Bastian Lüken begann sein zweites Leben mit sieben Jahren bei Pflegeeltern – und steuert jetzt aufs Abi zu

Mutter, Vater, Pflegekind

„Ich kam am 29. Januar 2005, und mein erstes Gefühl war Erleichterung.
24.08.2015, 00:00
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Von Annica Müllenberg

Das Team von „Pflegekinder in Bremen“ (PiB) bringt Menschen zusammen: Kinder, deren Eltern sich nicht alleine um sie kümmern können, Pflegeeltern, die sich untereinander austauschen möchten, und leibliche Mütter und Väter. In einigen Fällen verästelt sich der Familienstammbaum dadurch unerwartet. Für ein Osterholzer Paar kam das Glück ins Haus, als es vor zehn Jahren seinem Pflegekind Bastian half, einen neuen Lebensweg zu finden – einen Weg, den sie noch immer gemeinsam gehen.

Bastian Lüken öffnet die Tür und bittet herein. Ein Junge in kurzen Hosen, T-Shirt und mit wachen Augen hinter der Brille führt ganz selbstverständlich durch das Haus in sein Jugendzimmer. Es geht vorbei an einer nicht enden wollenden Fotogalerie. „Das bin ich bei meinem ersten Werder-Spiel“, erzählt er im Vorbeigehen. Ein Kind mit grün-weißer Raute auf der Wange lacht herzlich.

Bastian holt Gläser aus der Küche und bietet etwas zu trinken an. Der 17-Jährige wohnt in dem hübschen Reihenhäuschen – sein Zuhause ist es erst seit zehn Jahren. Am Klingelschild stehen zwei Namen: Lüken und Haar. Johann und Brigitte nennt er seine Eltern, die Mutter und Vater sind – und doch wieder nicht. Bastian kam als Pflegekind von Bremen-Nord nach Osterholz. Was die Haars über den damals Siebenjährigen wussten, stand in Akten, medizinischen Gutachten und Papieren. Die Rede war von einem sonderpädagogischen Pflegefall, einer geistigen Behinderung.

Beim ersten Treffen schlug der Junge seinen Kopf absichtlich gegen die Wand – an ein unbeschwertes Kennenlernen war nicht zu denken. Zu schwer wog das Lebenspäcken, das Bastian schon auf den Schultern trug. Trotzdem sprang der Funke über. „Nachdem wir zwei eigene und ein Pflegekind aufgezogen hatten, wollten wir eigentlich nicht mehr. Aber dann wurden wir von PiB gefragt, lernten Bastian kennen und hatten schnell einen Draht zueinander“, sagt Johann Haar. Da stand ein Kind, dessen Welt in dem kurzen Leben nie heil gewesen war, und musste seine Bezugspersonen zurücklassen. Dieser Gedanke ließ die Haars plötzlich erneut Eltern werden.

An den Tag, als sein Leben zusammenfiel, erinnert sich Bastian noch gut. Es klingelt an der Tür, der Junge öffnet und steht Polizeibeamten gegenüber. „Ich fühlte mich schuldig, weil ich aufgemacht hatte. Ich musste dann schnell ein paar Sachen zusammensuchen, und sie haben mich mitgenommen. Es hat sich angefühlt, als hätte ich etwas Schlimmes gemacht. Ich weiß noch genau, wie mein Vater dastand“, sagt der Teenager. Begriffen hat er damals nicht, warum er plötzlich gehen musste.

Wenn Bastian über die Probleme im ersten Elternhaus spricht, hört sich das so an: „Meine Eltern haben viel gestritten. Ich stand hilflos dazwischen und wurde nicht beachtet. Mit meiner Mutter habe ich immer mal wieder woanders gewohnt.“ Aus dem Mund von Monika Krumbholz, Geschäftsführerin von PiB, hört es sich anders an, sie spricht von Gewaltbereitschaft und Verwahrlosung, wenn es um Bastians Fall geht. „Von einem normalen Alltag konnte keine Rede sein. Weder gab es geregelte Mahlzeiten noch Spielzeug. Er war nur auf den Fernseher und den Computer fixiert“, erinnert sich Krumbholz.

Ein gedeckter Frühstückstisch? Weihnachtsbaum mit Geschenken? Ein Kuchen mit Kerzen zum Geburtstag? All das bezeichnet Bastian im Rückblick als Neuland. „Er kannte viele Lebensmittel nicht, hat sich fast ausschließlich von Joghurt ernährt“, fällt Brigitte Haar ein, wenn sie zurückdenkt. „Einmal habe ich sogar Trockenfutter gegessen, weil ich nicht wusste, dass es für Hunde ist“, erzählt Bastian und lacht munter auf. Die Haars nicken schweigend.

