Barriere zwischen Altstadt und Weser

Rückbau der Martinistraße rückt näher

Die vierspurige Martinistraße ist in Bremen eine Barriere zwischen Altstadt und Weser. Seit fast 30 Jahren soll sie geschleift werden – nun rückt dieses Projekt näher.
09.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Rückbau der Martinistraße rückt näher
Von Jürgen Hinrichs

Manchmal ist es auf der Martinistraße wie in Le Mans – Autofahrer und Motorrad-Cowboys, die um die Wette fahren oder mit ihren Maschinen krachend, fauchend und brüllend alleine auf der Straße unterwegs sind. Eine Rennstrecke mitten in der Stadt, die zu diesem Zweck gerne am Abend und an den Wochenenden genutzt wird. Dann röhrt es in der Straßenschlucht, junge Männer vor allem, die für ein paar Sekunden voll beschleunigen, den getunten Motoren alles abverlangen, um vor der nächsten Ampel jäh wieder vom Gas zu gehen.

Doch damit könnte es bald vorbei sein, wenn der Senat seine Ankündigung wahr macht, im Rahmen eines Aktionsprogramms für die Innenstadt auch den Rückbau der vierspurigen Martinistraße in Angriff zu nehmen. Ein Projekt wie beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans – ständig im Kreis fahren und spät erst ankommen.

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Ralf Fücks von den Grünen war der erste, der sich dafür einsetzte, die breite Schneise zwischen Altstadt und Schlachte vom Autoverkehr zu entlasten. Fast 30 Jahre her, Fücks gehörte damals als Stadtentwicklungssenator der Regierung an, dass er diese Forderung erhob. Einige Zeit später, nachdem Rot-Grün-Gelb abgewählt worden war und fortan eine Große Koalition das Zepter führte, tat sich tatsächlich etwas. Die Martinistraße behielt zwar ihre vier Fahrspuren, sie ist seit 20 Jahren aber nicht mehr 18 Meter breit, sondern nur noch zwölf. Stattdessen wurden großzügige Bürgersteige angelegt und Bäume gepflanzt. Den Autoverkehr hat das nicht geschmälert, dafür ist bis heute immer noch Platz genug.

Der Straßenbahn-Streit

Bausenator war damals Bernt Schulte (CDU). Er bekam für den Umbau rund zehn Millionen Mark in die Hand. Schulte ließ sich mit der Planung eine Option offen, die in der Bremer Verkehrspolitik wie ein Untoter immer wieder auftaucht, genauso schnell aber auch wieder verschwindet: die Verlegung der Straßenbahn. Die Martinistraße, so das Credo des Senators, solle breit genug bleiben, um ein paar Jahre später jene Schienen aufzunehmen, die bis heute in der Obernstraße liegen und verhindern, dass dort ein richtiger Einkaufsboulevard entsteht.

Dieser Untote wandelt gerade mal wieder durch die Stadt. Die Handelskammer hatte beim Innenstadt-Gipfel vor gut drei Wochen vorgeschlagen, die Straßenbahn im Herbst für ein paar Monate einen Umweg über die vordere Neustadt fahren zulassen, um zu testen, wie sich das anfühlt: eine Obernstraße ohne Bahnverkehr. Doch prompt und noch in der gleichen Veranstaltung kam von der zuständigen Senatorin ein klares Nein. Maike Schaefer (Grüne) hält nichts davon. Die SPD kann sich so ein Experiment dagegen durchaus vorstellen, ein Versuch, sagt sie, warum nicht?

Eckhoffs Idee

Jens Eckhoff, CDU-Abgeordneter und noch jemand aus der Ahnenreihe der Bremer Verkehrssenatoren, forderte vor neun Jahren einen City-Ring, der die Neustadt einbezogen und Martinistraße und Bürgermeister-Smidt-Straße entlastet hätte. Auch daraus ist nichts geworden. Eckhoff wollte mittelfristig den Rückbau der beiden Straßen, die auf den Brill münden. Er schlug sogar vor, die Bürgermeister-Smidt-Straße an den Wochenenden für den Individualverkehr zu sperren, um den Raum für Veranstaltungen, Feste und Märkte zu nutzen.

