Festival in der Neustadt Nachhaltig feiern beim Summersounds

Müll vermeiden, Ressourcen schonen: Das Summersounds 2019 verfolgt ein ehrgeiziges Nachhaltigkeitskonzept. Die Organisatoren wollen neue Wege beschreiten und ihre Erfahrungen mit anderen Veranstaltern teilen.
14.07.2019, 19:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Jakob Milzner

Als Astrid-Verena Dietze am Sonntag nach dem Summersounds-Festival 2018 über das Gelände ging, sah sie auf einen Berg aus Müll. Die Technik konnte zunächst nicht vor der Hauptbühne vorfahren, weil die Wiese voll mit leeren Flaschen war. Den ganzen Tag verbrachte Dietze mit ihrer Familie und ehrenamtlichen Helfern damit, die Überreste des Festes einzusammeln.

Astrid-Verena Dietze ist Stadtteilmanagerin in der Neustadt, sie beschreibt diesen Moment als ein Schlüsselerlebnis. Eine Erfahrung, die sie darüber nachdenken ließ, wie sich ähnliches zukünftig vermeiden ließe. In diesem Jahr soll nun alles besser werden. Und das heißt vor allem: nachhaltiger.

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Daher hat sich eine Reihe von Stadtteilakteuren zusammengetan, um für die kommende 14. Ausgabe des Festivals, das am 9. und 10. August in den Neustadtswallanlagen stattfindet, ein neues Konzept zu erarbeiten. „Im Grunde ist Summersounds wie ein Labor für die Stadt und für den Stadtteil, wo wir alle Themen, die uns wichtig sind, ausprobieren können“, sagt Dietze. Auf dem Festival wollten die Veranstalter Erfahrungen von anderen aufgreifen, neues Wissen sammeln und dieses dann ebenfalls weitergeben, erzählt die Stadtteilmanagerin. Ziel sei eine ressortübergreifende Zusammenarbeit.

Nachhaltigkeit mit breit angelegtem Konzept

Schon im letzten Jahr wurde mit einer Abwaschstraße ein erster Schritt in Richtung Nachhaltigkeit getan. Doch in diesem Jahr steht dahinter ein breit angelegtes Konzept, an dem eine Vielzahl an Kooperationspartnern mitwirkt. Im Mittelpunkt stehen die Themen Ressourcenschonung und Müllvermeidung. Ein eigens ausgearbeitetes Müllkonzept soll gewährleisten, dass die aus den vergangenen Jahren sattsam bekannten Bilder dieses Mal ausbleiben. Zu dem Konzept gehören Stationen, an denen der Müll gesammelt und getrennt wird. Es gibt Müllscouts, die darüber informieren, wie sich insbesondere Plastikmüll reduzieren lässt. Und um die Entstehung von Müll möglichst früh zu verhindern, soll auf dem Festival von vornherein nur Mehrweggeschirr ausgegeben werden.

Auch das Thema CO2-Vermeidung steht auf der Agenda. Ein Areal mit Bühne soll sogar komplett energieautark gestaltet werden. Das geht mithilfe von Solarpanels – und Muskelkraft. Die Pedal-Power-Stage soll nach Plänen der Veranstalter durch insgesamt zehn Fahrräder am Rand der Bühne mit Strom versorgt werden. Dazu müssen die Festivalbesucher selbst in die Pedale treten. Es geht dabei nicht nur um saubere Energie, sondern auch um ein Gefühl der Selbstwirksamkeit bei jenen, die den Strom auf den Fahrrädern erzeugen. „Wird nicht genug gestrampelt, wird auch nicht ausreichend Strom erzeugt und die Performance auf der Bühne bricht ab. CO2-Reduzierung und Klimaschutz, das ist so abstrakt. Wir finden es wichtig, dass das anschaulich wird“, sagt Dietze.

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Ein Festival wie das Summersounds umfasst in der Organisation eine solche Vielzahl an Aspekten, dass sich das Thema Nachhaltigkeit nicht allein auf Müllvermeidung und saubere Energie reduzieren lässt. Auch die Auswahl der Künstler ist für die Veranstalter ein solcher Aspekt. „Uns ist es wichtig, regionalen Nachwuchsmusikern eine Bühne zu geben“, sagt Stadtteilmanagering Astrid-Verena Dietze. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass bei An- und Abreise kaum CO2 verbraucht wird, während bei internationalen Interpreten häufig schon vor den Auftritten große Mengen an Emissionen durch Flüge oder lange Busfahrten verursacht werden.

Band spart Emissionen

Zwar ist Singer-Songwriter Michael Schulte, im Jahr 2018 Viertplatzierter beim Eurovision Songcontest, wohl der bekannteste Name im Programm, doch geheimer Headliner ist die Osnabrücker Elektro-Band „Haión“, die auf ihrer derzeitigen Tour ein ehrgeiziges Nachhaltigkeitsregime verfolgt. Um Emissionen zu sparen, hätten die Musiker unter anderem ihr Equipment verkleinert und einen Teil der Band in den Zug ausgelagert, erzählt Jasmine Klewinghaus, die bei „Haión“ singt und E-Percussion spielt. Die Merchandise-Artikel der Band und der Glitzer, den die Musiker auf der Bühne verwenden, würden aus abbaubaren Pflanzenfasern hergestellt.

Nachhaltigkeit hat für Klewinghaus aber auch eine soziale Komponente: „Viele Bands gehen weit über ihre Grenzen und sind am Ende einer Tour fix und fertig. Wir wollen schauen, dass alles gesund, fair und respektvoll zugeht“, sagt die Musikerin. Auf ihrer Tour lassen sich „Haión“ von einem Kameramann begleiten. Aus den Aufnahmen soll später ein Roadmovie entstehen. So wollen die fünf Musiker positive Impulse geben und andere Bands und Veranstalter motivieren, ihre Konzerte künftig nachhaltiger zu gestalten: „Es ist ein Versuch aufzuzeigen, was möglich ist. Wir möchten die Grenzen ausloten und austesten, was geht“, sagt Klewinghaus.

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Zum zweiten Mal findet während des Festivals zudem das Bremer Lastenradradrennen statt. Insgesamt ist es bereits die sechste Ausgabe des Rennens. Dabei müssen die Teilnehmer Kurieraufgaben erledigen und hierzu mehrfach einen Parcours umrunden. Um das Rennen herum soll ein ganzer Bereich zum Thema nachhaltige Mobilität gestaltet werden. Passend dazu liegt das Festivalgelände mitten im ersten Fahrradmodellquartier Deutschlands.

Nun bleibt abzuwarten, wie die geschätzten 20.000 Festivalbesucher das Nachhaltigkeitskonzept am Ende annehmen werden. Dietze ist optimistisch: „Ich glaube, dass sich seit letztem Jahr ganz viel getan hat. Und gerade jetzt nach den Wahlen hoffen wir, dass die Gesellschaft ein bisschen offener dafür geworden ist und mehr Verantwortung übernimmt. Ich glaube, die Zeit ist reif dafür.“

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