„Seute Deern“

Museumsschiff erreicht seinen Abwrackplatz

Ziehen, drücken, schieben: Seit Freitag liegt das ehemalige Museumsschiff „Seute Deern“ in Bremerhaven an seinem Abwrackplatz am Baltimore-Pier.
28.03.2020, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Museumsschiff erreicht seinen Abwrackplatz
Von Jürgen Hinrichs
Museumsschiff erreicht seinen Abwrackplatz

Sachte, ganz sachte wird die "Seute Deern" zu ihrem letzten Liegeplatz bugsiert, um dort abgewrackt zu werden.

Frank Thomas Koch

Die Plane ist das Problem. Kein großes, aber irgendetwas müssen sie sich überlegen, damit es weitergehen kann. Die Männer stecken ihre Köpfe zusammen und haben schnell eine Lösung gefunden. Ins Wasser damit, ganz und gar, damit sich die Plane auf den Grund legt und nichts mehr hakt. Später werden die Ränder wieder hochgezogen, damit so etwas wie eine schützende Wanne entsteht und die Arbeiten beginnen können. Abbrucharbeiten. Ein Schiff wird zerstört, es ist die „Seute Deern“. Sie hat am Freitag in Zeitlupentempo ihre letzte Reise angetreten. Das Wrack wird nun gänzlich abgewrackt

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Es sind nicht einmal hundert Meter zum neuen Liegeplatz im Museumshafen von Bremerhaven. Am Baltimore-Pier, einer Kaje von 1830, fügt sich das Schicksal der Bark, die keine Masten mehr hat und auch sonst einen traurigen Anblick bietet. Angefressenes, modriges Holz, Planken, denen man nicht mehr trauen kann, alles hinüber und nur noch ein matter Abglanz früherer Jahre, als das Schiff ein Restaurant beherbergte.

Galionsfigur noch gut erhalten

Einigermaßen in Schuss ist nur die Galionsfigur, eine junge Frau in der Bauerntracht des Alten Landes, die „Seute Deern“, das Schiff lag früher in Hamburg. Was da mit immer noch leuchtender Farbe am Bug prangt, ist aber schon lange nicht mehr das Original. Es wurde vor vielen Jahren abmontiert, stand unter Deck im Restaurant und kam ins Museum, nachdem das Schiff Ende August untergegangen war.

Hundert Meter, aber ganz ohne sind sie mit so einem maroden Kahn natürlich nicht. Erstens die Plane, es knirscht und schmatzt, als die Bark auf ihr Todeslager rutscht. Zu wenig Platz unterm Kiel, aber das ist Minuten später behoben. Überhaupt geht es bei aller Langsamkeit sehr schnell mit dem Manöver. Bremenports hatte mit rund drei Stunden gerechnet, am Ende sind es nur anderthalb.

Das zweite Problem ist die Ecke der Kaimauer, um die das Schiff bugsiert werden muss. Da wird geschoben, gezogen und gedrückt. Die „Möwe“, ein bärenstarker Schlepper, macht ihre Arbeit, genauso die kleinen Boote der DLRG, die an diesem Tag aushilft. Dirigiert wird von der Pier aus und von Bord, die Männer stehen in Funkkontakt. „Du hast Berührung“, warnt einer. Das wär’s noch, jetzt ein Leck zu reißen. Die DLRG muss wieder ran, drücken und schieben, dann klappt’s.

Als die Ecke umschifft ist, kann nichts mehr schief gehen. Die „Seute Deern“ muss nur noch schnurgerade gezogen werden, bis sie ihren letzten Liegeplatz erreicht. Das geschieht mit einer Winde am Ufer und dem Stahlseil, das in den Ankerklüsen der Bark festgemacht ist. Sachte, ganz sachte wird das Seil gespannt, der Rest: ein Kinderspiel.

Wetter spielte mit

Lutz Jankowsky schaut zufrieden. Der Mitarbeiter von Bremenports ist Leiter des Projekts. „Es hat genau so funktioniert, wie wir das geplant haben“, sagt er. Die wichtigste Voraussetzung war, dass das Wetter mitspielt. Es musste genügend Wasser im Hafen sein, einen halben Meter mehr als sonst.

An den Tagen vorher waren die Bedingungen noch andere, weshalb nicht der Mittwoch genommen wurde, wie ursprünglich geplant. Jede Verzögerung bei diesem Projekt hat viel Geld gekostet, etwa 100.000 Euro im Monat. „Es waren rund um die Uhr zwei Männer an Bord, und dann die Kosten für drei große Dieselpumpen“, erklärt Jankowsky. Um nicht gleich wieder unterzugehen, musste die „Seute Deern“ mit ihrem „konstruktiven Totalschaden“, wie die Techniker das nennen, immerfort von Wasser befreit werden.

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Dort, wo die Bark seit Freitag liegt, entsteht in den nächsten drei Wochen ein provisorisches Dock. „Wir stellen zwei 40-Fuß-Container, die mit Sand befüllt sind, übereinander ins Wasser“, sagt Jankowsky. Damit wird der schmale Seitenarm des Museumshafens dicht gemacht. Die „Seute Deern“ bekommt neben der Plane, die sie von nun an umschmiegt, zusätzlich ein Bett aus Sand, damit sie stabil bleibt. Die Folie dient zur Abwehr möglicher Umweltschäden. Das Schiff steckt voll mit Schadstoffen, Asbest und Lindan, die als Sondermüll entsorgt werden müssen.

Schaulustige beobachten das Manöver

Als die Bark am Baltimore-Pier schließlich festgemacht wird, stehen in gehöriger Entfernung viele Menschen, die neugierig den Ablauf beobachten. Es sind in den anderthalb Stunden immer mehr geworden, nicht so viele allerdings, wie zu normalen Zeiten. Bremenports hat den Termin unterm Deckel gehalten, nur ja keine Menschenmengen, geht gerade nicht. Dass im Museumshafen etwas los ist, lässt sich aber nicht verbergen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit der „Seute Deern“.

Das denkmalgeschützte Schiff, vor 101 Jahren in den USA mit dem Namen „Elizabeth Bandi“ vom Stapel gelaufen, war ein Wahrzeichen, mindestens für das Deutsche Schifffahrtsmuseum, wahrscheinlich aber für ganz Bremerhaven. Es steht wie die anderen Exponate im Museumshafen für das maritime und kulturelle Erbe der Stadt. Sie nimmt nun Abschied, kann zusehen, wie die „Seute Deern“ immer weniger wird und irgendwann ganz verschwunden ist.

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