Schwaneweder macht Sendung im Internet-Radio Musik für die ganze Welt

„Greetings from Guthrie Thomas. You‘re listening to Jens Messtorff and these are nightsongs!“ Lässig thront Jens Messtorff hinter seinem Sendepult und fährt den akustischen Gruß des befreundeten Sängers aus den USA mit einem Mausklick aus dem Computer ab.
05.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexander Bösch

„Greetings from Guthrie Thomas. You‘re listening to Jens Messtorff and these are nightsongs!“ Lässig thront Jens Messtorff hinter seinem Sendepult und fährt den akustischen Gruß des befreundeten Sängers aus den USA mit einem Mausklick aus dem Computer ab.

Wenn der 61-Jährige jeden Sonntag zwischen 20 Uhr und 22 Uhr seine „Nightsongs“ aus dem heimischen Studio im Rotdornweg moderiert, sind zwischen den Musikstücken oft sogenannte Radio-Claims von befreundeten Künstlern zu hören. Im Internetradioportal „laut fm“ hat sich Messtorff inzwischen mit seinem eigenen Kanal „Artistradio“ etabliert. Nach einer mehrmonatigen Pause können die Fans seit Anfang des Jahres die „Nightsongs“ wieder an jedem Sonntag genießen.

Wann immer ein für ihn interessanter Künstler in Bremen und umzu auftritt, versucht Messtorff ein Interview zu ergattern. Am Schneidtisch werden die Gespräche vorab in akustische Sendehäppchen portioniert und, garniert mit musikalischen Kostproben, in die Sendung eingestreut. Dazu gehört die Schwedin Sofia Talvik oder befreundete Musiker wie der Engländer Brian Parrish und der ehemalige Bee-Gees-Keyboarder Blue Weaver, dessen Tastenkünste auf dem legendären Soundtrack zu „Saturday Night Fever“ zu hören sind.

Bereits 1984 besuchte Messtorff den Country- und Bluessänger Guthrie Thomas in Nashville. Auf der Internetseite des Amerikaners findet sich noch heute ein Zeugnis dieses Besuchs. „With famed DJ Jens Messtorff in Nashville“, steht dort. Messtorff, der „berühmte Discjockey“, trägt auf dem Foto noch eine wuschelige Lockenmähne. Als der 1964 nach Schwanewede gezogene Moderator den Sänger vor zwei Jahren erneut kontaktierte und um einen akustischen Gruß bat, ließ sich Guthrie Thomas nicht lange bitten. „Livegäste sind natürlich auch immer herzlich willkommen“, betont der Selfmade-Radiomann, der hauptberuflich in der Nahrungsmittelindustrie tätig ist. Für Oktober hat sich bereits David Knopfler, Mitbegründer der Dire Straits, angekündigt.

Wer das zum Studio erweiterte Wohnzimmer des Schwaneweders betritt, stößt auf eine beeindruckende Sammlung aus Jinglemaschinen, Mischpulten, CD-Racks, Computern mit modernster Sendesoftware und gigantische Monitore. Eine nostalgische Revox-Bandmaschine PR 99 blinkt mit Dioden moderner Wiedergabegeräte um die Wette. Zwischen Kassetten, Jinglecards und Plattenständern steht eine selbst restaurierte elektromechanische Hammondorgel: „Für 1,50 Euro ersteigert, ein Prachtstück!“

Die beiden analogen Präzisionsplattenspieler EMT 948 zum Stückpreis von 10 500 Mark gehörten bis in die 1980er-Jahre zur Ausstattung der öffentlich-rechtlichen Radioanstalten. „Ich hatte mal Mailkontakt mit Lutz Ackermann vom NDR, der schrieb mir: ’Ach ja, die guten alten CMT-Spieler, die hatte ich auch’“, erinnert sich Messtorff. In den „Nightsongs“ werden die meisten Titel und Interviews zwar vom Computer abgefahren. Ab und an kommen die „Vinyl-Wunderwaffen“ (Messtorff) aber noch zum Einsatz. Setzt man den Tonarm in der Rille vor dem erwünschten Titel ab, beschleunigt der Plattenspieler immer noch ohne leiernde Anfangsgeräusche.