Die Erinnerungen an Erlebnisse im ersten Elternhaus verschwimmen bisweilen, den Neustart bei den Haars hat Bastian deutlich vor Augen: „Ich kam am 29. Januar 2005, und mein erstes Gefühl war Erleichterung.“ In dem kleinen Reihenhaus begann das Leben noch einmal – wie nach Betätigung der Löschtaste. Die Haars atmeten tief durch, schlugen die Akte zu, in der Bastian als sonderpädagogischer Fall beschrieben wurde, und legten Strukturen fest. „Wir dachten, es wäre schön, wenn er die Hauptschule schafft“, sagt Johann Haar. Sie ahnten nicht, wie viel Power in dem Jungen steckt.

Ab September besucht Bastian die Oberstufe der Gesamtschule Bremen-Ost und wird dort das Abitur ablegen. „Im Vergleich zum ersten Pflegekind, das eine Behinderung hat, merkte ich, dass Bastian so viel aufgeweckter war“, erzählt Brigitte Haar, und erkennt Potenzial. Gespräche mit Lehrern und anderen Pflegeeltern halfen, um die richtige Förderung zu finden – Bastian stieg vom Sonderschüler zum angehenden Abiturienten auf, spielt erfolgreich Theater, will Game-Entwickler werden, hat jüngst seinen Führerschein bestanden, ist ein äußerst beliebter Schüler und hat eine große Familie bekommen. Heute sagt er: „Meine Eltern sind mein leiblicher Vater und meine Mutter. Meine Familie sind Brigitte, Johann und ihre Kinder. Dort bin ich aufgewachsen.“

Für die Haars war es ebenfalls eine unerwartete Wende. An eine Familie mit vier Kindern war bis vor zehn Jahren nicht zu denken. „Ich wollte nach der Geburt unserer Kinder zu Hause bleiben. Und wir haben entschieden, dass wir dann noch Kinder in Kurzzeitpflege nehmen“, erzählt die gelernte Erzieherin. Seit 2002 vermittelt PiB Kinder an Familien, die sich wie die Haars bereit erklären, ihr Zuhause zu öffnen. Zurzeit leben in 460 Pflegefamilien 600 Kinder und Jugendliche. Jährlich werden bis zu 80 neue Pflegeverhältnisse gegründet.

Nicht immer reichen die Plätze aus. „Wir sind ständig auf der Suche. Geeignet sind natürlich alle Menschen, die gerne mit Kindern leben möchten und auch schwierige Herausforderungen dabei annehmen können. Sie sollten ein Führungszeugnis ohne Eintrag haben und an keiner psychischen oder chronischen Erkrankung leiden. Wir bieten Qualifizierungen und Treffen für die Pflegeeltern an, damit diese gut begleitet werden“, erklärt Monika Krumbholz Oft kommen die Kinder aus zerrütteten Familien oder von kranken Eltern – kein leichtes Päckchen für die Helfer„Wir haben uns von PiB gut betreut gefühlt, hatten Kontakt zu anderen Pflegeeltern und immer einen Ansprechpartner, das hat uns sehr geholfen“, resümiert Johann Haar, „für uns sind die Pflegekinder ein Gewinn.“

Für eine unbelastete Beziehung zu Bastian war den Haars ein Baustein besonders wichtig: Offenheit. „Wir haben ihm immer gesagt, woher er kommt und wer seine Eltern sind.“ Wo immer Bastian hinkam, stellte er sich mit den Worten vor: „Ich bin ein Pflegekind.“ Es sei für ihn etwas Besonderes gewesen, Pflegeeltern zu haben, „das hat nicht jeder“, erzählt der Siebzehnjährige mit einem Funken Stolz. Kontakt zu seinen leiblichen Eltern hat Bastian regelmäßig. Er durfte selbst entscheiden, wie oft und wie eng dieser sein sollte. Zum Vater hat sich ein einigermaßen normales Verhältnis entwickelt. „Wir sehen uns ab und zu. An Verabredungen hat er sich stets gehalten. Er war sogar bei einer meiner Theateraufführungen im Publikum.“

Aus dem Jungen, der sich einst gottverlassen fühlte, ist ein reicher Teenager geworden. Reich an Erfahrung, Wissen und an sozialen Kontakten. „Er gehört mit zu uns“, Brigitte Haar sieht zu der Fotowand, von der viele junge Gesichter schauen. Die Haars sind mittlerweile Großeltern und Bastian ein fabelhafter Spielkamerad. Seine eigenen Gedanken in puncto Familie sind noch nicht so klar. „Ich würde aber nicht ausschließen, dass ich auch Pflegekinder aufnehme.“

Infos zum Thema Pflegeeltern gibt es bei PiB – Pflegekinder in Bremen gGmbH, Bahnhofstraße 28-31, im Internet unter www.PiB-bremen.de sowie telefonisch unter 9588200.

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Bastian im Treppenhaus vor den vielen Familienfotos, die ihn und seine Pflegefamilie in unterschiedlichen Phasen zeigen.

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Bastian Lüken (von links) an seinem Schreibtisch mit seinen Pflegeeltern Johann und Brigitte Haar in Osterholz, zu denen er vor zehn Jahren als siebenjähriges Pflegekind kam. Bastian wechselt zum neuen Schuljahr an die Oberstufe der GSO. FOTOS: PETRA STUBBE

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