Worauf Eltern achten sollten Nachhilfe im Internet

Rund 1,2 Millionen Schüler erhalten in Deutschland Nachhilfe. Gerade im Internet ist die Zahl der Nachhilfeangebote gewachsen und erhält zunehmenden Zuspruch.
07.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Nachhilfe im Internet
Von Alexandra Knief

Rund 1,2 Millionen Schüler erhalten in Deutschland Nachhilfe. Gerade im Internet ist die Zahl der Nachhilfeangebote gewachsen und erhält zunehmenden Zuspruch.

Der achtjährige Silas Steib-Golles geht gerne zur Schule – meistens jedenfalls. Mathe und Englisch gehören zu den Lieblingsfächern des Drittklässlers. Auch Deutsch macht ihm Spaß, dabei braucht er jedoch ein bisschen Unterstützung.

Damit ist Silas nicht alleine. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung erhalten in Deutschland aktuell rund 1,2 Millionen Schüler Nachhilfe. Gerade in Mathe, bei Fremdsprachen und in Deutsch sei der Nachholbedarf groß. An einigen Halbtags- und vielen Ganztagsschulen gibt es kostenlose Nachhilfeangebote. Zusätzlich lernen zahlreiche Schüler an Nachhilfeinstituten oder organisieren eine private Nachhilfe.

In den vergangenen Jahren ist aber auch das Online-Angebot immer weiter gewachsen und erhält zunehmenden Zuspruch – auch wenn dieser Markt in Deutschland verglichen mit anderen Ländern noch relativ klein ist. Nach Schätzungen der Bertelsmann Stiftung nutzen rund vier Prozent der Schüler, die ein Nachhilfeangebot wahrnehmen, Computer- und online basierte Lernangebote. Am häufigsten entschieden sich 2014/2015 Eltern von Grundschülern für die digitalen Lernhilfen.

Keine Motivation

Auch Nadine und Christiana Steib-Golles haben sich dafür entschieden, eines dieser Online-Angebote auszuprobieren und für ihren Sohn und Enkel Silas bei einer Lernplattform ein Jahrespaket für 4,99 Euro pro Monat abgeschlossen. „Richtig zufrieden sind wir damit allerdings nicht“, sagt Christiana Steib-Golles. „Es macht ihm nicht so viel Spaß, wie erhofft.“ Die Inhalte würden nicht zum Lernen motivieren und hätten teils langweiligen Schulbuchcharakter.

Laut Maximilian Kröhnert, Leiter der Online-Nachhilfe beim Studienkreis, geht es vielen Familien so wie Familie Steib-Golles. Bei dem großen Angebot an Lernplattformen im Internet sei es schwer den Überblick zu behalten und sich für das passende Angebot zu entscheiden. Lernvideos, Übungsaufgaben, Lernspiele und persönliche Nachhilfelehrer – auch der Umfang des Angebots fällt von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich aus. „In Deutschland sind wir beim Thema E-Learning noch an einem sehr frühen Punkt“, sagt Kröhnert. „Wir müssen Kunden häufig die verschiedenen Möglichkeiten erklären, die sie im Nachhilfebereich online haben. Vielen fehlt da noch die Vorstellungskraft.“

Erste Orientierung

Ein paar einfache Tipps können trotzdem dabei helfen, im Online-Lern-Dschungel eine erste Orientierung zu schaffen: Grundlegend sei es erst einmal wichtig, sich zu überlegen, wie individuell die Nachhilfe sein soll, und zwischen zwei Ansätzen zu unterscheiden: So gibt es laut Kröhnert auf der einen Seite den Selbstlern-Ansatz, bei dem Videos, Lernmaterial, Spiele und Ähnliches zur Verfügung gestellt werden. Auf der anderen Seite wächst zunehmen das Angebot an individuellen Online-Lehrern.

