Baumärkte unter Druck

Nach dem Höhenflug

„Mir konnte kein Politiker überzeugend erklären, warum wir nicht mehr systemrelevant sind“, sagt Jan-Mark Weitz. Er ist Geschäftsführer der BBM Baumärkte und hat uns erzählt, wie schwer es die Branche hat.
05.05.2021, 19:26
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Nach dem Höhenflug
Von Marc Hagedorn
Nach dem Höhenflug

Gartencenter sind etwas anderes als Baumärkte, sagt die Politik, deshalb werden sie unterschiedlich behandelt. Das kann die Branche nicht nachvollziehen.

Sebastian Gollnow

Jan-Mark Weitz hat sich in den vergangenen Monaten eine neue Routine angewöhnt. „Morgens nach dem Aufstehen geht mein erster Blick jetzt immer auf die Inzidenzzahlen“, sagt Weitz, „und abends, bevor ich den Rechner runterfahre, schaue ich auch noch einmal drauf.“ Weitz ist Geschäftsführer der BBM Baumärkte. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Ganderkesee betreibt acht Baumärkte in sechs Landkreisen in Norddeutschland. Und das heißt für Weitz jeden Tag aufs Neue: „Was dürfen wir eigentlich an welchem Standort gerade machen?“

Eigentlich sollte die Bundesnotbremse dafür sorgen, dass sich Manager wie Weitz diese Frage nicht mehr stellen müssen. Eigentlich gibt es klare Regeln: durchgehende Öffnung der Betriebe bei Inzidenzwerten unter 100. Der Einkauf mit aktuellem Test und Termin, das sogenannte Click&Meet, bei einer Inzidenz bis 150. Und das kontaktlose Abholen zuvor bestellter Ware nach dem Click&Collect-Prinzip ab einer Inzidenz von über 150.

Weitz muss schmunzeln, wenn man ihn auf diese Vorgaben anspricht. „Wenn es doch so einfach wäre“, sagt er. „Fakt ist: Wir haben für fast jeden Standort eine andere Regelung. Und das Hauptproblem dabei ist: Der Kunde kann das überhaupt nicht mehr überblicken.“

Das Umsatzplus ist aufgezehrt

Im vergangenen Jahr gab es diese Probleme nicht. Auch wenn es Weitz nicht leicht über die Lippen geht, sagt er: „2020 war ein Superjahr für uns, und wenn man unbedingt will, kann man uns auch als Gewinner der Pandemie bezeichnen. Aber das Umsatzplus ist lange aufgezehrt.“ Oder, um im Bild zu bleiben: „Jetzt zählen auch wir zu den Verlierern.“

Lesen Sie auch

Tatsächlich hat die Branche im zweiten Lockdown deutliche Verluste gemacht. Um 50 Prozent ist das Geschäft im ersten Quartal 2021 laut Handelsverband Heimwerken, Bauen, Garten (BHB) eingebrochen. Kein Wunder: Bis Mitte Februar waren Baumärkte, im Unterschied zum ersten Lockdown nun nicht mehr als systemrelevant eingestuft, geschlossen. Danach durften erst Gartencenter und später auch die Baumärkte unter Auflagen wieder öffnen. Eine Entwicklung, die bis heute für Kopfschütteln bei den Branchenvertretern sorgt. „Mir konnte bisher kein Politiker überzeugend erklären, warum wir plötzlich nicht mehr systemrelevant sind“, sagt Weitz.

Auch die Unterscheidung zwischen Gartencenter und Baumarkt erschließt sich nicht jedem. „Baumärkte und Gartencenter sind die sichersten Einkaufsorte angesichts ihrer Größe, Raumkubatur und Infrastruktur“, sagt BHB-Chef Peter Wüst, „Aerosole ziehen sofort nach oben ab, zudem gibt es kaum Begegnungen. Unsere Handelsbetriebe gehören zu den sichersten im Einzelhandel und spielen für das Infektionsgeschehen nachweislich keinerlei Rolle.“ Eine Rückkehr zur Regelung aus dem Vorjahr würde einiges leichter machen, wie der Handelsverband schreibt, für den „verunsicherten Bürger“, aber auch für die Unternehmen selbst.

