Bremen nach dem Zweiten Weltkrieg Museum macht Wohnen im Kaisenhaus lebendig

Bremen. Es ist klein, eher unscheinbar – aber von historischem Wert: ein Kaisenhäuschen. Zehntausende Bremer haben in diesen Parzellenhäusern im Nachkriegsdeutschland ein Zuhause gefunden. Ein neues Museum erzählt ihre Geschichte.
29.04.2012, 11:52
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Von Britta Schlesselmann

Bremen. Es ist klein, eher unscheinbar – aber von historischem Wert: ein Kaisenhäuschen. Zehntausende Bremer fanden in diesen Parzellenhäusern im Nachkriegsdeutschland ein Zuhause. Wer die Erinnerung an vergangene Zeiten noch einmal wiederbeleben möchte, hat dazu jetzt Gelegenheit: Ab heute gibt es ein Museums-Kaisenhaus im Waller Kleingartengebiet.

Wer das Häuschen betritt, der nimmt zunächst einen leicht feuchten, muffigen Geruch wahr. Ein paar Schritte weiter lassen nostalgische Schränke, Lampen und Vorhänge die Erinnerung an vergangene Zeiten wach werden. Jahrzehntelang war das Haus im Behrensweg das Zuhause der Familie Kopmann – seit heute ist es ein Museum. Es dokumentiert, wie Bremer in den Nachkriegsjahren gelebt haben.

Wer das Kaisenhaus-Museum besuchen möchte, muss schon ein wenig suchen. Ganz versteckt liegt es im Waller Kleingartengebiet. Unionweg, Nachtigallweg – ein Stück weiter der Osterwiesenweg: Die Ortsnamen in der Umgebung klingen zwar beschaulich, doch einst herrschte hier alles andere als eine Idylle. 1944 wurden 25 000 Wohnungen im Bremer Westen zerstört. In ihrer Not zogen 18 000 Menschen auf ihre Parzellen. Das Wohnen in den Kleingartengebieten wurde am 1. August 1945 von Bürgermeister Wilhelm Kaisen per Erlass gestattet. Eigentlich sollten die sogenannten Kaisenhäuser nur eine Übergangslösung sein, bis der Wohnungsbau Fahrt aufnehmen würde. Aber auch als die Stadt wieder aufgebaut war, wollten einige Bewohner gar nicht mehr weg. „Da hat sich Kaisen verrechnet“, meint Cecilie Eckler-von Gleich vom Verein Kaisenhäuser.

Der Verein hatte bereits vor einigen Jahren die Idee, diesen Teil der Bremer Geschichte zu dokumentieren. Das heutige Museum ist ein Geschenk des ehemaligen Eigentümers Fred Kopmann. Wie bei vielen anderen Häusern gibt es einen ursprünglichen Teil und einen Anbau. In einem ehemaligen Wohnzimmer können Besucher jetzt auf Schautafeln die Geschichte verfolgen: „Die ersten Jahre waren für viele Bewohner in den Kleingärten sehr hart“, sagt Cecilie Eckler-von Gleich. Es gab keinen Strom, keine Heizung, keine Wasseranschlüsse.

Das Wasser wurde von einer zentralen Sammelstelle geholt, im Museum sind noch die Glasbehälter auf einem Bollerwagen zu sehen. Petroleumlampen spendeten Licht, daran erinnern selbstgebastelte Kanister und Lampen. Dass Not erfinderisch macht, zeigen auch andere Ausstellungsstücke: Aus Metallresten hatte jemand einen kleinen Ofen gebaut, aus Stoffresten wurden Rucksäcke genäht. Ein Spinnrad verwandelte die Wolle der hauseigenen Schafe in – kratzende – Unterhosen. Originale liegen im Museum, anfassen ist erlaubt.

Mit dem wachsenden Wohlstand im Nachkriegsdeutschland stieg auch der Lebensstandard in den Kaisen-Häusern: Stromleitungen wurden Anfang der 50er-Jahre gelegt, auf Wasseranschlüsse mussten die Bewohner noch zehn Jahre länger warten. „In dem Waller Kleingartengebiet haben die Bewohner selbst die Leitungen verlegt, die Stadt hat nur für die Anschlüsse gesorgt“, sagt die Museumsmitarbeiterin. Die Bedeutung lässt sich an dem Zitat einer ehemaligen Bewohnerin erkennen, die verriet: „Unser erstes Wasser haben wir aus Sektgläsern getrunken.“

Der wachsende Wohlstand wird auch in dem neuen Museum dokumentiert: Ein typischer 50er-Jahre-Vitrinenschrank mit roten Gläsern hinter Schiebetüren und eine Musikbox für Singles sind einige der Ausstellungsstücke.

Doch die Enge in den Häusern änderte sich nicht so schnell. Kopmanns Schlafzimmer lag unter dem Dach und ist als Original heute zu besichtigen: Der Schrank wurde in die Schräge eingebaut, ein Frisiertisch durfte nicht fehlen. Ob im Flur oder unter der Schräge: Jede Ecke wurde genutzt – und bei Bedarf hinter einem Blümchenvorhang versteckt.

Im Laufe der Jahre forderte die Stadt die Bremer Kaisenhaus-Bewohner immer energischer auf, ihre Häuser wieder zu verlassen. Eine Aktentasche symbolisiert im Museum den Kampf mit der Behörde: Wollten die Anwohner ihre Gebäude erweitern – vielleicht, um nach der Geburt eines Kindes mehr Platz zu haben – bekamen sie auf ihren Bauantrag einen „Abgelehnt“-Stempel. „Das hieß aber nicht, dass nicht gebaut wurde. Gebaut wurde trotzdem, und es wurde von der Stadt toleriert“, sagt Cecile Eckler-von Gleich.

Bei den meisten Flächen handelte es sich um Eigenland-Parzellen. Dort entstanden bis in die 60er-Jahre übers Wochenende ganze Häuser. „An Ostern und Pfingsten wurden viele Häuser hochgezogen. Montag hingen die Gardinen, und es stand eine Topfpflanze im Fenster, sodass es bewohnt aussah“, sagt Wolfgang Golinski vom Verein Kaisenhäuser. Denn sobald ein Gebäude bewohnt war, ging das Bauamt nicht mehr dagegen vor.

Beim Kampf gegen die Behörde waren die Parzellisten ebenso vereint wie beim Hausbau und beim Bestellen ihrer Äcker. „Das war eine unglaubliche Gemeinschaft“, so Golinski, der heute selbst noch in einem Kaisenhaus lebt. Das Haus ist das Erbe seines Schwiegervaters, der im Waller Kleingartengebiet einen Eisenwarenhandel betrieb. In dem Gebiet gab es im Laufe der 50er-Jahre auch Bäckereien, Kolonialwarenhändler, Gärtner und sogar eine kleine Leihbücherei in dem Windfang eines Hauses.

Heute leben im Waller Kleingartengebiet noch etwa 500 Kaisenhaus-Bewohner. Einige freuen sich über das Museum und spendeten Ausstellungsstücke – andere sagen: „Es gibt uns doch noch, wir gehören noch nicht ins Museum.“ Fest steht aber: Wenn die jetzige Kaisenhaus-Generation nicht mehr lebt, dann endet diese Ära.

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