Musik abseits des Mainstreams und möglichst handgemacht: Das ist das bewährte Sendekonzept der „Nightsongs“. Das Medium habe ihn schon als Kind fasziniert, sagt der gebürtige Brunsbütteler. Gängiges Formatradio deutscher Machart, abfällig auch „Dudelfunk“ genannt, ist ihm dagegen ein Gräuel. Messtorffs Vorliebe galt vielmehr den sprachlich versierten Moderatoren des britischen Soldatensenders BFBS.

An die ersten telefonischen Kontaktaufnahmen mit dem Sender erinnert sich Messtorff genau. „Ich hatte einen Techniker namens Tex an der Strippe, der mir alle Fragen geduldig beantwortet hat. Die Gespräche habe ich heimlich mitgeschnitten“, gibt Messtorff zu, der in den 1980er-Jahren in der Schwaneweder Diskothek „Casas Pepe“ als Discjockey auflegte und in der Coverband „Grasshoppers“ spielte.

1982 fand dann der erste Besuch in der Sendervilla von BFBS in Köln statt. „Ich war von der Lockerheit der Truppe fasziniert. Obwohl das ein Truppensender war, hatten die acht Millionen Hörer.“ Bei den britischen Kollegen konnte Messtorff nicht nur einen Blick hinter die Kulissen werfen, sondern auch ausgediente Tonbandgeräte und Jinglemaschinen abstauben. Noch heute nimmt er regelmäßig an einem Treffen mit BFBS-Veteranen teil.

Beim Schwaneweder Deichradio konnte Messtorff 2007 seine Ambitionen, einmal selbst hinter den Reglern zu sitzen, in die Tat umsetzen. Sechs Jahre blieb er dem inzwischen eingestellten Sender treu, machte dann kurzzeitig auf einer belgischen UKW-Frequenz weiter. Jüngste Pläne, mit Kollegen eine Sendung über die Nordbremer Musikszene ins Leben zu rufen, zerschlugen sich. Mit seinem Kanal Artistradio ist Messtorff dafür endlich „angekommen“.

Die musikalische Mixtur aus Blues, Jazz, Folkrock, Country und gelegentlich Pop- stellt der Musiker Woche für Woche individuell zusammen. Ein wenig Moderationstraining hat er sich autodidaktisch angeeignet. Ab und an tauscht sich der Discjockey mit Kollegen aus. „Jeder bedient seine eigene Schiene, man kommt sich nicht ins Gehege.“ In Einschaltquoten messen kann man die Beliebtheit des Webradiosenders zwar nicht. Immer wieder würden sich nach den Sendungen aber nicht nur befreundete Künstler melden und beim Schwaneweder ein positives Feedback abliefern.

Seine Lebensgefährtin Britta unterstützt den Hobbymoderator beim Editieren von Sendungsblöcken und der Zusammenstellung der Playlist. „ Jens ist immer recht kritisch, aber ich ziehe meinen Hut, wie locker und professionell er das macht. Diese Lieder haben es wirklich verdient, gespielt zu werden. Die würde man sonst nirgendwo hören“, sagt sie. Agenturen wie „Music-Go-Artists“ oder die „Art-Genossen“ in Vegesack beliefern ihn mit aktuellen Tonträgern und machen auf anstehende Konzerte in der Region aufmerksam. Demnächst soll eine Jazzsendung sein Portfolio erweitern.

Und wenn er sich einmal Livegäste nach Wunsch einladen könnte? Jens Messtorff überlegt nicht lange „Willie Nelson und Ringo Starr, das wär schon nicht übel.“

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