BBM-Geschäftsführer Weitz erzählt von der Situation im Landkreis Diepholz. BBM betreibt dort zwei Märkte, einen in Syke, einen in Bassum. Im Landkreis Diepholz greift nun seit Mittwoch die Bundesnotbremse. Ein Corona-Ausbruch in einem Spargelbetrieb im Süden des Landkreises hat die Inzidenzzahlen in die Höhe schnellen lassen. „Ein klar eingrenzbarer Ausbruchsort“, sagt Weitz, über 30 Kilometer von Bassum und über 40 Kilometer von Syke entfernt. Weit genug, findet Weitz. Trotzdem gelten für den Baumarktbereich im Unterschied zum Gartenbereich jetzt schärfere Regeln. Dem Landkreis mache er keinen Vorwurf, sagt Weitz, „es ist das Bundesgesetz, das uns einen Strich durch die Rechnung macht, weil es automatisch ab einem bestimmten Inzidenzwert greift. Dieser Automatismus ist nicht gut.“

Stichwort Inzidenzwert, er eignet sich für den Kunden nur bedingt, um sich zu orientieren, worauf er gerade achten muss. Im Landkreis Oldenburg zum Beispiel liegt der Wert zwar bei 90,9, also unter der entscheidenden Grenze von 100. Uneingeschränkt geöffnet hat der Baumarkt von BBM in Ganderkesee deshalb aber trotzdem nicht - im Unterschied zum Gartenbereich. Noch gilt im Landkreis die Notbremse, frühestens am Montag könnte sie enden, sollte die Inzidenz bis Sonnabend konstant unter 100 bleiben.

Solange heißt es für den Baumarkt: Zutritt für Privatkunden nur mit bescheinigtem negativen Test, der auch vor Ort zum Selbstkostenpreis gemacht werden kann. Click&Collect, also bestellen und abholen, ist ebenfalls möglich und damit ein Szenario denkbar, das Weitz so schon erlebt hat. „Der Kunde erledigt seinen Garteneinkauf ganz normal und zahlt an der Kasse. Dann sagt er, dass er gern auch Schrauben aus dem Baumarkt hätte, die ihm dann draußen übergeben werden. Das ist doch absurd.“

Vor einem Jahr machte ein Wort Karriere, das „Baumarkttourismus“ hieß. Zu Beginn der Pandemie hatten die Baumärkte in Niedersachsen damals geschlossen, in Bremen dagegen waren sie geöffnet. Die Folge: Tausende Niedersachsen fuhren zum Einkaufen ins benachbarte Bremen.

Lesen Sie auch

Dort kam es zu Menschenansammlungen, es bildeten sich lange Schlangen vor den Märkten. Um diese „unerwünschten Wanderungsbewegungen“, wie es damals hieß, zu beenden, änderte die Niedersächsische Landesregierung ihre Strategie, fortan durften auch die Baumärkte in Niedersachsen offen sein.

Kein „Baumarkttourismus“ diesmal

Aktuell könnte man vermuten, dass es wieder einen „Baumarkttourismus“ gibt, diesmal nur umgekehrt, denn zurzeit sind die Baumarktbereiche in Bremens Centern für Privatkunden geschlossen, nur Handwerker und Gewerbetreibende dürfen rein, für alle anderen ist lediglich Click&Collect erlaubt. Große Wanderungsbewegungen will BBM-Chef Weitz aber nicht festgestellt haben. „Es gibt keinen Ansturm aus Bremen oder den benachbarten Landkreisen und auch keine Hamsterkäufe“, sagt er, „wir sehen es an den Umsätzen.“

Eine stichprobenartige Umfrage des WESER-KURIER bei anderen Märkten im Umland zeigt ein ähnliches Ergebnis. Auch hier kein auffälliger Zustrom aus Bremen. Das könnte auch daran liegen, dass die Gartenbereiche in Bremens Baumarkt-Centern weiterhin geöffnet sind. Eine weitere Erklärung von Weitz: „Die Situation ist so unübersichtlich, von Landkreis zu Landkreis so verschieden, dass sich viele Kunden gar nicht erst auf den Weg machen.“

Dass der Boom des Heimwerkens insgesamt zu Ende geht, dass alle Projekte abgeschlossen, alle Häuser renoviert, alle Zimmer gestrichen und alle Gärten umgestaltet sind, glaubt Weitz nicht. „Der Trend des Cocooning, wie es ja neuerdings heißt, des Rückzugs in die eigenen vier Wände, wird bleiben“, sagt Weitz, „wenn schon alle zu Hause bleiben müssen, wollen sie es wenigstens schön haben und sich beschäftigen können.“ Deshalb, findet er, hätten die Baumärkte eine wichtige Versorgungsfunktion. Und deshalb müssten sie auch uneingeschränkt geöffnet sein.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+