Hobbyflieger in Bremen Nach Feierabend über der Weser fliegen

Turgut Pencereci vom Bremer Verein für Luftfahrt ist eigentlich Anwalt. Doch an zwei Tagen die Woche hebt er über Bremen ab. Wir haben ihn in seinem Motorflugzeug begleitet.
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Von Bernd Kramer (Fotos) und Eva Przybyla (Text)

Bis abends ist Turgut Pencereci Anwalt. Danach hebt er ab. An zwei Tagen in der Woche leiht sich der 58-Jährige in seinem Verein, dem Bremer Verein für Luftfahrt (BVL), ein Flugzeug, um alles von oben zu sehen. Heute ist es ein Motorflugzeug, eine Piper PA-28, die Pencereci vor dem Hangar in die richtige Position schiebt. Sie ist leichter als ein Golf und hat vier Plätze. Pencereci macht routiniert zahlreiche Sicherheitschecks. Er bewegt die Flugzeugklappen, dreht den Propeller. „Niemals in Hetze fliegen“, mahnt er. Im Cockpit setzt er die typische Pilotensonnenbrille auf und studiert die Checkliste für den Flug, die auf seinen Knien liegt.

Kaum startet der Freizeitpilot den Motor, der Piper wird, es in der engen Kabine ohrenbetäubend laut. Über die Kopfhörer meldet sich die näselnd klingende Stimme eines Fluglotsen vom Tower des Bremer Flughafens. Er und Pencereci funken auf Englisch. Mit drehendem Propeller rollt die Maschine schließlich Richtung November – Flugbahn N nach internationalem Funkalphabet.

Nachdem ein Passagierflugzeug die Bahn verlassen hat, fährt Pencereci hinauf und wird schneller. Dabei scheint die Piper über die Flugbahn zu hüpfen. An ihren Fenstern saust der Bremer Flughafen vorbei. Sie hebt ab. Die Häuser der Neustadt werden kleiner, der Werdersee liegt dunkel daneben. Es ist ein bekanntes Bild für viele, die bereits in Bremen mit dem Flieger gestartet sind. Doch in der Kabine der Freizeitmaschine ist einiges anders: Selbst mit Kopfhörern hört man das laute Rasen des Propellers. Es ist kühl und etwas zugig. Außerdem fliegt die Piper nur bis unter die graue Wolkendecke. Passagierflugzeuge fliegen weiter hoch, meistens bis etwa auf eine Höhe von 10 000 Meter. Pencereci fliegt tiefer. Sehr tief. Bis 150 Meter darf er mit seiner Maschine über unbesiedelten Gebieten hinunterziehen. Wie sich das anfühlt, demonstriert er über saftig grünen Feldern im Bremer Norden. Immer tiefer fliegt die Piper und wird dabei immer häufiger von starken Windböen geschüttelt. Die Felder unter ihr sehen aus, als wären sie aus Filz oder Bastelmaterialien. Dann zieht Pencereci wieder in die Höhe.

„In Polen könnten wir jetzt zehn Meter über dem Strand fliegen“, sagt der 58-Jährige. In Deutschland sei das aber nicht erlaubt. Ob er das denn gern machen würde? Das sei schon sehr anspruchsvoll für einen Piloten, sagt er. Man könne jederzeit mit der Maschine auf dem Boden aufsetzen. Das sei lebensgefährlich. Für Pencereci ist Sicherheit wichtiger. Die lebenswichtige Bedeutung bringt er anderen Piloten beim BVL bei. Denn ist einer der etwa 50 aktiven Piloten längere Zeit nicht geflogen, muss er sein Wissen auf einem begleiteten Flug auffrischen. Während eines solchen Checkflugs sitzt Pencereci auf dem Ausbildersitz rechts vom Piloten und unterstützt ihn notfalls beim Fliegen.

An anderen Tagen sitzen auf dem Ausbilderplatz die Fluglehrer des BVL. Der Verein betreibt eine eigene, von der Luftfahrtbehörde zertifizierte Flugschule. Peter Rasch hat die Ausbildung kürzlich bestanden. Damit habe er sich einen Jugendtraum erfüllt, sagt er. Zwei Jahre musste er dafür büffeln. „Es ist unglaublich viel Theorie“, sagt der 55-Jährige. Die Praxis sei nicht schwer gewesen, nur vor dem ersten Flug allein habe er Angst gehabt. Aber kaum habe er im Cockpit – wie sonst auch – die Checkliste abgearbeitet, sei die Furcht verschwunden. „Dann war das nur noch geil“, sagt Rasch.

Heute fliegt der Steuerberater seine Mandanten gern mal nach Norderney oder besucht sie per Flieger in Holland. Mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde in der Luft sind solche Besuche schnell gemacht. Billig sind sie jedoch nicht. Nach Angaben des Flugvereins kostet eine Stunde Fliegen mit einem Motorflugzeug des BVL zwischen 160 und 240 Euro. Diese Preise erinnern an einen spät gebuchten Platz im Passagierflugzeug. Dazu kommt der jährliche Vereinsbeitrag von rund 500 Euro. Pencereci findet das nicht teuer. Er ist mittlerweile wieder gelandet. Sein Gesicht wirkt entspannt, als hätte er sich in der Luft erholt. Er habe ein erhabenes Gefühl dort oben, sagt er. Das sei nicht nur Freiheit. Es sei eine andere Welt.

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