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Jetzt an Morgen denken Aus Tradition nachhaltig - Großmarkt Bremen

Der Großmarkt Bremen feiert 60. Geburtstag und zeigt den geschäftigen Trubel des Alltags, die regionalen Angebote und wie präsent das Thema Nachhaltigkeit ist.
29.09.2021, 16:30
Lesedauer: 5 Min
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Von Annika Häfermann

Die Tuffels von der Schütte in den Korb, feldfrische Möhren und Kohlrabi obendrauf, duftende Äpfel und pralle Zwetschgen direkt vom Baum, Butter und Schichtkäse vom Milchbauern aus der Umgebung. Und als Augenweide für den Esstisch vielleicht noch das Sträußchen Astern, das im Morgengrauen gepflückt worden war: So hätten unsere Großmütter in dieser Jahreszeit an den Markttagen morgens eingekauft – lange bevor der Begriff der Nachhaltigkeit in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang fand. Die Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ordentlich gewandelt. Die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten haben sich geändert und zweifellos verbessert und mit ihnen auch der Appetit auf kulinarische Abwechslung sowie die Erwartungshaltung an die Auswahl des Angebots. Doch eines ist geblieben und gewinnt aus guten Gründen für immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher wieder zunehmend an Bedeutung: Die Wochenmärkte sind die bewährte Adresse für all jene geblieben, die sich bewusst regional, saisonal, komplett unverpackt oder mit einem Minimum an Abfall versorgen möchten. „Wir sind das Original“, sagt Lars Jansen, Bereichsleiter für den Großmarkt Bremen bei der M3B GmbH. Auch im Alltagsbetrieb des Großmarkts selbst spielt der sparsame und wertschätzende Umgang mit den Ressourcen eine große Rolle – und zwar bereits seit vielen Jahren. Das Motto laute, so Jansen: „Wir sind schon ganz gut, aber wir wollen noch besser werden.“

Erste Recyclingstation schon 1968

Seiner Zeit weit voraus war der Großmarkt Bremen zum Beispiel im Bereich der Wertstofftrennung und -weiterverarbeitung, erklärt Jansen. „Bereits 1968 wurde auf dem früheren Standort an der Paul-Feller-Straße das erste Recyclingverfahren eingeführt. Das Areal, das in der Überseestadt gebaut und Ende 2002 bezogen wurde, verfügt über eine eigene und moderne Recyclingstation, in der Holz, Pappe und Restmüll getrennt sortiert, verdichtet und soweit möglich weiterverarbeitet werden.“

Um den Verbrauch an Verpackungen aus Papier und Kunststoff auf den Wochenmärkten selbst soweit wie möglich zu reduzieren, hat sich der Großmarkt Bremen als Partner einem Pilotprojekt angeschlossen, das vor einigen Monaten auf dem Findorffer Wochenmarkt gestartet wurde. Ziel der Initiative, die vom Verein Klimazone Findorff angestoßen wurde, ist es, die Marktleute als Multiplikatoren und Motivatoren für einen nachhaltigen Einkauf zu gewinnen.

Strom durch Solaranlagen

Lange bevor sich Bremen auf den Weg zur „Solar City“ aufmachte und eine Fotovoltaikpflicht für geeignete Dächer von Neubauten und bei Dachsanierungen einführte, besaß der Großmarkt bereits eine der bis dato größten Solaranlagen der Stadt, so Jansen weiter. „Mit den Solarpanels auf der rund 50.000 Quadratmeter großen Hallendachfläche produzieren wir seit 2010 jährlich ein Megawatt Strom, der ins öffentliche Netz eingespeist wird, und ersparen der Umwelt damit rund 900 Tonnen CO2.“ Die Hallen im Frischezentrum sind weitgehend mit LED-Beleuchtung ausgestattet, die von einem eingebauten Sensor elektronisch gesteuert wird. „Sie schalten sich automatisch an und aus und reagieren auf die Licht- und Wetterbedingungen außerhalb der Hallen“, erklärt der Bereichsleiter. Auch mit dem Bremer Regenwasser geht der Großmarkt sparsam um: Es wird regelmäßig in einem großen Behälter gesammelt und dient zur Bewässerung der Pflanzen auf dem Gelände.

