Prozess am Bremer Amtsgericht Mutter misshandelt

Mit einer Wassertemperatur von bis zu 60 Grad hat ein 55-Jähriger seine demente Mutter viel zu heiß geduscht. Sie erlitt Verbrühungen. Von einem Vorsatz geht das Amtsgericht Bremen aber nicht aus.
04.03.2020, 19:28
Lesedauer: 3 Min
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Mutter misshandelt
Von Björn Struß

Weil er seine Mutter gewaltsam unter die Dusche zerrte und sie dort mit viel zu heißem Wasser verbrühte, muss sich ein 55-Jähriger vor dem Bremer Amtsgericht verantworten. Das Wasser soll bis zu 60 Grad gehabt haben. Die demente Seniorin soll vor Schmerz geschrien haben. Die Richterin machte aber deutlich, dass sie von keiner vorsätzlichen Tat ausgeht. Auch der Beckenbruch, der zwei Tage nach der Tat zum Tod der Mutter führte, ist nicht Teil der Anklage.

Das 74-Jährige Opfer lebte in einer Wohnung mit dem Sohn und dessen Lebenspartnerin. Auch die muss sich verantworten, weil sie weder Hilfe leistete, noch einen Arzt alarmierte. Laut Anklage ist die pflegebedürftige Frau in der Dusche gestürzt oder von einem Hocker gerutscht. So kam es offenbar zu einem Beckenbruch, der innere Blutungen verursachte, die letztlich zum Tod führten.

Der 55-Jährige Angeklagte ist gelernter Maler, arbeitete zuletzt aber auch in einem Altersheim. Vor Gericht kam ihm kein Wort über die Lippen. Auf die Aussagen der übrigen Beteiligten reagierte er so gut wie gar nicht. Der Staatsanwalt beschrieb seine Tat als „rohe Misshandlung“ einer Schutzbefohlenen und erhob zunächst den Vorwurf der schweren Körperverletzung. Vom Beckenbruch war in seiner Anklageschrift keine Rede.

Diese Entscheidung der Staatsanwaltschaft fußt auf dem Befund des Rechtsmediziners. „Die Verbrühungen sind nur ein Nebenbefund, denn die Todesursache war eine Beckenfraktur“, erklärte der Facharzt vor Gericht. Dieser Bruch sei zum Todeszeitpunkt noch nicht alt gewesen, habe keinesfalls tagelang zurückgelegen. „Ursache ist meist ein Sturz aus einer gewissen Höhe“, erläuterte der Mediziner. Dennoch hielt er es für möglich, dass auch ein Sturz in der Dusche zu der Fraktur geführt haben könne. Auch zwei festgestellte Rippenbrüche passten zu den Schilderungen der Staatsanwaltschaft.

Der Mediziner erklärte, dass eine Beckenfraktur – anders als etwa ein Armbruch – von außen nicht zu erkennen sei. Nur durch Schmerzen oder Einschränkungen bei der Beweglichkeit könne ein Laie erkennen, dass das Becken gebrochen ist. „Im Sitzen oder Liegen gibt es im Extremfall keine Schmerzen“, sagte der Mediziner.

Beckenbruch blieb unbemerkt

Deshalb hielt er es für möglich, dass der Beckenbruch der Seniorin unbemerkt blieb. Und noch etwas stellte der Rechtsmediziner klar: Auch eine sofortige Alarmierung des Rettungsdienstes hätte das Überleben der Frau keinesfalls gesichert. „Eine mögliche Operation wäre mit dem Risiko eines weiteren Blutverlustes verbunden gewesen“, betonte er.

In einer Prozesspause kamen die Richterin, der Staatsanwalt, Strafverteidiger und Strafverteidigerin zu einer neuen juristischen Einschätzung. „Wir können nicht von einem Vorsatz ausgehen“, erklärte die Richterin. Damit entlastete sie den Angeklagten schon vor dem eigentlichen Urteil entscheidend. Die Staatsanwaltschaft ist laut Richterin vom Vorwurf der schweren Körperverletzung abgerückt, nun ginge es nur noch um fahrlässige Körperverletzung.

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Über Wochen nicht gewaschen

Wie kam es zu diesem Sinneswandel? Die Aussagen der angeklagten damaligen Lebenspartnerin machten deutlich, dass die Seniorin anscheinend über Wochen nicht gewaschen worden war. Sie soll nach Urin und Kot gerochen haben. „Man kann nicht sagen, dass der Angeklagte einem bewusst böswilligen Vorsatz folgte“, sagte die Richterin. Vielmehr habe seine „emotionale Verfasstheit“ zu der folgenschweren Tat geführt. Gleichzeitig erklärte sie aber auch, dass die Staatsanwaltschaft eine neue Anklage vorbereiten würde, weil auch der Sohn keine ärztliche Hilfe holte. „Da reicht es nicht, einen Verband zu machen“, mahnte die Richterin. Der Angeklagte hatte die Hand seiner Mutter mit einer Salbe notdürftig versorgt.

Die neue juristische Lage sorgte dafür, dass die Beteiligten einen neuen Verhandlungstag am Dienstag, 10. März, vereinbarten. An diesem Tag ist dann auch das Urteil zu erwarten. Bis dahin wird sich auch die ehemalige Lebenspartnerin noch einmal neu sortieren müssen. Sie hatte sich vor Gericht deutlich anders geäußert, als in Vernehmungen bei der Polizei. Fraglich ist, ob sie das viel zu heiße Duschen unmittelbar mit angesehen hat.

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