Proteste und Demonstrationen Wie ein Bremer Myanmar nach dem Militärputsch erlebt

In Myanmar ist Mikis Weber ein gefeierter Popstar. Mit dem WESER-KURIER hat der gebürtige Bremer über die Proteste und Unruhen im Land nach dem Militärputsch im Februar gesprochen.
14.03.2021, 23:08
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Wie ein Bremer Myanmar nach dem Militärputsch erlebt
Von Jan-Felix Jasch

Man sieht nur die Zimmerdecke, weiß gestrichen mit einer kahlen Halogen- Leuchte. Dann kommt Mikis Weber ins Bild, unscharf, verwackelt. Es dauert, bis die Verbindung sich bessert. „Warte mal kurz“, raunt Weber. „Wir müssen kurz ruhig sein.“ Die Militärs laufen durch die Straßen und schießen auf Menschen an Fenstern und Balkonen, berichtet er. Wahllos dringen sie in Wohnungen ein und verhaften Menschen. Weber lebt seit fünf Jahren im südostasiatischen Myanmar, in Yangon, der größten Stadt des Landes. In dem Land ist der 28-Jährige ein Star. Er macht Musik in der Landessprache, ist Bestandteil der Klatschblätter des Landes, er modelt und schauspielert. Seit sechs Wochen erlebt er das Land nach dem Putsch hautnah.

In Myanmar herrscht seit einem Monat Ausnahmezustand. Im Februar hatte sich das traditionell starke Militär an die Macht geputscht. Staatsoberhaupt und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wurde mit 40 weiteren Vertretern der Regierung festgenommen. Zwei Tage später wurde bekannt, dass Suu Kyi wegen Hochverrats angeklagt werden soll. Nach dem Putsch kam es in weiten Teilen des Landes zu Protesten. Außerdem gibt es Akte zivilen Ungehorsams.

Weber berichtet, dass er gerade noch seine Nachbarn bei sich zu Hause versteckt habe. Militär und Polizei gingen mit „absoluter Brutalität“ vor. „Pure Einschüchterung“, vermutet Weber. Während des Gesprächs mit dem WESER-KURIER wird er immer wieder von Freunden und Bekannten angerufen, die ihm aus anderen Teilen der Stadt und des Landes berichten. „In den vergangenen Tagen ist die Situation wirklich noch mal eskaliert“, beschreibt er. Der Grund: Am Montag war ein Ultimatum abgelaufen. Alle Beschäftigten des Staates sollten wieder zur Arbeit gehen, passiert ist das nicht.

„Während der Nacht wurde ununterbrochen geschossen“, erzählt Weber. Er vermutet, dass die Militärs die Demonstrierenden ermüden wollen. So solle verhindert werden, dass die Menschen wieder auf die Straße gehen. „Langsam merken die Militärs, dass sie im Unrecht sind“, sagt Weber. Dadurch habe der Psychoterror noch zugenommen. Der Strom fällt immer wieder aus. Das Internet werde nachts regelmäßig abgestellt. Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter können nur noch mit VPN-Verbindungen genutzt werden. „Damit die Menschen nicht live streamen können“, glaubt Weber.

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Soldaten und Polizisten überfallen und besetzen Krankenhäuser, um einen Schlafplatz zu haben; um etwas Essbares zu finden. Selbst aus Restaurants werden Einnahmen und Nahrung gestohlen. „Es herrscht absolute Anarchie.“ Es gibt Berichte über Scharfschützen. In sozialen Netzwerken veröffentlichte Fotos zeigen blutüberströmte Leichen. Auch Weber sagt: „Die meisten Toten auf den Straßen wurden durch Kopfschüsse hingerichtet.“ Davon gebe es auch Videos. Ohnehin werde sehr viel gefilmt, was Polizei und Militär aber nicht von Gräueltaten abhalte. „Menschen werden verprügelt, Polizisten schießen auf Ampeln, auf Autos.“ Webers Schilderungen erinnern an einen randalierenden Mob.

