Werder Bremen will nationales Stadionverbot Nach dem Hooligan-Urteil hagelt es Kritik

Bremen. Michael M.* ist maßlos enttäuscht. Er ist einer der Fans, die im Januar 2007 bei einer Feier im Ostkurvensaal des Weserstadions von rechten Hooligans überfallen worden sind. Am Donnerstag hat das Amtsgericht die sieben Angeklagten zu Geldstrafen verurteilt.
30.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Mario Assmann

Bremen. Michael M.* ist maßlos enttäuscht. Er ist einer der Fans, die im Januar 2007 bei einer Feier im Ostkurvensaal des Weserstadions von rechten Hooligans überfallen worden sind. Gestern verurteilte das Amtsgericht die sieben Angeklagten zu Geldstrafen. Gegen die Schläger will Werder Bremen ein bundesweites Stadionverbot verhängen. Indes reißt die Kritik von Politikern und Fanvertretern am Prozessverlauf nicht ab.

Michael M. musste am Donnerstag nicht im Gerichtssaal aussagen. Die Angeklagten hatten gestanden, Richter Hans Ahlers verurteilte sie zu den angekündigten Geldstrafen. Die Aussagen von Michael M. und den anderen Zeugen waren damit für das Verfahren nicht mehr notwendig."Dabei hatten wir gehofft, dass der Staatsanwalt dem Deal nicht zustimmt und es zu höheren Strafen kommt." Dass nun der Druck weg ist, öffentlich vor den rechtsextremistischen Angeklagten und ihren Anhängern auszusagen, tröstet Michael M. wenig. "Wir hätten das ja auch alles auf uns genommen, um etwas zu erreichen."

Nicht nur vom Strafmaß ist Michael M. enttäuscht. Für ihn und die anderen Opfer und Zeugen gibt es viele Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass ihr Vertrauen in die Justiz gelitten hat. Einer davon ist für Beobachter, Fanvertreter und Politiker besonders schwerwiegend: Dass es mehr als vier Jahre gedauert hat, bis der Prozess begann.

Der Richter legte diesen Umstand strafmildernd für die Angeklagten aus. Dass die Zeugen jedoch den Prozessbeginn hinausgezögert haben sollen, ist für Wilko Zicht eine "Frechheit" und "offensichtlicher Unfug". "Bei allem Respekt für die unabhängige Justiz: Das war keine Ruhmestat", sagt der Sprecher des bundesweit organisierten Bündnisses Aktiver Fußball-Fans (BAFF). Auch Thomas Hafke vom Werder-Fanprojekt findet es "nicht in Ordnung, den Zeugen die Mitschuld am langen Verfahren zu geben". Er befürchtet, dass das Urteil die rechten Hooligans eher bestärkt als abschreckt.

Eine Sorge, die Kristina Vogt teilt. Die Fraktionssprecherin der Linken bezeichnet das Urteil als "Schlag ins Gesicht für Opfer und Zeugen" und "Freibrief für rechte Gewalt". Die Linke will daher zeitnah eine Sondersitzung des Rechtsausschusses beantragen."Es hat keine juristische Aufarbeitung gegeben. Im Gegenteil: Die Zusage, Opfer und Zeugen zu schützen, wurde gebrochen", so Vogt. "Sie müssen nun ständig Angst vor Übergriffen haben." Wilhelm Hinners kritisiert das Strafmaß. "Gewalttaten - egal ob politisch motiviert oder aus anderen Gründen - erfordern härtere und konsequentere Maßnahmen", sagt der innenpolitische CDU-Sprecher, der dabei nicht zwischen linker, rechter oder anders motivierter Gewalt unterscheiden will.

Dass das Gericht der politischen Motivation des Überfalls auf die antifaschistischen und antirassistischen Fans zu wenig Bedeutung beigemessen hat, kritisiert Matthias Güldner. "Das wirft kein gutes Licht darauf, wie wir in Bremen mit Rechtsradikalen umgehen", meint der Fraktionsvorsitzende der Grünen. SPD-Fraktionssprecher Björn Tschöpe war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Werder Bremen will nun "so schnell wie möglich" ein Stadionverbot gegen die sieben Angeklagten verhängen, möglicherweise auch gegen vier weitere rechte Hooligans. Dass dies bislang noch nicht geschehen ist, sei nicht die Schuld des Vereins, betont Controller Hinrich von Hallen, der bei Werder für die Stadionverbote zuständig ist. Im Oktober 2007 - also ein Dreivierteljahr nach dem Überfall - habe der Verein erstmals bei der Kriminalpolizei um die Adressen der rechten Hooligans gebeten. Die Adressen seien notwendig, damit der Verein gemäß der Richtlinie des Deutschen Fußball-Bundes die Stadionverbote schriftlich zustellen kann. "Wir wollten von Anfang an ein Stadionverbot aussprechen", so von Hallen. Doch die Polizei habe die Daten mit Verweis auf das Ermittlungsverfahren nicht herausgegeben. Auch als die Anklage im September 2010 beim Landgericht lag, habe Werder wiederholt beim zuständigen Staatsanwalt Uwe Picard schriftlich angefragt - laut von Hallen ohne Erfolg. Jetzt hofft

Werder, dass die Anklagebehörde die Daten schnell übermittelt. Der Verein will ein Stadionverbot aussprechen, das bis zum 30. Juni 2015 in allen deutschen Fußballarenen gilt. Damit stuft Werder den Überfall auf den Ostkurvensaal als "besonders schweren Fall" ein. Die Begründung: schwerer Hausfriedensbruch.

Die vom Amtsgericht ausgesprochenen Geldstrafen reichen von 200 bis 1320 Euro. In ihren vorangegangenen Plädoyers lobten die Verteidiger die Bremer Justiz: Sie habe sich nicht instrumentalisieren lassen. "Trotz der ungeheuerlichen Berichterstattung" durch die Medien, wie Rechtsanwalt Matthias Koch meinte und einen Vergleich zum Dritten Reich zog: Dort habe es ja willfährige Gerichte gegeben. Verteidiger Wilfried Behrendt kündigte an, "etwas zu unternehmen": Obwohl er "bekennender Altlinker" sei, fühle er sich nun "in die rechte Ecke gedrängt".

In seiner Urteilsbegründung verwies Ahlers darauf, die erfolgte Absprache, also Geldstrafen gegen Geständnisse, sei "prozessökonomisch" gewesen. Bei einer strittigen Verhandlung und einer möglichen Berufung hätte sich das Verfahren noch Jahre hinziehen können.

* Name von der Redaktion geändert

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+