Interview

„Müssen uns vor Chauvinismus schützen“

Perdita Engeler vom Landesfrauenrat spricht im Interview über Donald Trump, Protest im Netz und das Wandern mit Hund.
04.08.2017, 20:57
Lesedauer: 5 Min
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„Müssen uns vor Chauvinismus schützen“
Von Antje Stürmann
„Müssen uns vor Chauvinismus schützen“

Befürchtet, dass wieder ein frauenfeindliches Rollenbild kommen könnte: Perdita Engeler.

Frank Thomas Koch

Was wird in einer Welt, in der Menschen wie Donald Trump Präsident sind, wichtiger bei Organisationen wie dem Bremer Frauenausschuss?

Perdita Engeler: Ich sehe nicht unbedingt nur das Problem Trump, sondern eine Bewegung hin zum Chauvinismus. Wir haben Erdogan, Orbán, Putin und Trump – wir müssen aufpassen, dass deren Chauvinismus nicht um sich greift und in der Gesellschaft wieder ein Rollenbild propagiert wird, das eindeutig frauenfeindlich ist.

Was raten Sie Frauen?

Wir sollten im Netz Position beziehen und massenhaft dagegen angehen. In den USA gibt es jeden Tag Demonstrationen von Frauen. Man muss aufstehen. Eine Form ist das virtuelle Aufstehen – im Internet zu sagen: Wir lassen uns das nicht gefallen.

Wie verändert das die Arbeit von Gremien, die sich für die Interessen von Frauen stark machen?

Wir müssen im Netz präsenter sein. Das fällt uns Frauen vielleicht ein bisschen schwerer, weil es zeitintensiv ist. Aber wir haben Plattformen, wie zum Beispiel www.change.org, die unsere Interessen vertreten und auch platzieren können.

Im Landesfrauenausschuss, dessen Vorsitzende Sie jetzt für zwei Jahre sind, geht es schwerpunktmäßig um die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Was macht Gleichberechtigung in Ihrem Leben aus?

Gleichberechtigung ist für mich die Voraussetzung dafür, zu leben und zu arbeiten.

Und an welcher Stelle haben Sie in Ihrem persönlichen Leben gemerkt: Gleichberechtigung ist sehr wichtig?

Von Anfang an. 1972 gab es die Aktion „Wir haben abgetrieben“ der Zeitschrift „Stern“. Meine Mutter und meine Großmutter haben den Aufruf zur Abschaffung des Paragrafen 218 unterschrieben. Ich durfte nicht unterschreiben, weil ich erst 14 Jahre alt war. Aber ich habe darüber nachgedacht: Warum entscheiden andere über meinen Körper und mein Leben? Da wurde mir klar, dass die Gleichberechtigung nicht erreicht ist.

Dieser Gedanke hat mich durch mein Leben begleitet: Warum bin ich in bestimmten Situationen benachteiligt? Zum Beispiel bei der Frage, warum Frauen für die Kinder sorgen und nicht die Eltern gemeinsam. Das ist so in unserem Denken verankert, obwohl das Grundgesetz seit 70 Jahren Gleichberechtigung vorschreibt. In unserer Einstellung aber haben wir noch eine ganze Menge zu ändern, um Gleichberechtigung zu erreichen.

Sind Frauen nicht stark genug, um ihre Rechte durchzusetzen?

Gute Frage. Da gibt es verschiedene Theorien: Auf der einen Seite die Auffassung, Frauen haben alle Möglichkeiten und ergreifen sie nicht. Die andere lautet: Es gibt immer noch die gläserne Decke, und trotz aller Förderung wird immer noch nicht gleich bezahlt. Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Die Herausforderungen in Familie und Beruf Tag für Tag zu vereinbaren, das ist anstrengend. Auf der anderen Seite haben wir dabei mehr Widerstände zu überwinden als Männer.

Es ist sicher angenehm, während der Elternzeit in Teilzeit zu arbeiten. Aber warum arbeiten nicht beide Elternteile in Teilzeit? Das ist eine Forderung des Bremer Frauenausschusses: eine Elternarbeitszeit. Wenn man das ermöglichen würde, wäre das ein großer Schritt hin zur Gleichberechtigung für alle. Denn in dem Lebensabschnitt, in dem wir Kinder kriegen, haben wir beruflich die meisten Möglichkeiten, uns zu entwickeln. Und wenn das nur für eine Seite möglich ist, haben wir auch künftig ein Problem.

Arbeiten beide Elternteile drei Jahre in Teilzeit, haben womöglich beide nicht die Möglichkeit, sich beruflich weiterzuentwickeln. Das könnte monetär der Familie auf die Füße fallen.

Wir haben ein tradiertes Arbeitssystem, in dem wir von der Vollarbeitszeit ausgehen. Nur wer in Vollzeit arbeitet, kann Karriere machen. In Norwegen wird dafür geworben, dass auch der Chef um 16 Uhr sein Kind vom Kindergarten abholt. Dort haben beide Partner Aufstiegschancen. Wir sollten uns – auch in der Wirtschaft – von diesem Vollarbeitsverhältnis lösen, dann haben auch alleinerziehende Eltern die gleichen Chancen.

