Figurentheater „Mensch, Puppe!“ Nach fast 90 Jahren immer noch aktuell

„Wir befinden uns in einer Umbruchphase", sagt Regisseur Thomas Weber-Schallauer. Damit meint er nicht nur die Handlung des neuen Stücks „Kleiner Mann – was nun?“ im Figurentheater „Mensch, Puppe!“
01.02.2019, 18:26
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus

„Wir befinden uns in einer Umbruchphase, die Sorglosen geraten ins Straucheln und kämpfen um ihre kleine Existenz“, sagt der Regisseur Thomas Weber-Schallauer und meint nicht nur die Handlung des anstehenden Stückes „Kleiner Mann – was nun?“ im Figurentheater „Mensch, Puppe!“, sondern auch die derzeitigen Verhältnisse. Am Freitag, 1. Februar, ist die Premiere des Stücks, und Claudia Spörri vom Figurentheater kann nur bestätigen: „Ich finde, die Geschichte ist total aktuell.“

1932 ist der Roman von Hans Fallada erschienen, hinein in eine Zeit, in der die Wirtschaftskrise der Massenarbeitslosigkeit Vorschub leistete und niemand vor Armut sicher war. Die Geschichte handelt von Johannes Pinneberg, einem Verkäufer, und seiner Frau Emma Mörschel, genannt „Lämmchen“. Pinneberg verliert seine Arbeitsstelle in einer norddeutschen Stadt, durch verwandtschaftliche Beziehungen fängt er wenig später in Berlin in einem Bekleidungsgeschäft an. Bald darauf, der Sohn ist gerade geboren, verliert er seinen Arbeitsplatz erneut: Wird es für die Familie in dieser unsicheren Zeit ein Happy End geben?

Eine Allerweltsgeschichte

„Die Geschichte ist sehr schön geschrieben und funktioniert für das Puppentheater sehr gut“, sagt Claudia Spörri, und Thomas Weber-Schallauer fügt hinzu: „Weil sie eine Allerweltsgeschichte ist. Sie fordert auf zur Reflexion und zum Nachdenken über die aktuelle Existenz.“ Denn als der Roman erschienen ist, sei es ja der „kleine Mann“ gewesen, der den Verlockungen Hitlers erlegen sei. „Und auch bei Pinneberg fragt man sich: Wie geht es weiter?“

Wobei Hans Fallada beileibe kein Nazifreund gewesen sei, „und eigentlich waren Johannes Pinneberg und Lämmchen total unpolitisch“, sagt Weber-Schallauer. Sie sei aber pfiffiger, unerschütterlicher als er, „sie ist Mutter, das ist der Dreh- und Angelpunkt“. Pinneberg hingegen glaube, dass er als Anzugträger und als Verkäufer ein wenig Sicherheit habe, „doch diese Sicherheit bröckelt langsam und ein in sich verzweifelter, gelähmter Mensch bleibt übrig“. Die „Mensch, Puppe!“-Aufführung orientiere sich an der Fassung aus dem Jahre 2016, erzählt der Regisseur. Die vorherige Fassung, die auch während der Zeit des Nationalsozialismus weiterhin erhältlich war, wurde von Hans Fallada geändert. Aus einem brutalen SA-Mann wurde beispielsweise ein trunken-prügelfreudiger Fußballer. Was bleibe, ist der Umstand, dass sich das politische Umfeld immer mehr in das Private hineinfresse. „Die Abhängigkeit, der Druck – und da gibt es halt welche, die hinten runterfallen.“

Insgesamt 28 Flachfiguren, Masken und dreidimensionale Gliederpuppen spielt Claudia Spörri während der zweistündigen Aufführung. Anna Siegrot, bereits bei „Kafka – Der Prozess“ dabei, sorgt auch dieses Mal für die Ausstattung, Lynda Cortis steuert die Musik bei. Schon bei „Zeit – eine philosophische Attacke“ war sie mit Cello und Loop-Station an der Seite von Claudia Spörri, nun begleitet sie erneut die aus der Zeit der 1930er-Jahre stammenden und von Spörri gesungenen Lieder.

Schnell wechselnde Szenen

Darüber hinaus sorgt sie für die Hintergrundgeräusche, den Klangteppich. Wer sich immer mal gefragt hat, welche Töne eine Cellospielerin ihrem Instrument entlocken kann, der ist in dieser Aufführung gut aufgehoben. „Im Verlaufe der Probenarbeiten hat sich die Musik entwickelt, und über die Proben entwickeln sich auch die Sounds, die dazukommen, um die Atmosphäre zu verdichten“, erzählt Claudia Spörri. Herausfordernd für sie sei, bei den um die 50 verschiedenen Szenen, die sich mitunter schnell abwechseln, von einer Situation in die nächste zu kommen, „und dass man sich nicht in Gefühlen versinken lässt, sondern im Erzählen bleibt.“

Sehr vielschichtig sei die Aufführung, meint Claudia Spörri, „wie auf einer Reise, wo viel passiert.“ Eine Reise, bei der sich vielleicht nicht nur Pinneberg fragt, wie es weitergehen soll. „Man sucht sich ja heute ebenfalls Feindbilder. Früher waren es die Juden, heute sind es Ausländer und Flüchtlinge“, sagt Thomas Weber-Schallauer. „Es gibt so viele Parallelen zu unserem Leben. Auch, dass immer mehr Menschen befristete Arbeit annehmen müssen oder der Mittelbau am meisten verunsichert ist.“ Und Claudia Spörri ergänzt: „Das Misstrauen ist heute sehr groß – die persönliche Angst auch.“

Die Frage nach dem Happy End möchte Weber-Schallauer nicht beantworten. „Wir versuchen, das ambivalent zu halten“, sagt er. Zumindest fänden sich die zwei am Ende des Romans wieder: „Doch wie gehen sie in dieser Welt weiter?“

Das Stück „Kleiner Mann – was nun?“ nach Hans Fallada wird am Freitag, 1. Februar, um 20 Uhr erstmals aufgeführt. Wie die folgende Aufführung am Sonnabend, 2. Februar, ist auch die Premiere bereits ausverkauft.

Weitere Informationen

Weitere Vorstellungen gibt es unter anderem am Donnerstag, 7. Februar, Donnerstag, 28. Februar, Donnerstag, 7. März, sowie am Freitag, 15. März. Informationen und Aufführungstermine sind unter www.menschpuppe.de/ abrufbar, Kartenvorbestellungen sind unter Telefon 79 47 82 92 und unter karten@menschpuppe.de erhältlich.

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