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Musiker Flo Mega spricht über seine düstere Seite

Im Gespräch mit WESER-Strand-Moderator Axel Brüggemann verrät Soulsänger Flo Mega wie ihn sein Erfolg in die Drogensucht stürzte und wie er den Weg aus der Sucht meisterte.
07.04.2018, 08:10
Lesedauer: 4 Min
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Musiker Flo Mega spricht über seine düstere Seite
Von Sara Sundermann
Musiker Flo Mega spricht über seine düstere Seite

Soulsänger Flo Mega (li.) im Gespräch mit WESER-Strand-Moderator Axel Brüggemann.

Marcel Auermann

Flo Mega über Bremens Besonderheiten

Es gibt in Bremen das Viertel. Das ist ja ein Stadtteil ähnlich wie Kreuzberg in Berlin oder die Schanze in Hamburg, auch mit den entsprechenden Altbauten. Es gibt in Köln ein vergleichbares Viertel, aber dort sieht man es an den Gebäuden nicht richtig, weil alles Siebziger-Jahre-Stil ist. In Bremen gibt es den flämischen Einfluss, den Jugendstil und Klassizismus, das alles gepaart mit psychedelischen Phasen beim Bauen in den Siebzigern und Achtzigern. Aber es hat trotzdem seinen eigenen Stil und Geist. Das Viertel ist schon ein Schmelztiegel, den man auch wahrnimmt.

Über Hauptstadt, Provinz und Karriere

Berlin ist anstrengend, wenn man nicht wirklich weiß, wer man selber ist. Und ich bin auch ein ländlicher Typ, ich mag das Schrullige. Einer meiner Professoren an der Hochschule in Bremen hat uns damals diese ganze Welt von Woody Allen und die ganze schrullige Welt der Comics und Satire erschlossen. Später war für so etwas an der Hochschule für Künste nicht mehr viel Platz, da ging es dann eher um Themen wie Produktdesign. Ich wollte aber immer eine schrulligeKarriere hinlegen und kein geleckter und gelackter Typ sein, der funktioniert.

Über musikalische Prägung in Bremen

Ich sehe mich nicht in der Nachfolge von James Last und Rudi Carrell. Ich bin der Nachfolger von niemandem, aber ich sehe mich schon in der Tradition von Günther Kahrs – Meister Propper. Seine offenen Abende für Poetry Slam und Poesie im Viertel haben mich stark geprägt.

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Über die musikalischen Anfänge in Bremen

Hip-Hop ist eine Mitmachkultur. Ich habe schon in der Schule Hip-Hop-Beats gemacht und gerappt. Wenn ich kein Schlagzeug hatte, habe ich halt echt auf Töpfen getrommelt und das gesampelt. Ernst wurde es 1994 im Schlachthof, da gab es einen Hip-Hop-Jam, und ich bin einfach raufgegangen auf die Bühne. Dort war neben den Haupt-Acts auch immer Platz für Leute, die einfach mal eben zum Mikrofon greifen wollten. Und das habe ich damals gemacht und habe einfach gerappt, ohne viel darüber nachzudenken, ob das jetzt gut ist oder schlecht. Es war ein unglaubliches High-Gefühl. Und danach bin ich nach Hause gefahren und wusste: Ich will immer wieder auf der Bühne stehen.

Über Kunst und kommerziellen Druck

Wenn man mit der Musikindustrie zusammen arbeitet, muss man sich leider arrangieren. Die Industrie hat ihre eigenen Regeln. Die Industrie möchte einen glänzenden silbernen Daimler, und ich möchte am liebsten ein Baumhaus. Mein neues Album wird beide Elemente verbinden. Man muss als Musiker manches mitspielen. Man entwickelt sich und dealt mit den Umständen. An bestimmten Punkten im Leben muss man sich klarmachen, dass man als Künstler sehr dankbar sein kann für das Privileg, Musik machen zu können.

Egal ob es jetzt ein schrulliges Stück von mir ist oder eins, wo der Manager daneben saß und ein bisschen mitbestimmt hat: Am Ende bringe ich das Stück auf die Bühne, und das ist dann nochmal ein ganz anderes Gefühl. An einem meiner neuen Stücke haben wir ewig gefeilt, und als ich es dann auf die Bühne gebracht habe, war es eine Bombe. Und in dem Moment war mir dann der Weg dorthin egal.