Niemand in der Politik hat heute noch ernsthaft etwas dagegen, mindestens die Martinistraße so neu zu gestalten, dass die Barriere zum Fluss hin geschleift wird. Noch nicht einmal die Handelskammer. Sie hatte sich vor sechs Jahren von einem entsprechenden Vorschlag des damaligen Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) noch böse brüskiert gefühlt und Schützenhilfe von der SPD bekommen. Seit einiger Zeit steht die Kammer dem Projekt, das im Verkehrsentwicklungsplan enthalten ist, aber offen gegenüber. Die Bilder in der Adventszeit, wenn Tausende Besucher zwischen Weihnachtsmarkt und Schlachtezauber die Martinistraße passieren, wird den Meinungswandel beschleunigt haben.

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Es gibt also einen breiten Konsens, lange schon, doch passiert ist trotzdem nichts. Zuletzt war die Rede davon, provisorische Verkehrsinseln zu schaffen, um die Straße auch fernab der ampelgestützten Überwege einigermaßen sicher überqueren zu können. Auch das blieb ohne Ergebnis.

Beim Innenstadtgipfel im Rathaus ist mit dem Aktionsprogramm ein zehn Millionen Euro schweres Paket auf den Weg gebracht worden. Voraussichtlich am 18. August wird sich der Senat mit den einzelnen Projekten befassen und sie, wenn’s gut läuft, auch beschließen. Das könnte nach bald drei Jahrzehnten Diskussion für die Martinistraße ein Meilenstein sein.

800 Meter mit Potenzial

Die Martinistraße ist 800 Meter lang und verbindet die Straße Tiefer mit der Brillkreuzung. Die vierspurige Fahrbahn nimmt in der Innenstadt werktags und an den Wochenenden einen großen Teil des Durchgangsverkehrs auf. Das sind Fahrer, die zum Beispiel vom Osterdeich auf die B 75 wollen und umgekehrt. Ziel des Senats ist es, diesen Verkehr in Zukunft stark einzudämmen, die Losung lautet: autofreie Innenstadt.

Im November vergangenen Jahres – nach dem Freimarkt und vor dem Weihnachtsmarkt, um Sondereffekte zu vermeiden – wurde auf der Martinistraße der Individualverkehr gezählt. Ausgewählt hatten die Behörden einen Donnerstag zwischen 5 Uhr morgens und 22 Uhr abends. In dieser Zeit waren nach Auskunft des Verkehrsressorts in beiden Richtungen rund 13 000 Fahrzeuge unterwegs. Am darauffolgenden Sonnabend wurden während der gleichen Stunden 19 200 Fahrzeuge gezählt.

Ist das viel, wenig oder irgendetwas dazwischen? Die Behörde beruft sich zur Antwort auf Verkehrsexperten: „Eine zweispurige Straße kann zwischen 18 000 und 20 000 Fahrzeuge aufnehmen“, sagt Ressortsprecher Jens Tittmann. Die Schlussfolgerung liegt für ihn auf der Hand – kein Problem nach einem Rückbau, keine Gefahr, dass die Martinistraße im Dauerstau erstickt.

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Doch das, so Tittmann, sei nur die eine Seite der Betrachtung. Noch mehr Wert lege seine Behörde darauf, die Martinistraße als städtischen Raum zu entwickeln. „Die Straße hat das Potenzial einer 1-B-Lage“, so der Sprecher. Sie sei ein enorm wichtiger Faktor für die Anbindung der City an den Fluss. Nicht nur als Durchgang, sondern als Ort mit Aufenthaltsqualität.

Eine noch höhere Bedeutung habe dieser Aspekt dadurch bekommen, dass der Investor Christian Jacobs mit seinem Balgequartier einen Handlauf von der Obernstraße bis zur Weser schaffen wolle. Ein Baustein dieses Projekts ist mit dem neuen Jacobs-Stammhaus vor vier Wochen fertig geworden. Hinzu kommen werden in den nächsten drei Jahren die historische Stadtwaage, das Essighaus und das Kontorhaus am Markt.

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