Gesichter der Stadt: Hubert Jebens tourt als Jonny Glut mit „Waterkantry“ durch die Lande

Musikalischer Nahkampf

„Wenn man den Menschen zuhört, erzählen sie einem ihre Geschichten.“ Hubert Jebens Bremen.
29.08.2015, 00:00
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Musikalischer Nahkampf
Von Ralf Michel

Wie verbindet man seinen ersten Beruf – Sozialpädagoge – mit seinem zweiten – Segelmacher? Der gebürtige Hamburger Hubert Jebens hatte sich das so gedacht: „Ich wollte als Sozialpädagoge auf Segelschiffen arbeiten. 24 Stunden mit den harten Jungs an Bord...“

Ist nichts draus geworden, aus diesem Plan. Aber letztlich habe die Synthese der beiden Berufe dann ja auf anderem Wege stattgefunden, lacht der heute 65-Jährige. Nicht in Hamburg, sondern in Bremen. Und nicht als Hubert Jebens, sondern als „Jonny Glut“. Unter diesem Künstlernamen ist er als Musiker in ganz Deutschland unterwegs. Und hat dabei mit einer Mischung aus Liedern von der Küste und Countrymusik seinen ganz eigenen Stil entwickelt: Waterkantry.

„Ein bisschen musiziert habe ich eigentlich immer“, erzählt Jebens. Zu Hause stand – „wie sich das gehörte“ – ein Klavier, dazu kam die Gitarre: „Beatles. Nach Gehör“. Nach dem Abitur ging’s für zwei Jahre als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen nach Amerika. Bei dieser Gelegenheit habe er jede Menge richtig gute Countrymusik gehört. „Die hat mich von da an eigentlich immer weiter begleitet.“ Zugleich war zu Hause an der Elbe von früh an Segeln angesagt. „Tja, und so kam dann sozusagen das Water zur Country.“

Nach Bremen verschlagen hat es Jebens für die Umschulung zum Segelmacher. Bei Meyerdierks hat er das Handwerk gelernt und anschließend auch lange in diesem Beruf gearbeitet. Die Musik lief zunächst nur nebenher. Genau genommen war sie noch nicht einmal der Ursprung seines künstlerischen Schaffens. Dichter wollte er werden. Vor 20 Jahren hat er ein „Lesestück mit Musik“ herausgegeben – „Die Nüsse von Cendrars“, inspiriert von dem Schweizer Schriftsteller und Abenteurer Blaise Cendrars. „Damit war ich ursprünglich unterwegs.“Die Lesung allein wurde ihm aber schnell zu trocken. Also kam die Musik dazu. Wobei die Gitarre allerdings, passend zum Genre, dem Schifferklavier weichen musste.

Der Schriftstellerei verdankt er auch seinen heutigen Künstlernamen. „Jonny Glut war eine Figur in meiner ersten Geschichte“, erzählt Jebens. „Man könnte also sagen, dass ich mich selbst auf den Seiten meines Buches erfunden habe.“

Das alles ist zwei Jahrzehnte her. Heute kann Jebens auf vier CDs zurückblicken – „eine fünfte mache ich noch und dann vielleicht noch eine ’Best Off’“ – und tourt alleine oder mit seiner „Kinkenband“ durch die Lande. Auf den Ostfriesischen Inseln ist er Dauergast. Wangerooge, Spiekeroog und Langeoog gehörten in diesem Sommer zu seinen Auftrittsorten, ebenso Helgoland, die Sail oder das Festival Maritim.

Aber auch weiter südlich war Jonny Glut in den letzten Wochen präsent. In Augsburg zum Beispiel oder in Düsseldorf. Und auf der Liste der Konzertorte seiner Herbsttour finden sich Städte wie Marburg, Filderstadt, Stuttgart und Speyer. „Da ist die Resonanz fast noch besser als hier“, erzählt er. „Da hat man ein bisschen was Exotisches.“

Was die Auftrittsorte angeht, ist Jebens nicht wählerisch. „Ich habe viel im Nahkampf gearbeitet“, umschreibt er seine Auftritte in Kneipen landauf landab. Die Pavillons der Strandbäder seien da fast schon Luxus. Platz für seine „Blauen Gitarren“, gleichermaßen Werbeträger wie Markenzeichen des Musikers, sei ohnehin überall. „Von mir aus könnte es auch ein Friseurladen sein oder eine Bäckerei – Hauptsache, es ist ein öffentlicher Ort.“

Seine Musik beschreibt Jonny Glut mit „im weitesten Sinne Folk“. Wichtiger ist ihm dabei, junge und ältere Menschen gleichermaßen zu begeistern. Entsprechend gemischt sind seine Songs und Melodien. AC/DC finden sich darin genauso wieder wie Jimi Hendrix, die Beatles oder Udo Lindenberg. Versehen allerdings mit eigenen Texten. „Und natürlich habe ich auch Klassiker wie Hans Albers am Start.“

Nicht zu vergessen schließlich die Lieder aus eigener Feder, oft inspiriert von maritimer Literatur, nicht selten aber auch von Reiseerlebnissen. „Das ist ja das Schöne, wenn man viel unterwegs ist. Du kriegst von überall Assoziationen und Ideen.“

Spätestens hier schließt sich der Kreis zum Sozialarbeiter. „Wenn man die Menschen mag und ihnen zuhört, erzählen sie einem ihre Geschichten. Wie es auf der Arbeit ist, wie es früher war...“

Als „Nährstoff für seine Poesie“ bezeichnet Jebens seine Reisen. Die allerdings hätten auch ihren Preis. Für die Familie, vor allem die drei Töchter, sei es nicht immer leicht gewesen. „Das prägt das Leben. Vor allem, weil du am Wochenende oft nicht da bist.“ Im besten Fall ließ sich das eine mit dem anderen verbinden – dann wurde ein Zelt auf Spiekeroog zum sommerlichen Basislager für die ganze Familie.

Nicht immer allerdings sind Reisen notwendig. Inspirationen für seine Lieder findet Jebens auch vor der Haustür. Sein „Lied von der Steintorschänke“ verarbeitet Silvesterkrawalle auf der Sielwallkreuzung, der Straßenbahnlinie 10 hat er einen Song gewidmet, sein neuestes Lied handelt von einem Mann, der arbeitslos, aber verliebt ist. Titel: „Schöner Schiffbruch in der Vahr.“

Manchmal merke er schon sein Alter, sagt der 65-Jährige. Und räumt freimütig ein, dass es durchaus ein bisschen ruhiger zugehen könnte. Weniger Nahkampf, alles ein bisschen mehr geregelt. „Du kommst auf die Bühne, das Licht geht an...“ Vielleicht auch wieder mehr Text. Zurück zu den Wurzeln. Ringelnatz vertont, könnte er sich gut vorstellen.

Aber erstmal stehen im September der Duhner Musiksommer an und Krabbes Restaurant in Neustadt an der Ostsee. Am 23. folgt ein Auftritt im Litfass. Immerhin, der ist gleich um die Ecke, Jebens wohnt im Viertel. Dann ist Zeit für die Herbsttour, und so geht‘s weiter bis zum Jahresende. Was Jonny Glut am 30. Dezember macht? Ein Weihnachtskonzert geben. Im Café Westend auf Spiekeroog.

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