Bremerhaven Mutmaßlicher Brandstifter in U-Haft

Nach zahlreichen Bränden in Bremerhaven hat die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen einen 15-jährigen Jungen aus Bremerhaven erlassen. Entwarnung will die Polizei allerdings noch nicht geben.
03.08.2017, 17:20
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Mutmaßlicher Brandstifter in U-Haft
Von Kristin Hermann

Der Jugendliche sitzt seit Mittwoch in Untersuchungshaft, wie die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilte. Er wird dringend verdächtigt, den Brand am 10. April in Bremerhaven-Lehe sowie vier weitere Feuer im Zeitraum von März bis Juli 2017 gelegt zu haben. Bei dem Brand im April waren 13 Menschen zum Teil schwer verletzt worden, darunter auch sieben Kinder.

Die Aussagen des Beschuldigten werden nach Angaben der Staatsanwaltschaft derzeit mit den Erkenntnissen zu den einzelnen Brandgeschehen abgeglichen. Die Auswertung der gesicherten Spuren an den Brandorten dauere noch an. Mit weiteren Angaben zu dem Verdächtigen hielt sich die Staatsanwaltschaft aufgrund des Alters des Jungen zurück. Vorbestraft sei der 15-Jährige nicht.

Auffällig viele Brände in Kleingartengebieten

Entwarnung will die Bremerhavener Polizei nach der Festnahme allerdings noch nicht geben. Am späten Mittwochabend brannte wieder eine Gartenlaube und auch zu Beginn der Woche mussten Polizei und Feuerwehr zu mehreren Einsätzen ausrücken.

Die Brände, für die der 15-Jährige beschuldigt wird, stellen nur einen kleinen Teil der vielen Feuer dar, mit denen die Feuerwehr seit Beginn des Jahres zu kämpfen hat. Bis Ende Juli wurden in Bremerhaven insgesamt 129 Brände statistisch erfasst. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 75 Fälle.

Darunter fallen jene Einsätze, an denen auch die Polizei beteiligt war. Allein im Juli hat es in der Stadt 31 Mal gebrannt. Auffällig viele Brände gibt es nach Angaben der Polizei seit April in verschiedenen Kleingartengebieten. Dort hat es bis Ende Juli 23 Mal gebrannt.

Viele Brände im Norden der Stadt

Zwar gibt es Feuer im gesamten Stadtgebiet, doch die Mehrzahl der Brände ereignete sich im Norden der Stadt, wozu auch der Stadtteil Lehe gehört. Allein im Ortsteil Goethestraße mussten Polizei und Feuerwehr zu 19 Feuern ausrücken. Hier geht es zum Teil um Immobilien, die schon im Zusammenhang mit dem Sozialbetrugsverdacht rund um die „Agentur für Beschäftigung und Integration“ des ehemaligen SPD-Abgeordneten Patrick Öztürk und dessen Vater aufgefallen sind.

Für einige der Brände machen die Experten ein Müllproblem in sogenannten Schrottimmobilien verantwortlich. In vielen Fällen geht die Polizei jedoch von vorsätzlicher Brandlegung aus. Dies betreffe vor allem Brände in Mehrfamilienhäusern, Gartenlauben und von Autos.

Wie schwer es ist, die Ursachen für die vielen Feuer zu ermitteln, bestätigt die Bremerhavener Staatsanwaltschaft. „Oft verbrennen eben auch Spuren, die auf die Brandursache und einen möglichen Brandstifter schließen lassen“, sagt Sprecher Oliver Constien.

Es ist von weiteren Tätern auszugehen

Die Polizei hat deshalb eine Sonderkommission eingerichtet, in der zivile und uniformierte Kräfte die erforderlichen Schritte koordinieren und umsetzen. Unterstützt wird die Polizei bei ihren Ermittlungen durch externe Brandsachverständige und durch die Feuerwehr Bremerhaven.

„Leider müssen wir davon ausgehen, dass es weitere Täter gibt und es zu weiteren Bränden kommen kann“, heißt es in einer Mitteilung der Polizei. In einigen Teilen der Bevölkerung wird immer wieder der Verdacht geäußert, es handele sich gerade bei den Parzellenbränden um einen „warmen Abbruch“ zur Gewinnung städtischen Baulandes, so die Polizei.

„Das ist jedoch absurd“, sagt Sprecher Frank Schmidt. Unabhängig von den Ermittlungen zu weiteren Brandstiftern sieht die Linksfraktion den Bremerhavener Magistrat und den Bremer Senat in der Pflicht, die Brandschutzprävention zu stärken. Lehe gehört zu den ärmsten Stadtteilen in ganz Deutschland.

Etwas mehr als 100 Problemimmobilien

Hier wohnen besonders viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien, die zum Teil in überbelegten Wohnungen hausen. Nachdem es hier im April besonders schwer gebrannt hat, berief die Stadt eine Expertenkommission ein, die sich fortan um sogenannte Schrottimmobilien in der Stadt kümmern soll.

Vor einigen Tagen hat die Expertenkommission in Bremerhaven ihre ersten Ergebnisse präsentiert. Etwas mehr als 100 Problemimmobilien sollen in den kommenden Monaten von den Behörden überprüft werden. Die Linksfraktion fordert von der Expertengruppe, stärker gegen Vermieter von Schrottimmobilien vorzugehen und mehr für den Brandschutz zu tun.

Bremer Senat in der Pflicht

„Zwielichtige Vermieter, die Arbeitsmigranten aus Bulgarien unterbringen, sind gut vernetzt“, sagt der Bremerhavener Abgeordnete Nelson Janßen. „Nach meiner Einschätzung macht dieses Netzwerk auch nach den Ermittlungen gegen die Öztürk-Vereine relativ unbeeindruckt weiter.“ Leidtragende seien die Bewohner der teils unbewohnbaren Immobilien.

Die Fraktion sieht auch den Bremer Senat in der Pflicht: „Wir haben in der Bürgerschaft beantragt, dass eine ressortübergreifende Sonderkommission Brandschutz eingerichtet werden soll“, sagt Claudia Bernhard, wohnungspolitische Sprecherin bei den Linken.

Die Bremerhavener Polizei bittet um Hinweise, die bei der Bekämpfung der Branddelikte hilfreich sind, unter Telefon 0471 953 44 44.

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