Das Gesamtareal des Großmarkts in der Überseestadt erstreckt sich über 16,3 Hektar. Um auf einer Fläche, die mehr als 23 Fußballfeldern entspricht, schnell von A nach B zu kommen, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meist mit den eigenen Beinen unterwegs. Für längere Strecken und schwerere Lasten steht ihnen der betriebseigene Fuhrpark zur Verfügung, der weitestgehend auf Elektromobilität umgestellt ist. „Bereits 2013 wurden vier Elektroautos und zwei E-Bikes angeschafft“, erzählt Jansen.

Regionale Ware auf 37 Wochenmärkten in Bremen und Bremerhaven

Tüffeln, Möhren und Kohlrabi direkt vom Bauern aus der näheren Umgebung. Wer sie sucht, wird sie auf einem der 37 Wochenmärkte im Land Bremen natürlich auch heute noch finden und dazu vieles, was vor Jahrzehnten noch als exotisch galt, aber längst nicht mehr vom Speiseplan wegzudenken ist: so etwa heimische Paprika und Zucchini, Süßkartoffeln, Knoblauch oder sogar Ingwer aus eigenem Anbau. Nach ökologischen Prinzipien angebaute Waren seien längst kein Nischenprodukt mehr, sagt Jansen: „Der Bio-Bereich wächst und wächst.“ Unter dem Dach des Großmarkts spiele daher die Erzeugerhalle eine besonders wichtige Rolle, erzählt er: Hier bieten rund 30 landwirtschaftliche Betriebe aus Bremen und der Region an, was sie gerade auf ihren Feldern geerntet haben.

„Vielen kritischen Konsumentinnen und Konsumenten ist nicht egal, woher die Produkte stammen und unter welchen Bedingungen sie erzeugt werden“, weiß der Großmarktleiter. Er sieht mit Wohlwollen, „dass Lebensmittel wieder mehr Wertschätzung erfahren.“ Wer wüsste besser, wie viel Zeit, Mühe, Arbeit und Unwägbarkeiten darin stecken, als diejenigen, die tagtäglich damit zu tun haben. Übrig gebliebene Ware ist für die Händlerinnen und Händler kein Abfall. Sie ist ein wertvolles Gut, das an gemeinnützige Unternehmen wie die Bremer Suppenengel, die Bremer Tafel und diverse Zoos und Tierparks in und um Bremen gespendet wird.

Jeden Tag arbeiten rund 600 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dem Großmarkt, um die Lebensmittel auf die Märkte und auf die Tische zu bringen. Einer von ihnen ist Markus Günsch.

Eine diverse Familie

Markus Günsch kann sich noch an den Tag erinnern, als sein Vater herzhaft in seine erste Kiwi biss und die pelzige Schale postwendend wieder ins Freie beförderte: Damals, Anfang der 1980er-Jahre, waren die chinesischen Stachelbeeren noch wenig bekannte Zugereiste auf den heimischen Obsttellern, und hätte der vorwitzige Vater einen Moment gewartet, dann hätte er sicherlich die passende Anleitung zum Genuss erhalten.

Günsch ist von der Marktaufsicht und kann aus seiner fast 40-jährigen Tätigkeit im Großmarkt viele solcher Anekdoten erzählen. Die meisten würden davon handeln, wie aus Fremden Freunde wurden. Gemeint sind nicht nur Kiwi, Mango & Co., sondern vor allem die vielen Menschen, die sich gegenseitig mit ihrem Wissen, ihren Traditionen und ihrer Kultur bereichern. „Wer erfahren möchte, wie Diversität funktioniert, sollte sich ruhig einmal auf dem Großmarkt umschauen“, sagt Günsch. 60 Prozent der rund 600 Kolleginnen und Kollegen, mit denen er Tag für Tag zu tun hat, haben einen Migrationshintergrund. Sie stammen zum Beispiel aus Osteuropa und Nahost, aus Asien, West- und Nordafrika. Zurzeit sind in den Hallen der Überseestadt elf verschiedene Nationalitäten vertreten, berichtet Günsch, der sich bemüht, jeden Morgen alle in der jeweiligen Heimatsprache zu grüßen.

Neben dem Handel mit Waren hätten Märkte schon immer die Funktion, Menschen in Kontakt zu bringen, sagt er. „Durch den Austausch habe ich hier im Laufe der Jahre so vieles gelernt, das über exotische Lebensmittel weit hinausgeht.“ Was die Menschen auf dem Großmarkt verbinde, sei gegenseitige Neugier und die Offenheit, aufeinander zuzugehen und miteinander ins Gespräch zu kommen, erzählt Günsch: „Politik und Religion bleiben vor der Tür. Im Großmarkt sind alle eine große Familie.“

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