Immer mehr Plattformen bieten Einzelstunden, bei denen Schüler per Video direkt mit einem Lehrer kommunizieren können, an. So zum Beispiel auch der Studienkreis: „Das ist normaler Nachhilfeunterricht auf einem neuen Level“, sagt Maximilian Kröhnert. Nachteile gegenüber der herkömmlichen Face-to-Face Nachhilfe sieht er nicht. Im Gegenteil: „Anbieter können online auf Lehrer aus ganz Deutschland zugreifen und so ein viel breiteres Fächerangebot anbieten“, sagt er. Außerdem seien die Schüler zeitlich und örtlich flexibel und es besteht die Möglichkeit, auch zu Randzeiten, zum Beispiel in den späten Abendstunden, einen Termin mit seinem Online-Tutor zu vereinbaren.

Weil Anfahrtskosten- und Zeiten wegfallen, sei die Online-Nachhilfe nach Angaben von Kröhnert oft sogar günstiger als die Stunden bei einem Nachhilfe-Institut. Auch hier variieren die Kosten allerdings je nach Angebotsspektrum und Laufzeit stark. Während Selbstlern-Angebote zum Teil für wenige Euro im Monat angeboten werden, gibt es individuelle Einheiten über das Internet ab etwa 15 bis 20 Euro pro Stunde.

Lernspiele bringen weiter

Laut Klaus Hurrelmann, Professor für Gesundheits- und Bildungspolitik an der Hertie School of Governance in Berlin, können aber auch kostenlose Angebote in Form von Lernspielen oder Übungsmaterial zum Beispiel von gemeinnützigen Vereinen oder lokalen Initiativen das Kind weiterbringen. Eine langfristige und gezielte Förderung sei dadurch aber nicht gegeben. „Das ist schon eine Kunst und die kostet Geld“, sagt er.

Doch nicht alles, was kostet, stehen auch gleichzeitig für Qualität und Seriosität. Um Kostenfallen zu umgehen und zu verhindern, dass man später lange Zeit an ein Angebot gebunden ist, mit dem man unzufrieden ist, rät die Verbraucherzentrale Niedersachsen, genau zu vergleichen und sich ausführlich über die Anbieter und die Qualifikationen von potenziellen Online-Nachhilfelehrern zu informieren. Es ist wichtig, im Vorfeld Preise und Vertragsbedingungen zu vergleichen und kostenpflichtige Angebote am besten erst auszuprobieren, bevor ein teures Abo abgeschlossen wird. Zahlreiche Anbieter geben ihren Nutzern die Möglichkeit, ihre Inhalte unverbindlich und kostenlos zu testen.

Lernen ohne Druck

Schwarze Schafe habe es laut Hurrelmann auf dem Nachhilfemarkt schon immer gegeben – auch lange bevor es digitale Angebote gab. „Es hat gedauert, bis sich das sortiert hat. Aber das hat es und das wird es in den kommenden Jahren auch online tun.“ Bis dahin bleibt die Wahl für Eltern mit Recherche verbunden. Doch er gibt auch Entwarnung: Gerade die Onlineangebote an denen erfahrene Nachhilfeanbieter aus dem nicht digitalen Bereich beteiligt sind, seien in der Regel verlässlich. Bei Unsicherheiten empfiehlt Hurrelmann einen direkten Austausch: „Andere Eltern fragen und die Schule einbeziehen. Das ist wichtig“, so der Bildungsexperte. Er rät, das Thema gemeinsam mit den Lehrern zum Beispiel auf einem Elternabend zu thematisieren und sich über Erfahrungen auszutauschen. Was empfiehlt die Schule und welche Plattformen kennen andere Eltern? „Dieser Weg ist aktuell der sicherste Informationskanal“, sagt Hurrelmann.

Um gewünschte Lernerfolge zu erzielen, gilt insgesamt aber neben der Seriosität des Anbieters vor allem eines: „Das Kind muss selbst merken, dass es etwas bringt, und Spaß daran haben“, sagt Hurrelmann. „Man muss aufpassen, dass man das Kind nicht unter Druck setzt.“

Auf dieses Motto setzt auch Familie Steib-Golles. Zwar will sie nach dem ersten Fehlgriff bald mit Silas noch eine neue Online-Plattform ausprobieren, aber nur als Zusatz, der zum Lernen motiviert und Spaß macht. Bei der Nachhilfe setzt die Familie weiterhin auf das Angebot der Schule.

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