Bericht über die Lage der Roma im Kosovo

Nach der Abschiebung

Diskriminierung, kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung - und das in einem "sicheren Herkunftsland". Das ist die Realität für viele Roma, die aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben wurden.
26.11.2015, 00:00
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Von York Schaefer
Nach der Abschiebung

Beim Thema „sichere Herkunftsstaaten“ seien die Roma erneut zum Spielball der Politik geworden, „um rechte Kräfte in Deutschland zu beruhigen“, kritisierte Dzoni Sichelschmidt.

Frank Thomas Koch

Diskriminierung, kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung - und das in einem "sicheren Herkunftsland". Das ist die Realität für viele Roma, die aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben wurden.

Die junge Frau erzählt die Geschichte ihrer Abschiebung aus Deutschland in den Kosovo in fließendem Deutsch und mit einer für ihre aktuelle Lebenssituation erstaunlichen Lakonie. „Was soll man machen?“, sagt sie – eine rhetorische Frage natürlich, dazu ein strahlendes Lächeln. Dennoch mischen sich Tapferkeit und Traurigkeit in ihrem Blick.

Das per Video aufgezeichnete Interview fand im Februar 2014 statt, als eine Gruppe von Ärzten, Anwälten und Journalisten in den Kosovo reiste, um etwas über die Lebenssituation von Roma zu erfahren. Gezeigt wurde der kurze Film jetzt zu Beginn einer Podiumsdiskussion im Schlachthof mit dem Titel „Guter Flüchtling, böser Flüchtling!“ gezeigt. Es geht um den Stellenwert der Roma in der aktuellen Flüchtlingsdebatte und ihre Situation in den sogenannten sicheren Herkunftsländern.

Beim Thema „sichere Herkunftsstaaten“ seien die Roma erneut zum Spielball der Politik geworden, „um rechte Kräfte in Deutschland zu beruhigen“, kritisierte Dzoni Sichelschmidt bei der Diskussion. Er arbeitet an einer Stadtteilschule in Hamburg als Bildungsberater und war Anfang der 90er-Jahre als Bürgerkriegsflüchtling aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen. Ob die Politik mit jüdischen Flüchtlingen genauso umgehen würde wie mit den Roma? Das schickte er als provokante Frage hinterher. „Antiziganismus ist weiterhin leider nicht als Fluchtgrund anerkannt“, sagte Romeo Franz, Geschäftsführer der Hildegard Lagrenne-Stiftung für die Teilhabe von Sinti und Roma in Deutschland.

Mit 17 zurück in die Armut

Zurück zum Interview mit der jungen Roma-Frau: Das Gespräch entwickelte sich spontan auf der Straße in Kosovo Polje südlich von Pristina. Die Frau bleibt namenlos, im Hintergrund ist ein vermüllter Hof mit einer bröckelnden Mauer zu sehen. Sie sei im Kosovo geboren, erzählt sie, und mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Bis zur zehnten Klasse ging sie zur Schule, mit ihren Freunden war sie ständig zusammen – ein scheinbar normales Leben in der Nähe von Münster. „Wir haben für die Bundesjugendspiele am nächsten Morgen geübt, aber dann kamen sie nachts und haben uns mitgenommen“, berichtet sie von der Abschiebung ihrer ganzen Familie.

Nach 13 Jahren Deutschland ging es für die damals 17-Jährige zurück in den unbekannten, politisch instabilen Kosovo – zurück in Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung. „Wir müssen im Müll nach Essen suchen“, erzählt sie im Video.

„Diese Menschen haben nach der Abschiebung im Kosovo keine Chance“, sagte der Bremer Rechtsanwalt Jan Sürig. Auch in Mazedonien und Serbien habe er ähnliche Biographien von abgeschobenen Roma kennengelernt. Die Ausgrenzung beginne bereits in der Schule, so Sürig. Für Kinder, die abgeschoben wurden, gebe es oft schon bei der Einschulung unüberwindbare Hürden. So müssten die deutschen Zeugnisse übersetzt und beglaubig werden. Die Kosten dafür sowie für die Registrierung und die Fahrten zu den entsprechenden Ämtern seien zwar für hiesige Verhältnisse gering, bei maximal 75 Euro Sozialhilfe für eine ganze Familie aber unerschwinglich.

„Arznei muss selbst bezahlt werden“

Auch die Gesundheitsversorgung im Kosovo, das unlängst von der Bundesregierung neben Albanien und Montenegro zum „sicheren Herkunftsland“ erklärt wurde, ist laut Sürig besonders für Roma prekär. Zwar sei nach Lageberichten des Auswärtigen Amtes die Versorgung mit rezeptpflichtigen Standardmedikamenten wie Bluthochdruckmitteln oder Insulin kein Problem. „Die Realität sieht aber anders aus“, sagte Sürig. Medikamente seien ohne Selbstzahlung auch für Kinder und Sozialhilfeempfänger faktisch nicht zu bekommen.

Im Fall der jungen Roma-Frau aus Kosovo Polje konnte die Mutter einen Nachsorgetermin für einen Tumor am Hals im Krankenhaus in Münster nicht mehr wahrnehmen, da die Familie kurz vorher abgeschoben wurde.

Im Kosovo müsse man sogar Einweghandschuhe für den Arzt kaufen – das hörte die Reisegruppe bei einem Informationsgespräch mit dem Führungsstab der KFOR-Einheit im kosovarischen Prizren im Februar 2014. Auf die Frage, warum die Bundeswehr dort ihre medizinischen Einrichtungen nicht auch Einheimischen zur Verfügung stelle, habe der Stabschef geantwortet: „Dann würde sicher jeden Tag eine Warteschlange von einem Kilometer vor der Tür stehen – das wäre nicht leistbar.“

Der Abend im Schlachthof endet, wie er begonnen hatte: Eine junge Frau im Publikum berichtet mit Empörung und Unverständnis von ihrer Abschiebung nach Mazedonien. Sie hatte zwischen 1988 und 2010 in Deutschland gelebt und hier auch ihre Ausbildung absolviert. Nun müsse sie einen Asylantrag stellen. „Wo ist meine Heimat?“, fragte sie. „Hier! Ich kann kein Mazedonisch, ich bin deutsch.“

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