelingen. Unsere Arbeitswelt, einzelne Berufsfelder und Tätigkeitsprofile verändern sich laufend. Das Konzept „Lebenslanges Lernen“ wird somit für den einzelnen immer konkreter und wichtiger. Doch wie und wo findet man genau die Weiterbildungsmöglichkeiten, die zur bisherigen Ausbildung und zu den jeweiligen Abschlüssen passen? Und was kann man machen, wenn man weder Schulabschluss noch Ausbildung hat?

Insbesondere Langzeitarbeitslosen, Einwanderern und Frauen fällt es mitunter schwer, sich im „Bildungsdschungel“ zurechtzufinden. In Gröpelingen gibt es deshalb seit fast genau einem Jahr gezielte Unterstützung für Erwachsene, die zum Beispiel Deutsch lernen, eine Ausbildung machen oder sich beruflich weiterqualifizieren möchten: Im Mai ist im Quartiersbildungszentrum (QBZ) Morgenland im Rahmen der ressortübergreifenden Initiative „Weiter mit Bildung und Beratung“ die „Aufsuchende Bildungsberatung“ gestartet. Dieses Projekt unter der Federführung des Senators für Arbeit, Wirtschaft und Häfen wird über den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und steht als kostenloses Angebot allen Erwachsenen im Stadtteil zur Verfügung.

Jasmina Heritani und Neele Engel von der Aufsuchenden Bildungsberatung verstehen sich als Lotsen, die gezielt und neutral dabei helfen, passende Bildungsangebote zu finden.

Jasmina Heritani hat Wirtschaftsarabistik, Kulturwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache studiert, lebt seit einigen Jahren in Gröpelingen und ist Ansprechpartnerin für die arabischsprachige Community, Oberschulen und Bildungsträger. „Mein Hauptarbeitgeber in die Vergangenheit war die Volkshochschule“, erzählt sie, „deshalb habe ich tiefe Einblicke in die Bildungsträgerlandschaft.“

Neele Engel ist in Gröpelingen zur Schule gegangen, hat in Bayern ihren Bachelor in Afrikastudien gemacht und längere Zeit in Ghana gearbeitet. Sie ist regelmäßig in Kitas und Grundschulen im Stadtteil unterwegs, um dort Kontakte insbesondere zur afrikanischstämmigen und bulgarischen Community zu knüpfen. Leitungen und Erzieher kennen sie und können einen Kontakt herstellen, wenn Eltern erzählen, dass sie ihre Situation gerne verändern würden. „Ich stehe auch oft im Café Vielfalt mit Flyern vor der Tür – da kann man gut in Kontakt kommen“, erzählt Neele Engel. Manchmal kämen direkt Menschen auf sie zu, sagt sie – andere hingegen bräuchten etwas Zeit, um sich ihr schließlich mit ihren Fragen anvertrauen zu können.

„Es geht oft darum, zu beruhigen, zu strukturieren, zu motivieren und Perspektiven zu finden“, ergänzt Jasmina Heritani: „Oft haben die Leute innerhalb ihrer Community im Vorfeld viel gehört nach dem Motto ‚Du musst dies tun und du musst das tun.’ Das entspricht nicht immer dem, was die Fakten sind. Wenn sie dann hier bei uns sitzen, ist das für sie oft das erste Gespräch mit jemandem, der tatsächlich in dem Bildungssystem drin ist.“ Oft ergebe sich daraus dann ein begleiteter Prozess, bei dem gemeinsam ein ganz individueller Weiterbildungsplan erarbeitet werde. „Der kann je nach Voraussetzungen sehr unterschiedlich sein. Bei manchen geht es zum Beispiel darum, ihre im Ausland erworbenen Berufs- und Hochschulabschlüsse anerkennen zu lassen und einen Arbeitsvertrag zu bekommen. Das kann aber auch sein: Ich lerne das Schriftsystem und übe Alltagsgespräche“, so Heritani: „Wichtig ist, sich Zwischenziele zu setzen, die man erreicht. So sind dann Erfolgsmomente da, die dazu motivieren, den nächsten Schritt zu machen.“

Die Spannbreite der Kunden ist breit – von Menschen, die schon lange in Gröpelingen leben und nie einen Abschluss gemacht haben bis hin zu hochspezialisierten Akademikern, die zugewandert sind. Die Zwischenbilanz von Jasmina Heritani und Neele Engel nach nunmehr fast einem Jahr Beratungstätigkeit in Gröpelinger Einrichtungen und im QBZ kann sich jedenfalls sehen lassen: In den ersten zehn Monaten konnten die beiden in insgesamt 525 Beratungsgesprächen 184 Menschen im Alter von 19 bis 59 Jahren unterstützen, von denen 99 Prozent einen Migrationshintergrund hatten. Etwas mehr als ein Drittel der Beratungskunden waren Männer; unter den 122 Kundinnen waren 32 alleinerziehende Frauen. Je nach individueller Situation gab es dabei mit den jeweiligen Kunden zwischen zwei und zwölf Treffen. Eines traf dabei auf alle ihre bisherigen Gesprächspartner zu, erzählen Jasmina Heritani und Neele Engel: „Es gibt hier eine hoch motivierte Bewohnerschaft, die ihre Kompetenzen verbessern will und nach mehr Selbstständigkeit und sozialer Teilhabe strebt. 100 Prozent der Leute wollen nicht vom Jobcenter abhängig sein.“

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