Produktion von erneuerbarer Energie Mühlenverband warnt vor Äcker-Mangel

Bremen. Die Getreideernte ist in vollem Gange. Schon jetzt gehen Bauernverbände von einem zweistelligen Minus aus. Der daraus resultierende Preissprung kann auch mit der zunehmenden Nutzung von Ackerflächen für die Produktion erneuerbarer Energie zusammenhängen.
29.07.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Mühlenverband warnt vor Äcker-Mangel
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Die Getreideernte ist in vollem Gange. Noch lässt sich nicht definitiv sagen, welche Auswirkungen das schlechte Wetter haben wird. Doch schon jetzt gehen Bauernverbände von einem zweistelligen Minus aus. Das hat zu einem Preissprung an den internationalen Märkten geführt. Ein Preissprung, der auch mit der zunehmenden Nutzung von Ackerfläche für den Anbau von erneuerbaren Energien zusammenhängt, wie der Präsident des Verband deutscher Mühlen, Hans-Christoph Erling glaubt.

Ein langer, kalter Winter gefolgt von einem extrem heißen und trockenen Sommer - für Landwirte ist das alles andere als optimales Wetter. Der Deutsche Bauernverband spricht in seinem ersten Erntebericht von einem Ertragsminus zwischen zehn und 20 Prozent. In Bremen und umzu sieht es noch schlechter aus. Hier geht der Präsident des Bremischen Landwirtschaftsverbands, Hinrich Bavendam, sogar von einem Minus von 30 Prozent aus. Immerhin: Dieser Verlust treffe die Bauern zwar, in seiner Existenz bedroht sei aber keiner der Landwirte, erklärt Bavendam.

Noch sind die Schätzungen vorsichtig, weil die Ernte noch nicht abgeschlossen ist. Doch schon jetzt geht etwa der Präsident des Verbands Deutscher Mühlen (VDM) und Inhaber der Bremer Roland Mühle, Hans-Christoph Erling, von einem Rückgang der Getreidemenge um 20 Prozent aus. Und dieses Minus wirkt sich auch auf den Preis aus. Statt 110 Euro, wie Anfang des Jahres angenommen, kostet die Tonne Weizen auf dem internationalen Markt inzwischen 160 Euro.

Erling sieht die Situation jedoch gelassen. 'In Deutschland können wir uns das problemlos leisten.' Selbst wenn das Getreide momentan um die Hälfte teurer sei, werde die Preissteigerung beim Mehl wohl nur sehr moderat beim Verbraucher ankommen. 'Bei einem Pro-Kopf-Verbrauch von 65 Kilogramm Mehl im Jahr wird die Preissteigerung nur wenige Euro betragen', sagt er. Die Bremer Mühle kann bei so schwierigen Ernten wie in diesem Jahr sogar besser reagieren als die Konkurrenz. 'Für uns ist lebenswichtig, dass wir hier den Hafen haben und uns übergebietlich versorgen können.'

Eine andere Entwicklung jedoch sieht Erling mit Sorge. 'Getreide steht mittlerweile in Konkurrenz zu Biogas und Bioethanol. Das wurde staatlich gefördert', sagt der Bremer Müller. 'Inzwischen wird daher mehr Mais angebaut. Das hat Flächen weggenommen die nicht mehr als Acker für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden.' Für den VDM ist diese Verknappung der Ackerfläche neben der schlechten Witterung für den Preisanstieg beim Getreide mitverantwortlich.

Dabei kann Erling die Entscheidung der Bauern wirtschaftlich nachvollziehen. 'Ein Bauer kann zu dem Preis, den er in den letzten beiden Jahren für das Getreide bekommen hat, eigentlich nicht anbauen', sagt er. Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbands, gibt ihm in diesem Punkt recht. 80 Euro hätten die Bauern im letzten Jahr für eine Tonne Weizen bekommen, 'das war ein Betrag, wo der energetische Wert höher lag.' Für ihn ist auch klar: 'Bauern sind Unternehmer geworden. Wenn ihnen für einige Produkte zu wenig gezahlt wird, dann investieren sie in andere Produkte oder Bereiche.' In diesem Fall also in den Anbau erneuerbarer Energien.

Es ist genau diese Entwicklung, die Erling besorgt macht. Er will nicht, dass Lebensmittel verschleudert werden. Er und sein Verband sind daher prinzipiell sogar für einen höheren Getreidepreis. 'Wir finden es gut, wenn die Bauern einen Preis bekommen, von dem nicht nur die Kosten gedeckt werden können, sondern von dem sie auch noch für ihre Arbeit entlohnt werden', sagt er. Doch weil dies in den letzten Jahren nicht gelang, fürchtet er, dass der Trend hin zum Anbau von Mais und Raps ein längerfristiger sein könnte. 'Ich würde mir Sorgen machen, wenn die heimische Nahrungsmittelproduktion immer weiter abnimmt und wir künftig stärker vom Ausland abhängen', sagt Erling.

Ausgerechnet die momentane Entwicklung auf dem Weltmarkt könnte dem durchaus entgegenwirken. daher auch ihre positiven Seiten, sie könnte dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelproduktion erhalten bleibt.Denn so wie sich mancher Bauer angesichts sinkender Getreidepreise für den Anbau von Raps oder Mais zur Energiegewinnung entschieden hat, könnte der hohe Preis jetzt den Getreideanbau wieder attraktiv machen. Zumal auch die Absatzmärkte für erneuerbare Energien Schwankungen unterliegen, sagt Lohse. So sei der Absatzmarkt für reinen Biodiesel zusammengebrochen, das Zurückfahren der Förderung durch die Bundesregierung wird den Absatz in Zukunft nicht leichter machen.

Ohnehin sehen die Bauern keine Trendwende weg von der Lebensmittelproduktion und hin zur Energie, so wie sie Erling befürchtet. Auf zwei Millionen Hektar Ackerfläche würden derzeit nachwachsende Rohstoffe angebaut, sagt Lohse. Das entspreche einem Anteil von 17 Prozent an der Gesamtfläche. Der Wettbewerb um die Fläche habe durchaus zugenommen, allerdings finde dieser eher auf Ebene der Bauern, bei den Pachten statt.

Und so kommt auch der Präsident des Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, zu dem Schluss: 'Erneuerbare Energien sind ein zweites Standbein, über das wir froh sind, aber die Lebensmittelproduktion hat für uns Priorität.' Sonst könnte auch irgendwann ein Schreckensszenario von Hans-Christoph Erling Realität werden: 'Wenn eine Lieferung von Taschenrechnern, die in China gebaut werden, nicht kommt, ist das nicht so schlimm', sagt er, 'bei Getreide sähe das dann anders aus.'

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