Über den Künstlernamen Flo Mega

In Flo Mega steckt „Omega“. Das hat zu tun mit „hinten anstellen“. Der Name Flo Mega ist in einer Zeit entstanden, als ich noch viel Hip-Hop gemacht habe. Und damals gab es eine ganze Welle von Aggro-Rap aus Berlin, aus der auch Leute wie Bushido entstanden sind. Es gab eine starke Rap-Untergrund-Szene in Berlin, die zum Teil sehr radikal war und auch vor Sachbeschädigung nicht Halt machte. Der Markt wurde mit Hip-Hop-Tapes überschwemmt.

Und es kamen diese Alpha-Jacken auf. Auf einmal gab es so etwas wie Darwinismus auch im Hip-Hop, das fand ich gruselig. Zuvor in den Neunzigern war es nicht unbedingt so, dass der böseste Rapper der beste war. Das gab es zwar auch immer, war aber nicht die Überschrift von Hip-Hop. Es gab viele Leute aus sozial schwachen Vierteln, die sich mit ihren Beats eine schöne positive Welt erschaffen haben. Ich wollte mit dem Omega zeigen: Ich stelle mich hinten an – und zeig euch mal, wie weit ich nach vorne komme.

Über Abitur und Studium

Ich habe mein Abi dreimal gemacht und beim dritten Mal bestanden – mit einem Referat über den Dickdarm. Später habe ich dann Illustration studiert an der Hochschule für Künste. Wir waren dann aber gerne nebenan bei den Jazz-Abenden der Musikstudenten, die ja dieselbe Hochschule besucht haben, und haben da zum Jazz ein Bier getrunken.

Über Sven Regener

Sven Regener, das ist der beste Mann. Er ist Regisseur, und seine Songs hören sich an wie der Aufbau eines Filmsets. Der hat richtige Kamerafahrten bei seinen Texten. Dieser Sound, diese Harmonien, das ist halt Bremen-Romanze.

Über Erfolg und Absturz

Nach dem Bundesvision-Songcontest, bei dem ich damals den zweiten Platz belegt hatte, gab es großen Erfolg, aber auch großen Druck. Ich habe nach diesem Vize-Sieg vorgegeben, sehr geerdet zu bleiben und habe nicht gemerkt, wie sehr ich doch abhebe. Ich kam nach Bremen zurück und habe im Viertel gelebt. Und ich habe gemerkt, wer mich mag und wer mich nicht mag. Die Anonymität geht ein Stück weit verloren. Das war für mich nicht einfach.

Ich habe mich dann einfach betäubt und habe nach Touren ewig gefeiert im Viertel. Es war sehr schlimm. Damals habe ich meine Frau verloren und erlebt, wie es ist, wenn man aus dieser Höhe fällt. Die Zeit nach der Trennung war hart, aber irgendwann hatte ich Abstand und habe den Schmerz nicht mehr gefühlt. Ich konnte irgendwann mit allem wieder mit Leichtigkeit umgehen und konnte diese Zeit dann auch in Texten verarbeiten.

Über die Breminale

Wenn eine Stadt so etwas hat wie das Viertel, dann braucht sie auch so etwas wie eine Breminale. So ein Festival wird häufig als zotteliger Hippie-Quatsch abgestempelt. Dabei steht Bremen für Freigeist, und ein Festival wie die Breminale ist auch ein Ort für kulturelles Bewusstsein und etwas, worauf eine Stadt wie Bremen total stolz sein kann. Ich wüsste nicht, was an die Stelle dieser wirklich einzigartigen Breminale treten könnte.

Den kompletten Talk sehen Sie hier:

Wie entsteht eine Ausgabe des WESER-Strandes? Welche Vorbereitungen sind notwendig? Wie bereitet sich das Team auf die Show vor? Einen Blick hinter die Kulissen der Talkreihe des WESER-KURIER gewährt dieses Video:

+++ Zuletzt aktualisiert am 7. April um 21.05 +++

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