Muss nicht auch jede einzelne Frau Ballast abwerfen? Sollte es über Kitaplätze hinaus nicht noch mehr Unterstützung für Frauen geben, damit sie sich mehr um ihr berufliches Weiterkommen kümmern können?

Unterstützung wäre schon gegeben, wenn wir in der Kindererziehung eine Elternzeit hätten und nicht selbstverständlich wäre, dass die Frauen zu Hause bleiben. Das ist in allen Köpfen verankert, auch in denen der Frauen. Denken Sie an die Aussage: Wenn ich ein Kind habe, will ich auch bei ihm sein und es erziehen. Das wollen wir alle. Aber will das nicht auch der Mann? Warum nimmt sich nur eine Seite dieses Privileg heraus? Das sind überholte Rollenbilder. Andere europäische Länder sind da weiter.

Wie sensibilisieren Sie junge Bremerinnen in einer Welt der Reizüberflutung und der Überforderung für das Thema Gleichberechtigung?

Ein spannendes Thema. Dem müssen wir uns als Bremer Frauenausschuss künftig stellen: Unsere Frauenverbände müssen die Digitalisierung in den Vordergrund stellen. Wir brauchen andere Möglichkeiten, mit jungen Frauen zu kommunizieren. Es ist nicht mehr so, dass jede junge Frau in einem Verband regelmäßig mitarbeiten möchte. Entweder wollen sie projektbezogen arbeiten, weil sie gerade Zeit haben, oder das Thema interessiert sie. Wir müssen Möglichkeiten schaffen, die nicht unbedingt eine Präsenz erfordern.

Wie wollen Sie das schaffen?

Die Frauen und Verbände müssen im Netz für Frauen Partei ergreifen. Sie müssen mit Kommentaren frauenfeindlichen Meinungen und Handlungen entgegentreten und ihre Meinungen im Netz positionieren. Im Bremer Frauenausschuss können wir dafür ein Forum und eine Arbeitsplattform bilden.

Welche Unterstützung erfahren Sie in Bremen?

Eine der wichtigsten Partnerinnen bei der Durchsetzung der Gleichberechtigung ist die Zentrale für die Gleichstellung der Frau (ZGF). Hinzu kommen die vielen Bremer Frauen, die aktiv in ihren Verbänden und Organisationen für die Frauenrechte eintreten.

Was fehlt?

Uns fehlt als Bremer Frauenausschuss ein fester Haushaltstitel, damit wir nicht immer über den Zuwendungsausschuss eine gewisse Summe bekommen. Das ist kein fester Titel, wir müssen jedes Jahr wieder um eine Zuwendung kämpfen. Ein Haushaltstitel würde uns helfen, kontinuierliche Arbeit zu machen.

Wie geht es in Bremen voran mit der Gleichberechtigung?

Langsam, denn wir stehen von allen Bundesländern bei der Frauenarmut und Kinderarmut gerade auch bei Alleinerziehenden immer noch am schlechtesten da.

Besteht Hoffnung?

Da muss ich lange nachdenken: Es fehlen Hunderte Kita-Plätze, es fehlt an qualifiziertem Personal, um diese Misere zu beenden…

Wenn es so schlecht aussieht in Bremen, haben dann nicht Gremien wie der Landesfrauenrat versagt?

Das könnte man annehmen. Die Frage kann man aber auch umgekehrt stellen: Wie würden wir dastehen, wenn es die Arbeit des Landesfrauenrates nicht geben würde. Dass wir in Sachen Gleichberechtigung schlecht dastehen, hängt auch mit den Strukturen im Stadtstaat Bremen zusammen. Hier ballen sich Armut und Arbeitslosigkeit, wir haben die höchste Quote der Alleinerziehenden in Deutschland, und wir haben für die Arbeit des Landesfrauenrates wenig Geld zur Verfügung.

Ist überhaupt abzusehen, dass es mal mehr Gleichberechtigung geben wird?

Ja, aber es bleibt viel zu tun, und wir brauchen einen langen Atem.

Frau Engeler, Sie sind neu in der Funktion der Vorsitzenden im Landesfrauenausschuss. Haben Sie ein Idol?

Simone de Beauvoir. Sie und ihr Partner Jean-Paul Sartre haben versucht, anders zu. Das fand ich als Jugendliche, als ich Beauvoirs Bücher verschlungen habe, spannend.

Die Frauenrechtlerin ist eine Seite von Ihnen. Welche kennen wir noch nicht?

(lacht) Ich spiele seit Jahren Tennis in einer Frauenmannschaft. Wir spielen in der Liga. Das Andere ist das Wandern mit unserem Hund quer durch Europa – ob in den Karpaten, in den Alpen oder im Harz. Meistens bin ich mit Freundinnen unterwegs.

Das Gespräch führte Antje Stürmann.

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