Die Demonstranten hingegen seien friedlich. Es gibt aber auch andere Bilder. Bilder, die Steine werfende Menschen zeigen. Laut Weber sei das ein Mittel der Selbstverteidigung. „Bewaffnung ist die letzte Instanz“, sagt er. Auch die gerufenen Parolen seien den Polizisten und Soldaten gegenüber nicht feindselig. Bei nächtlichen Schüssen riefen die Menschen „Happy New Year“. Weber beschreibt einen Tag, an dem Autofahrer in Yangon ihr Fahrzeuge mit aufgeklappter Motorhaube stehen ließen, um Polizei und Militär zu blockieren. „Zufällig hatten alle gleichzeitig Pannen.“ Am folgenden Tag seien die Menschen in Schrittgeschwindigkeit gefahren, am dritten trugen sie angeschnittene Zwiebelsäcke, die natürlich immer wieder gefüllt werden mussten. „Selbst in dieser Krise haben sich die Burmesen ihren Humor bewahrt“, sagt er mit einem Lächeln. Und es zeigt, wie organisiert und vernetzt die Burmesen sind. Einer der Hashtags der Bewegung lautet: „You messed with the wrong generation“ – Ihr habt Euch mit der falschen Generation angelegt. Weil sie vernetzt und organisiert ist.

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Trotz Appellen aus aller Welt schlägt das Militär die Proteste weiter brutal nieder. Der UN-Sicherheitsrat hat die Gewalt scharf verurteilt. Alle Festgenommenen müssten sofort wieder freigelassen werden, verlangte das Gremium am Mittwoch. Das Militär forderte der Rat zur „äußersten Zurückhaltung“ auf. Die Situation werde weiter genau beobachtet, kündigten die 15 Mitglieder an.

Mittlerweile hat die Militärjunta den zwielichtigen Kommunikationsexperten Ari Ben-Menashe engagiert, der bereits den umstrittenen afrikanischen Herrscher Robert Mugabe beraten hat. Ihm zufolge wollen sich die Militärchefs baldmöglichst aus der Politik zurückziehen. Sie wollen die Beziehungen zu den USA verbessern und sich von China distanzieren. Weber glaubt nicht, dass die Taktik aufgeht. Zu stark seien die chinesischen Interessen im Land. „Myanmar gehört praktisch China.“ Derweil trauert das Land um seine Toten. Wie viele seit dem Putsch umgekommen sind, ist noch unklar. Die Rede ist von mindestens 90, wahrscheinlich ist ihre Zahl aber noch weit höher. Die Demokratiebewegung will trotz aller Gefahren weitermachen.

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Und auch Weber will nicht aufhören oder das Land verlassen. „Ich will meine Reichweite nutzen, um den Menschen zu helfen.“ Angst hat er nicht. Noch nicht. Seine Familie macht sich trotzdem Sorgen. Im September läuft Webers Visum ab, dann will er nach Deutschland kommen und abwarten, wie sich die Situation weiter entwickelt. Aber Weber sorgt sich um seine Partnerin, um seine Freunde, um die Menschen im Land. „Im Moment kommen jeden Tag neue Hiobsbotschaften herein, aber auch Hoffnungsbotschaften.“ Hoffnung, die hat er. Vielleicht auf Hilfe der UN, vielleicht auf ein Machtwort vom Verband Südostasiatischer Nationen, der Asean. So gehe es auch den Burmesen. Sie hoffen auf Hilfe. Von irgendwem.

Info

Zur Sache

Myanmar, früher Burma, ist ein südostasiatisches Land mit Grenzen zu Indien, Bangladesch, China, Laos und Thailand. Mit 677.000 Quadratkilometern ist es beinahe doppelt so groß wie Deutschland. Von 1962 bis 2011 wurde Myanmar von einer Militärjunta regiert, war politisch und wirtschaftlich weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. 2011 öffnete sich das Land. Seither erlebt es einen rapiden Wandel: vom geschlossenen zum liberalen Wirtschaftssystem, von Diktatur zu Demokratie. Nun der erneute Militärputsch.

Mehr als 140 Ethnien leben in Myanmar. Der Wunsch nach Unabhängigkeit vieler Minderheiten sorgt für andauernde politische Konflikte. Seit Jahrzehnten wird die muslimische Bevölkerungsgruppe der Rohingya diskriminiert und unterdrückt.

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